12. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2002

 

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Abt Benedikt Knittel von Schöntal und seine Inschriften

Abt Benedikt Knittel (1650-1712) ist besser als sein Ruf. Besser noch, sein Ruf, der Vater der Knittelverse zu sein, geht völlig fehl. Knittelverse sind die entarteten Abkömmlinge der althochdeutschen Reimpaare, bei denen die Versbetonung und die sinntragenden Wortsilben nicht zusammenfallen, sondern auseinanderklappern: knitteln. Knittelverse haben vier Hauptbetonungen pro Vers, mag dazwischen passieren, was will, und sie reimen, koste es, was es wolle.

„Ledig zu sein solchen Ungemachs,

Setze ich  in die Werkstatt mich, Hans Sachs.”

Abt Knittel dagegen schreibt überwiegend lateinisch und fast immer in den Metren antiker Verse, die er vorzüglich beherrscht. Am häufigsten verwendet er Hexameter, gereimte und ungereimte, und Distichen. Freilich lässt er es sich nicht entgehen, seinen Namen mit dem traditionellen Knittelvers in Verbindung zu bringen in einem regelrechten Distichon:

Non nisi Knittelios didici componere Versus,Hexameter &

Multa tamen vitae hi dant documenta bonaePentameter = Distichon

(Ich habe nur gelernt Knittelverse zu schreiben,

Aber sie geben viele Lehren für ein rechtes Leben.)

Johannes Knittel wird 1650 in Lauda geboren. Bei seiner Profeß 1671 im Zisterzienserkloster Schöntal (Speciosa Vallis) erhält er den Namen Benedikt. In seinen Versen wird er später mit diesem Namen spielen und ihn sowohl in Anspielung auf den Ordensvater Benedictus, wie in seinem wörtlichen Sinn, der Gesegnete, verwenden. Nach dem Studium in Würzburg(?) und der Priesterweihe (1675) hat er viele Ämter inne. Er ist Cantor (1676), sein erstes großes Werk als Abt wird später die Erneuerung und Erweiterung der Orgel sein, Subprior (1677), verfasst die Annalen des Klosters, wird Amtmann (Servitor, 1678), ist verantwortlich für die Früchte, den Wein und die Mühlen, wird Prior (1681), Novizenmeister (1682) und schließlich 1683 Abt. Neunundvierzig Jahre lang, bis 1732, steht er dem Convent vor und hat in dieser Zeit die barocke Neugestaltung der ganzen Abtei geplant und fast zu Ende geführt, die Wasserversorgung und die Fischteiche gebaut und eine große Zahl verschiedenartigster Bauten in den Klosterhöfen und Klosterdörfern aufgeführt und hergerichtet. Er hinterlässt geordnete Finanzen. So weit wir erkennen, hat auch das monastische Leben unter seiner Herrschaft geblüht; nahezu achtzig Mönche legen während seiner Regierung die Gelübde ab. Das Bildprogramm der Abteikirche zeigt seine theologische Gelehrsamkeit und seine Frömmigkeit.

Bildquelle: http://www.erzabtei.de/html/Jahrbuch/2002/Knittel/Knittel.html

Was ist darüber hinaus das Besondere an diesem barocken Zisterzienserabt? Er hat so ziemliche alle Begebenheiten seiner langen Regierungszeit und seine ganze vielfältige Tätigkeit als geistlicher Vater, Bauherr und Landesherr eines winzigen Kleinstaates mit seinen Versen begleitet. Ob er dem Kaiser gratuliert oder kondoliert, einen Rechtsstreit mit dem Erzbischof von Mainz ausficht, eine Scheune errichtet, eine Kapelle restauriert, ein Weinfass aufstellen lässt oder den Klosterneubau plant, beginnt und zäh und energisch über fünfunddreißig Jahre hinweg fortführt, immer fasst er sein Tun in Knittelios Versus. Er bringt diese nicht etwa nur zu Papier, im Grundbuch des Klosters zum Beispiel, in den Klosterannalen, in seiner Korrespondenz oder privaten Aufzeichnungen, sondern er schreibt sie den Werken selber ein. Seine Inschriften finden sich an den Wänden der Gebäude, die er errichten lässt, an den Grundsteinen, Gesimsen, Säulen und anderen Teilen des Kirchenbaus, so wie er Schritt für Schritt vorankommt, an den Sonnenuhren, Keltern, Fässern, Wegkreuzen und Klosterhöfen, über den Türen der Mönchszellen, der Toiletten und der Sakristei, der Infirmerie (Krankenzimmer), des Archivturms, des Waschhauses und der Küche, wie an der imposanten Kirchenfassade. Die vielteilige Anlage der Abtei Schöntal ist also nicht nur nach einem Bauprogramm errichtet, sondern auch in einem Wortprogramm erfasst. Die Gebäudeteile und Gebäude stehen nicht nur in einem Zusammenhang, der dem praktischen Leben ein Haus gibt, dem geistlichen-monastischen Leben dient und den Convent und die äbtliche Herrschaft sinnlich zur Anschauung bringt, dieser Zusammenhang ist ihnen auch  ganz wörtlich  eingeschrieben. So wird z.B. jede Mönchszelle mit einem Vers der Heiligen Schrift bezeichnet und ausdrücklich auf einen vorbildlichen Heiligen bezogen; die Morgenglocke nennt ihre Aufgabe (Laus divina sonet); das Krankenzimmer mahnt zu tätigem, Leiden lindernden Dienst; die Toiletteninschrift erinnert humorvoll an leibliche Nöte; die Weinfässer sprechen von der Arbeit im Wingert, von den vielen Weinsorten, den Arten des Durstes und der Lust maßvollen Genusses; der Eingang zur Klausur erklärt, was ein Gebäude zum Kloster und einen Menschen zum Mönch macht:

Abt Knittel hat überdies seine Verse sehr häufig als Chronogramme komponiert. In den lateinischen Worten versteckt, erscheint der Zeitpunkt, zu dem das jeweilige Werk begonnen oder vollendet wurde und der Anlass, den das Werk dem Gedächtnis erhält. So stehen z .B. unter dem Marienbild an der Kirchenfassade die Reimverse:

AVE MARIA, GRATIA PLENA,

5+1000+1+1+50=1057

PVLCHRA, SED PIA, TOTA SERENA

5+50+100+500+1=656 Summa 1713

(Sei gegrüßt Maria, voller Gnaden, / Schöne und Heilige, ganz Heitere)

(1713 ist die Fassade vollendet.)

Bildquelle: http://www.erzabtei.de/html/Jahrbuch/2002/Knittel/Knittel.html

Für den barocken Abt ist das Chronogramme nicht nur ein Spiel, in dem er Begebenheiten, Werke und ihre Anlässe datiert und die Klosterchronik an den Wänden fortsetzt. Er schreibt vielmehr die Begebenheiten und Werke der Geschichte ein, die für ihn die Geschichte des Heils ist.

Die Inschrift der Sonnenuhr an der Klosterwaschküche (heute Gasthof zur Post) spricht diesen Sachverhalt so selbstverständlich wie unaufdringlich aus:

 

HOMO OCCIDET:      Der Mensch wird untergehn:

MORS OCCIDET:      der Tod bringt den Untergang und wird untergehn:

HINC HORAM DOCEO   daher zeig ich die Stunde

OCCIDENTEM.  des Untergangs.

Die Sonnenuhr zeigt nach Westen (Occidens). Sie zeigt hin auf die Stunde des Todes und den Tod des Todes: mors occidit. Das Chronogramm jeder Zeile ergibt das Jahr 1700.

Die meisten seiner Verse hat Abt Knittel lateinisch geschrieben. Es sind keine Poster, keine Werbetexte. Sie wirken nicht nach außen, stechen nicht ins Auge und in eine illustrierte Phantasie. Es sind Inschriften für aufmerksame, müßige Leser, die selber mit Witz und Spürsinn den Rhythmen und Reimen, den Wortspielen und Anspielungen und Chronogrammen nachgehen.

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 An der Sonnenuhr im Klostergut Halsberg

TE MONEO, DOCEO, TACEO /

CAMPANA DAT ECHO

Ohn fragen / ohn sagen

Mit zeigen / mit schweigen

Beym Sonnen-Licht / gib ich Bericht

Von Sicherheit der Stund und Zeit.

(Ich mahne dich, lehre dich und doch schweig ich / die Glocke tönt Widerhall)

Friedrich Uehlein

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Die Zitate sind folgenden Sammlungen entnommen:

- Friedrich Albrecht, Abt Benedikt Knittel und das Kloster Schöntal als literarisches Denkmal. Marbacher Magazin 50 (1989).

- Wynfrid Stiefel, Knittelverse. Inschriften aus dem Kloster Schöntal. O.J., o.O.

Weitere Literatur:

- 825 Jahre Kloster Schöntal. Bildungshaus Kloster Schöntal, 1980.

- Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern, Bd. 24: Hohenloher Land. Verlag Philip von Zabern, Mainz 1973.


LINK

-> Zur Seite "Knittel-Verse" der Erzabtei St. Ottilien (Bayern) über Abt Benedikt von Knittel

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