12. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2002

 

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Dorf macht Theater - Theater macht Dorf!

Kulturmarketing in Jagsthausen

"Jaxthausen ist ein Dorf und Schloss an der Jaxt, gehört seit zweihundert Jahren den Herrn von Berlichingen erb- und eigentümlich zu", so plappert Karl, des Goetheschen Götzen Sohn im 1. Akt des Schauspiels, was man ihn auswendig lernen ließ.  Sein Vater murrt über dieses sinnentleerte Behalten: "Das frag ich nicht. Ich kannte alle Pfade, Weg und Furten, eh ich wusste, wie Fluss, Dorf und Burg hießen."

Burg , Dorf und Fluss heißen noch heute so, das Dorf hat 122o Einwohner, die Familie Berlichingen wohnt im Schloss.  Die "Burgfestspiele Jagst­hausen" , ein Heimat- und Verkehrsverein, wurden 1949 (!) gegründet. Seither ist ein Mitglied der Familie Berlichingen  Erster Vorsitzender, der Bürgermeister führt die Geschäfte; der Bundespräsident übernahm seit 195o , dem Jahr der ersten Aufführung - mit Goethes "Götz von Berlichingen" - , die Schirmherrschaft.

Konsequent wurden im Rahmen dieser eher bescheidenen Konstruktion Theaterfestspiele entwickelt, die im Konzert der jetzt zehn  namhaften deutschen Festspielorte von Gandersheim über Hersfeld bis Wunsiedel einen klangvollen Namen tragen.

Zum "Götz" kamen im Lauf der über 50 Jahre weitere Stücke von Shakespeare bis Brecht; 1980 wurde zum ersten Mal ein Kinderstück gespielt: "Pippi Langstrumpf", 1990 erstmals ein Musical. Solche Ausweitung erforderte auch große technische Innovationen: 1992 wurde eine neue Beleuchtungs- und Beschallungsanlage für die Freilichtbühne im Burghof installiert.

Die Zwischenbilanz im Jahr 2001: 1.916 465 registrierte Besucher seit der Gründung; bei mehr als 2.300 Vorstellungen waren über 1.500 Schauspieler engagiert.

"Evita"-Dekoration über der Bühne in Jagsthausen 2002

 

Das Jahr 2001 war für die Burgfestspiele das bisher erfolgreichste. Über 80.000 Besucher kamen zu "Götz", "Faust I", "Evita" und "Aschenputtel". Die Festspiele gaben sich mit einer gemeinnützigen GmbH eine neue Rechtsform, die Schirmherrschaft übernahm der Unternehmer Reinhold Würth, Geschäftsführer sind Alexandra Freifrau von Berlichingen, Bürgermeister Roland Halter und Hotelier Jürgen Bircks.

In diesem Jahr, 2002, stehen an 63 Tagen 82 Aufführungen auf dem Programm. Gespielt werden "Götz", "Pinocchio", "Faust I", "Evita" und "Der eingebildete Kranke" in den Hauptmonaten Juni bis August. Vorher schon gab es ein umfangreiches Rahmenprogramm, das im Oktober endet  mit "Shakespeares Werke, leicht gekürzt" . Als Intendant - seit dem Jahr 2000 -  zeichnet für dieses Programm mit insgesamt 11 Produktionen Jan Aust verantwortlich.

In Jagsthausen spielen zu dürfen, gilt als Ehre für die Berufsschauspieler, als Verpflichtung und gern geübtes Ehrenamt für die Laien- Mitwirkenden aus dem Dorf und der näheren Umgebung.

Der historische Götz, selbst ein erfolgreicher Geschäftsmann in wirt­schaftlich und politisch schwierigen Zeiten, würde voller Genugtuung auf diese Leistung blicken; Goethes Götz, der an seiner Zeit Scheiternde, hätte zumindest seine helle Freude an dem Elan und an dem Geist, der sich mit Liebe zum Detail um sein Erbe kümmert, es weiterentwickelt und so bewahrt.

Die Preisträger und Kuratoren in der Jagsthauser Freilichtbühne nach der am Vorabend besuchten Generalprobe zu Andrew Lloyd Webbers "Evita" (zur Vergrößerung auf's Bild klicken!)

 

Die Erfolgsstory der Burgfestspiele von Jagsthausen erzählt allerdings auch von harter Arbeit und geschäftlichem Wagemut.  Heute ist die professionelle Freilichtbühne mit 1014 Sitzplätzen, einer computer­gesteuerten Beschallungs- und Beleuchtungsanlage auch ein Motor der wirtschaftlichen Entwicklung im Dorf und im Umland.  Da sind zunächst die Arbeitsplätze im künstlerischen Bereich sowie die in der Technik, der Schreinerei, Bühnenbildnerei und in der Gewandmeisterei. Mehrere Personen arbeiten in der Kartenstelle und in der Verwaltung, insgesamt 18 Teilzeitarbeitsplätze (etwa 15) schafft die Saison zusätzlich. Dazu kommen die Leistungen, die der Bauhof der Gemeinde ausführt: die Stahlrohrtribüne steht nicht das ganze Jahr über im Burghof. Die Hotellerie und die Gastronomie profitieren bis nach Möckmühl und Friedrichsruhe/Öhringen von den jährlich bis zu 80.000 Besuchern. Manche berufliche Karriere begann in Jagsthausen, auch von Leuten hinter der Bühne.

Aber auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Vereins profitieren. Als Mitwirkende bekommen sie - gleich ob Schüler oder Erwachsene-  3,60  Euro pro Stunde Anwesenheit. Da ist manches Moped, mancher PC finanzierbar geworden. Überhaupt das Geld.  Bei einem - Jahresetat, der nahe an 1,8 Mio. Euro herankommt. sind lediglich 20% durch öffentliche Zuschüsse gedeckt. 80 % müssen durch eigene Einnahmen beschafft werden. Da hilft seit 1987 auch der Verein der "Freunde der Burgfestspiele Jagsthausen", dessen Vorsitzender, Prof. Dr. hc. Reinhold Würth, engagiert für das Theater wirbt, um die Mitgliederzahl von heute ca. 610 zu vergrößern und damit die finanzielle Unterstützung auch in Zeiten drastisch verringerter öffentlicher Kulturförderung zu erhalten.

"Natur und Kultur', so wirbt Jagsthausen im modern aufgemachten Internet-Prospekt um die Gunst der Besucher und verspricht, "es gibt sie noch, die Fleckchen Erde, die so sind wie zu Berlichingens Zeiten." Das ist, wenn auch nicht gerade wörtlich zu nehmen, so doch sublimer Geist des "Sturm und Drang“, dieser "Geniebewegung", der nach Urwüchsigkeit, Lebendigkeit und Freiheit war, der Authentizität zwar ein Fremdwort war, das damit Bezeichnete aber als zentrales Anliegen galt. So gesehen, wird die Götzenburg – „Wiege und Stammsitz des Götz v. Berlichingen; Schauplatz der Weltliteratur; Dichtung und Wahrheit faszinierend vereint...“- in der Tat zu einem Platz, an dem der Besucher im Sommer "die Füße ins ewig dahinfließende Wasser und die Seele in die Freiheit baumeln lassen " kann, ganz im Sinne des jungen Goethe und seiner Gesinnungsfreund

Darauf sind die Jagsthauser stolz: Sie haben das "einzige Theater in Deutschland, an dem seit 1950 das gleiche Stück... gespielt wird" und das "einzige Theater Deutschlands, an dem der Spielort gleichzeitig die historische Kulisse bildet."

Und Goethe hatte in seinem Brief an Kestner ja auch nicht gemeint, dass "Götz" dauern werde ohne jede Anstrengung. Er schließt diesen Brief über "den Götz": "Viele werden sich am Kleid stoßen und einigen rauen Ecken.  Doch habe ich schon so viel Beifall, dass ich erstaune. Ich glaube nicht, dass ich so bald was machen werde, das wieder das Publikum findet." Da irrte er: Schon im folgenden Jahr, 1774, erschien sein "Werther".  Aber sein "lieber Götz" blieb kraftvoll lebendig bis heute. Nicht zuletzt dank Jagsthausen.

Siegfried Körsgen

Aus dem Seminarprogramm vom 11.7.2002

Spaziergang nach Jagsthausen

 

DORF MACHT THEATER - THEATER MACHT DORF!

Vom Marketing eines Dorfes

Blick hinter die Kulissen mit:  

Jan Aust, Intendant, Landestheater Lüneburg

Roland Halter, Bürgermeister von Jagsthausen

Prof. Dr. Roman Herzog, Bundespräsident a.D.

Helga Wolf, Regisseurin, Choreographin

 

StD Heinrich Kühner, Gymnasium Möckmühl

StD Dr. Klaus-Peter Ewald, Kuratorium

Spannende Diskussion mit dem Altbundespräsidenten Dr. Roman Herzog (rechts neben Herzog: Halga Wolf, Regisseurin der Jagsthausener "Evita")


Die "Heilbronner Stimme" zum Preisträgerseminar (pdf)


LINK:

-> Zur Seite der Burgfestspiele Jagsthausen

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