Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg

Das Kloster Obermarchtal

Ort des Preisträgerseminars

Die Farbaufnahmen vom Kloster Obermarchtal wurden während des Preisträgerseminars im Juli 2000 gemacht.

Benediktinerkloster - Prämonstratenserstift - Reichsabtei - Akademie

Als Benediktinerkloster wurde Obermarchtal um das Jahr 776 gegründet. Es gehörte zum Kloster St. Gallen und zerfiel in den kriegerischen und politischen Auseinandersetzungen jener Zeit. Herzog Hermann II. von Schwaben und seine Frau Gerberga gründeten um 990 ein neues Kloster, das Pfalzgraf Hugo von Tübingen und seine Frau Elisabeth um 1171 in ein Prämonstratenserstift umwandelten. Mönche aus dem Kloster Rot an der Rot zogen dort ein.

Mitte des 15. Jahrhunderts wurde Obermarchtal Abtei, fünfzig Jahre später Reichsabtei, bei der 11 Pfarreien inkorporiert waren. Ende des 17. Jahrhunderts wandelte sich das äußere Bild des Klosters. Abt Nikolaus Wierith ließ in den Jahren 1686 bis 1701 die Klosterkirche neu erbauen und beauftragte damit den Vorarlberger Michael Thumb, nach dessen Tod seinen Bruder Christian und seinen Vetter Franz Beer. Johannes Schmuzer aus Wessobrunn schuf die Stuckdekoration. Der Ausbau des Klosterkomplexes jedoch zog sich bis 1769 hin.

Textfeld:  

Abbildung: Chorgestühl der Obermarchtaler Klosterkirche von Paul Speisegger,
 fertiggestellt 1660 

Abbildung: Chorgestühl der Obermarchtaler Klosterkirche, von Paul Speisegger 1660 fertiggestellt

 

 

 

Kunstfreunde kommen im ehemaligen Kloster Obermarchtal, am rechten Ufer der Donau gelegen, so recht auf ihre Kosten: in der monumentalen, üppigen barocken Klosterkirche mit ihrer Vielfalt an Stuckverzierungen, mit ihrem einmaligen Spiel von Licht und Schatten über den Emporen, ihrem in Braun und Gold gehaltenen Hochaltar von über 16 Metern Höhe, dem bilderreichen Chorgestühl und der Orgel des berühmten Orgelbaumeisters Johann Nepomuk Holzhay. Die ist auf der Abbildung links im Hintergrund links oberhalb des Hauptportals der Klosterkirche noch gut zu erkennen.

Obermarchtaler Geschichten

Obermarchtal hat neben seinen überaus wertvollen Kunstschätzen auch eine Menge an Klostergeschichte zu bieten. Zu den spektakulärsten Ereignissen zählt sicherlich die Brautfahrt der Marie Antoinette.

Der südöstliche Pavillon des Klosters wurde als Logis für die Tochter Maria Theresias, Marie Antoinette gebaut, die im Jahr 1770 auf ihrer Brautfahrt nach Versailles in Obermarchtal Station machte. Marie Antoinette, Erzherzogin von Österreich, ehelichte den französischen Thronfolger Louis Auguste, der als König Ludwig XVI. im Jahr 1793 auf der Guillotine der Revolution starb. Marie Antoinette wurde im ebenfalls geköpft. Ihre Brautreise von Wien nach Paris dauerte ganze 24 Tage und war für die Bewohner der Ortschaften, durch die der Zug von 57 meist sechsspännigen Wagen  fuhr, eine wahre Sensation.

Bis ins kleinste Detail war alles geregelt. Die Straße von Ehingen über Riedlingen und Meßkirch nach Stockach wurde ausgebessert und trug fortan den Namen "Dauphine". Die Männer der Bürgerwehren bekamen neue Uniformen, durften sich die Haare nicht mehr schneiden, denn diese wurden in einen langen "Militärzopf" gebunden und seitlich an den Schläfen zu "Boucles" aufgerollt. Exakt zwei Monate lang durften sie sich nicht mehr rasieren, damit der Schnurrbart zur richtigen Länge heranwuchs.

Marie Antoinette reiste mit einem Hofstaat von 235 Personen von Günzburg über Ulm, wo sie Station machte, nach Obermarchtal. Dort tafelte die Gesellschaft festlich und schaute anschließend der Aufführung von Sebastian Sailers Festspiel „Beste Gesinnungen Schwäbischer Herzen“ zu.

 

 

Sebastian Sailer (1714‑1777) war Mönch in Obermarchtal, begabter Prediger und gerühmter Verfasser bäuerlich-derber Komödien. Mit bissigem Humor verwies er die Braut auf die Mühen, die die Fronarbeit beim Straßenbau - ihr zur Ehren - mit sich gebracht hatte.

S’Wegmacha ischt a baisa Sach,

koi Arbet ischt so schlimm:

Ma hot koi Haus, ma hot koin Dach,

und’s Fuatter isch so glimm...

Als der zuständige Pfarrer seinen, zwangsarbeitenden Bauern mitteilte, dass die Straße für die Tochter Maria Theresias gebaut wurde, waren sie jedoch voller Freude und Jubel, so berichtete jedenfalls Sebastian Sailer. Ob das Festspiel Marie Antoinette gefallen hat, ist nicht überliefert. Sie reiste am nächsten Tag weiter.

 

Der Obermarchtaler Spiegelsaal (unten von außen)

Das Ende des Klosters

Im Reichsdeputationshauptschluss des Jahres 1802 erhielt Fürst Karl Alexander von Thurn und Taxis Kloster Obermarchtal als Entschädigung für den Verlust seiner linksrheinischen Besitzungen. Das Kloster wurde geschlossen, die Abteikirche wurde nur noch als Pfarrkirche benutzt. Der letzte Abt des Klosters, Friedrich von Walter, verfasste eine "Kurze Geschichte von dem Prämonstratenserstifte Obermarchtal von seinem Anfange 1171 bis zu seiner Auflösung 1802", die im Jahr 1835 gedruckt erschien. Anfang Mai 1802 zum Abt gewählt, beschrieb er auf den letzten Seiten seines Buches das Ende des Klosters mit der Säkularisation. Genauestens kann man nach diesem Bericht den Verlauf der "Ubernahme" verfolgen. Am 4. Oktober des Jahres 1802 kam der "Kommissär" in Obermarchtal an. Dieser rief den Abt und die Kapitulare zusammen und las ihnen seine Vollmacht vor, das Stift in Besitz zu nehmen. Abt und Kapitel fügten sich "in den Drang der Zeitumstände", doch Abt Walter setzte hinzu: "Welche Gefühle dieser Akt der provisorischen Besitznahme in unsern Herzen erregte, kann nur der begreifen, der es selbst erfahren hat." Anschließend vollzog ein anderer "Kommissär", Hofrath Doll, die "Civilbesitznahme". 

Schwierigkeiten gab es vor allem bei der Abwicklung der Finanzen, denn laut Reichsdeputationshauptschluss stand den Mönchen eine Abfindung von 300 bis 8000 Gulden zu. Abt Friedrich Walter erhielt eine Pfarrstelle in Kirchbierlingen sowie eine Pension von 5500 Gulden. Seine Klosterbrüder bekamen, nach langen, zähen Verhandlungen, gestaffelte Pensionen: Laienbrüder 250 Gulden, die Novizen 400 Gulden, der Prior und die älteren Klosterbrüder 600 Gulden. Bis zum 1. April des Jahres 1803 hatten die Mönche das Kloster zu räumen. Abt Friedrich von Walter resümierte: "So endet ein Stift, das über 600 Jahre bestanden nicht durch Betrug und Gewalt, sondern durch Geschenke, durch Sparsamkeit und Käufe sich so sehr emporgeschwungen seine Unterthanen so vielfältig unterstützt, so viele Arme ernährt, als Reichsstand die Pflichten des Sozial-Verbandes bis auf den letzten Augenblick auf das genaueste erfüllt, soviel Verfolgungen und Lasten bestanden und doch seinem Nachfolger eine beträchtliche Herrschaft samt Kapitalien, Meubles und Einrichtung von einem Werth, welchen Ackermann auf 200,000 fl. schätzte, überließ. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen sein Name sey gepriesen".

Im Jahr 1973 erwarb das Bistum Rottenburg das Kloster und richtete in einem Teil eine Akademie für kirchliche Lehrerfortbildung ein. In der ehemaligen "Ökonomie" des Obermarchtaler Klosters ist das "Depot für bewegliche Kirchenausstattung" der Diözese Rottenburg-Stuttgart untergebracht. In dieser in Baden­Württemberg einmaligen Einrichtung werden seit 1986 gefährdete sakrale Kunstwerke gesammelt, die lange Zeit gering geschätzten Werke der Jahrhundertwende, abfällig als „Schreinergotik“ bezeichnet. Das Obermarchtaler Depot bewahrt die Kunstwerke auf und schützt sie vor dem Verfall, so dass sie unversehrt ins nächste Jahrtausend hinübergerettet werden können.

 

Auszug aus: Walter / Pfründel, Streifzüge im Donautal, 1989

Textfeld:  
Abbildung: Prospekt des Klosters unter Abt Ulrich Blank um 1740

NACH OBEN