12. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2002

 

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Aktualisierung: 26.4.2002 

Wettbewerbsbeiträge 2002 - Anmerkungen der Juroren


Thema 1

Passanten

Halten Sie Ihre Beobachtungen in einer Folge von Prosaskizzen fest.

Zu diesem Thema gab es die meisten Einsendungen: 262! Nicht allein die hohe Zahl, sondern auch die vielen engagierten Arbeiten und nicht zuletzt der eine oder andere Begleitbrief an die Jury lassen vermuten, dass dieses Thema Motivation und Schreiblust in besonderer Weise befördert hat. Vielleicht lag das auch an der Formvorgabe „Prosaskizze“. Die Skizze – flüchtige Zeichnung, kleine Geschichte (Duden) - kann die stilistischen Merkmale sowohl des szenischen Erzählens (Schilderung, wörtliche und indirekte Rede, Dialog) wie die des Panoramatischen haben (Raffung, Dehnung, Vorausdeutungen, Rückblendungen). Immer ist es die Erzählabsicht, welche die Perspektive bestimmt, aus der heraus dann die einzelnen Mittel eingesetzt werden. So ergibt sich die Stimmigkeit des Ganzen. Es ist also nicht die primäre genaue Beobachtung – sei sie nun real oder erinnert oder fiktiv - und ihre detaillierte und treffend formulierte sprachliche Wiedergabe, was die „Skizze“ konstituiert, sondern vielmehr der gedankliche Ansatz, die daraus folgende Aussageabsicht. Der konkrete Text muss exemplarischen Charakter haben für das Thema, dem der Gegenstand der Skizze die konkrete Anschauung verleiht.

Ein schnelles Missverständnis dieser Form „Skizze“ ist möglich, wenn das am Gegenstand Beobachtbare zum reinen Schreibanlass wird und das Urteilende, Wertende aus der Perspektive und dem Horizont des Verfassers den größeren Textanteil einnimmt oder gar ganz die Beobachtung verdrängt. Nicht wenige Arbeiten sind diesem Irrtum erlegen. Jede ist dabei anders: Neben einer Ich-Schau ins Innere während eines Café-Besuchs steht eine solche an wechselnden Schauplätzen. In einigen Arbeiten lassen die Verfasser einen Ich- Erzähler zu Wort kommen, der z. B. über sein Leben berichtet, zuweilen als Obdachloser sein Los bedenkt, sich in Passanten hineinversetzt.

Es gibt fiktive Erlebnisse – Erzählungen, in denen Prototypen (alter Mann, hilfloses Kind) kleine Geschichten erleben. Beliebte Orte sind der Bahnhof, der Eingang von Kaufhäusern, die Parkbank, das Café, die Bushaltestelle, der Zug.

Einige Einsender verlassen rasch die Ausgangsbeobachtung und formulieren ihre Gedanken über Themen wie Hektik, Menschen in der Masse, Leben und Sterben.

Andere haben den Begriff „Passant“ metaphorisch gebraucht zu Themen wie „Passanten meines Lebens“, „Mein Traumpassant“.

Diese alle gehören zu der Art von Texten, die protokollierend, berichtend und erzählend sowie im Ton eines Traktats urteilend – verurteilend daherkommen. Ich-Schau ist auch der fiktive Tagtraum sowie die Beschreibung innerer Horrorbilder.

Eine zweite Gruppe lässt sich herausarbeiten; es ist die der Erzählungen. Ganze Lebensgeschichten werden da mitgeteilt, aus der personalen Erzählperspektive der Hauptfigur, aus der Ich-Perspektive oder aus der Sicht eines auktorialen Erzählers. Alle diese Erzählungen sind fiktiv, selbst wenn sie z.T. genaue Beobachtungen beinhalten, und – sie sind nicht exemplarisch im oben genannten Sinn.

Stofflich prall, übervoll gar, aber eben auch in keiner Weise exemplarisch ist eine dritte Gruppe. Man könnte sie als Seh-Protokolle bezeichnen, die akribisch alles verzeichnen, was der Beobachter –fiktiv oder real - wahrnimmt. Manchmal werden daraus sprachliche Aphorismen oder knappe Gedankensplitter, dann sind es wieder ausgebaute, detailfreudige und gut gegliederte Schilderungen oder zumindest Beschreibungen. Zu dieser Gruppe von Arbeiten gehört auch der Versuch, Begriffe lebendig zu machen, sie in kleinen Szenen zu illustrieren: Kaufglück, Freude an Tieren, Kindheit, Liebe, Lebensfreude... Es braucht aber sehr großes Sprachvermögen, sollen die Szenen nicht steril wirken, die –erfundenen- Gespräche nicht trivial und nichtssagend.

Etwa ein Drittel der Arbeiten besteht aus echten Skizzen. Manchmal nur über drei oder vier verschiedene Personen, die man an der Bushaltestelle, im Bus, im Supermarkt „antrifft“; oder es sind vier solch typischer Szenen aus dem Alltag, wie z. B. der Gitarrenvirtuose als Straßenmusikant. Eine Skizzen-Reihe oder gar ein Skizzen - Reigen braucht neben der gelungenen Ausführung der Einzelskizze so etwas wie einen roten Faden oder eine Grundidee, die alles zusammenhält, miteinander verbindet. Das kann sein die Beobachtung über mehrere Monate hinweg jeweils einen Tag pro Monat vom gleichen Platz aus; das kann sein die Reise zur Buchausstellung, die einen ganzen Tag dauert und so immer wieder Beobachtungsgelegenheiten anbietet; das mag aber auch sein das Panorama unserer Alttagsgesellschaft, das Zusammen- und Gegeneinander von jung - alt, arm - reich, traurig - fröhlich, vereinsamt - geborgen, fremd - daheim.

Die Beobachtungen einer Reihe von Personen können durch Photos dokumentiert werden. Preiswürdig ist eine Arbeit dann, wenn diese Photos eine Ergänzung der Prosaskizzen sind, wenn die Skizzen aber auch ohne die Photos dem Leser Beobachtungen vermitteln. Am Ende bleibt  ein eindrucksvolles Bild, das den Leser nachdenklich werden lässt.

Eine Rahmenerzählung, die, zu Beginn nur knapp angedeutet, sich erst im letzten Satz zu erkennen gibt, liefert die ausgefallene Erzählperspektive eines Rollstuhlfahrers, der aus dem Souterrain eines Cafes die Beine, vor allem die Schuhe der Passanten beobachtet.

Wie aber bindet man fünfunddreißig solcher kurzen Skizzen zusammen? Man macht ein kleines Büchlein daraus, in dem der Leser blättern kann; von Seite zu Seite findet er selbst die Reihenfolge, in der er lesen möchte. Als PC- Benutzer kann man das Ganze – kein modernistischer Gag - mit „Links“ sich auf den Bildschirm holen: ein zeitgemäßes Kaleidoskop.

(Körsgen)


Thema 2

Hesse lesen

Begründen Sie fünf Motivvorschläge für eine Serie von Freecards oder einen Satz Europa-Briefmarken zum Hermann-Hesse-Jahr 2002

22 Teilnehmerinnen und Teilnehmer reichten eine Arbeit zu Thema 2 ein. Die Möglichkeit, hierbei mit einem Partner zu arbeiten, wurde von 10 Einsendern in Anspruch genommen.

Lobende Anerkennung verdienen alle Bearbeiter dieses Themas. Es gibt keinen Beitrag, der nicht wenigstens die Grundanforderungen erfüllt hätte, der nicht fleißig, ästhetisch ansprechend und sorgfältig ausgearbeitet wäre. Optische Glanzlichter sind darunter, die man am liebsten ausstellen möchte. So vor allem eine Arbeit, die ihr Arbeitsziel, einen Satz Hesse-Briefmarken zu entwerfen, auf erstaunlich professionelle und beeindruckend schöne Weise gelöst hat, aber zum Bedauern der Jury dennoch keinen Landespreis erhalten konnte. Die unbestrittene ästhetisch-künstlerische Leistung dieser Arbeit liegt in einem weit überwiegenden Maße auf gestalterischer Ebene, was von der Themenstellung aber nicht gefordert war.

Erwartet wurden nicht graphische, sondern verbale Leistungen, Begründungen von Motiven und Motivzusammenhängen auf der Grundlage einer soliden, möglichst authentischen (weil selbst er-lesenen) Kenntnis des literarischen Werkes, oder, je nach Arbeitsschwerpunkt, einer oder mehrerer Biographien zu Hermann Hesse. Die Qualität der graphischen Umsetzung hatte nur peripheren Einfluss auf die Bewertung des jeweiligen Beitrags, insofern die beigefügten Bilder das Beschriebene veranschaulichen und in ihrer Umsetzbarkeit bestätigen konnten. Ein zentrales Kriterium für die erfolgreiche Bearbeitung des Themas, ergab sich somit aus der Qualität der Begründung des einzelnen Motivs sowie der Kohärenz der Motive innerhalb einer Gruppe. Es waren Serien gefragt oder Sätze. Die Briefmarken- oder Freecard-Entwürfe sollten eine innere Einheit bilden. Ob diese als Kette von Werkmotiven präsentiert wurden oder als Abfolge von charakteristischen Lebensereignissen, war Sache des Verfassers. Nur, die Auswahl musste reflektiert und erläutert werden. Ein wichtiges Kriterium bildete in diesem Zusammenhang auch die Innovationskraft der Bearbeiter, ihre Fähigkeit phantasievolle Bildvorstellungen für die Briefmarke oder die (popigere Lösungen erlaubende) Freecard zu entwickeln.

Für die Wahl der Motive musste auch die werbende Funktion des Mediums bedacht werden und damit die Frage der Adressierung, d.h. an welche Personen oder Gruppen die Objekte gerichtet sein sollten. Andererseits mussten auch die unterschiedlichen Formatvorgaben in die Gestaltungsüberlegungen miteinbezogen werden. So forderte das kleinere Format „Briefmarke“ eine strenge Reduktion auf das jeweils Wesentliche.

Die mit einem Preis ausgezeichneten Arbeiten beeindruckten sowohl auf inhaltlicher Ebene, insofern überzeugende, am Leben und/oder Werk orientierte und aufeinander verweisende kohärente Motivbegründungen vorgelegt und in ihrer Bildlichkeit angemessen – verbal und/oder graphisch veranschaulicht wurden.

Nicht zum Zuge konnten solche Bearbeitungen kommen, die z.B. keinerlei Reflexion zum Medium bieten, deren Motivauswahl zufällig und willkürlich wirkt, deren Begründungen sich nicht auf eigene Lektürearbeit stützen können und vergleichsweise plakativ und vordergründig wirken. Dass komplexe mehrperspektivisch angelegte Entwürfe mit hoher Sehreizwirkung hier höhere Anerkennung erfahren konnten als schlichte Kopien von noch dazu recht bekannten Fotos aus dem Familienalbum der Hesses ist naheliegend. Aufmerksamkeit auf Hesse, Neugier für sein Werk sind damit wohl weniger gut zu erreichen.

Die Wertschätzung der Beiträge steht und fällt auch mit dem Ausdrucksvermögen der Bearbeiter. Erfolgreiche Arbeiten präsentieren sich in elaborierter, korrekter Sprache und können sich auf ein angemessenes Repertoire an Fachbegriffen stützen. Sie belegen ihre Aussagen und weisen die verwendeten Quellen – inklusive Internet – in einem Literaturverzeichnis nach.

(Ewald)


Thema 3

Soweit ich mich erinnere, wurde ich am 9. Januar 1890 als Angestellter der ´Weltbühne´ zu Berlin geboren. Tucholsky, 1926

Wie Dichter ihre Lebensbeschreibungen einleiten – Ein Essay

Dieses Thema haben sieben Schülerinnen und Schüler gewählt. Sie hatten bei der Vorbereitung mehrere Fragen für sich zu beantworten: Welche Schriftsteller haben  Autobiographien verfasst? Welche von diesen eignen sich für das Thema? Welche Leseleistung kann man einplanen? Wie gießt man die gewonnenen Erkenntnisse in einen Essay?

Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich mit den Autobiographien von Augustinus, Rousseau, Goethe, Fontane, Kästner, Brecht und Tucholsky beschäftigt. In einzelnen Arbeiten werden die Lebensbeschreibungen von Hans Christian Andersen, Elias Cannetti, Frank Mc Court, Günter De Bruyn, Hoimar v. Ditfurth, Alfred Döblin, Friedrich Dürrenmatt, Claire Goll, Maxim Gorki, Heinrich Heine, Gottfried Keller, Justinus Kerner, Astrid Lindgren, Leo Malet, Klaus  Mann, Karl Philipp Moritz, Pablo Neruda, Boris Pasternak, George Sand, Manes Sperber, Leo Tolstoj und Carl Zuckmayer betrachtet – ein breites Spektrum also!

Eine weitere Anforderung bestand darin, sich zu vergewissern, welche Textart durch die Aufgabenstellung vorgegeben war. Die große Freiheit, die der Essay seinem Verfasser lässt, wurde von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern unterschiedlich genutzt. Einige stellten in chronologischer Reihenfolge eine Anzahl von Autobiographien vor, behielten dabei aber nicht unbedingt im Auge, welche Funktion die Einleitung hat und welche Konsequenzen sich aus ihrer Gestaltung für die Autobiographie ergeben. Eine essayistische Betrachtung der Einleitung von Autobiographien setzt auch eine gewisse Kenntnis der Texte dieser Autoren – und keineswegs nur die Kenntnis ihrer Autobiographie selbst – voraus. In diesem Punkt unterscheiden sich die eingereichten Arbeiten. Manchen ist Belesenheit deutlich anzumerken, andere haben sich mehr auf Sekundärliteratur gestützt, wobei zuweilen die Frage offen bleibt, ob die Gliederung der Arbeit und die Sichtweise von Autoren und Sachverhalten das Ergebnis eigener Erkenntnis ist, oder ob sich die Verfasserinnen und Verfasser den Autoren von Sekundärliteratur ohne weiteres argumentatives Abwägen angeschlossen haben.

Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben ihre Texte liebevoll gestaltet, indem sie Bilder der Autoren eingefügt haben.

Die Jury hat zwei von den sieben Arbeiten für einen Preis ausgewählt. Beide erfüllen die Forderungen, die ein Essay stellt, in besonderer Weise.

Während die eine Preisarbeit, ein Text von 13 Seiten mit Literaturverzeichnis und vorbildlicher Zitatwiedergabe sowie deren Beleg, in geistvoller Weise und durchaus subjektiver Betrachtung die Anfänge der Autobiographien von Augustinus und Goethe gegenüber stellt und daraus Kategorien der Betrachtung weiterer Lebensbeschreibungen entwickelt, nutzt die Verfasserin der anderen Preisarbeit die offene literarische Form des Essays. Das gesprächshafte Moment, das dieser Textart zum Beispiel im Brockhaus zugeschrieben wird, ist in dieser Arbeit zum tragenden Prinzip gestaltet: Drei Autoren werden von einer fiktiven Journalistin interviewt und geben Auskunft darüber, wie sie ihre Lebensbeschreibung und insbesondere deren Anfang gestaltet haben. Die gewählte Form zeigt in der Montagetechnik Belesenheit und gibt durch die fiktive Journalistin genügend Raum für das subjektive Moment. Auch diese Arbeit weist eine Literaturliste auf und zitiert exakt.

(Bauer)


Thema 4

„wer reitet so spät durch Nacht und Nebel ...“

Variation und Original – Vergleichen Sie wenigstens drei Parodien zu einem klassischen Gedicht mit dem Original.

Zum Thema 4 haben sechs Wettbewerbsteilnehmer ihre Arbeiten eingereicht. Sie gehen in der Form des Referats von der Definition der Parodie als Neben- oder Gegengesang aus und interpretieren das „klassische“ Gedicht ihrer Wahl und eine jeweils daran anschließende Folge von Texten, die gewitzt komisch oder auch aggressiv bitter mit seinen formalen und inhaltlichen Elementen spielen. Sie suchen ihre Beispiele in Parodie-Büchern und im Internet und nehmen vor allem die Gedichte auf, die in besonderem Maße Parodien herausgefordert haben: Schillers „Würde der Frauen“, Goethes „Erlkönig“, sein „Mignon“-Lied und „Über allen Gipfeln...“, Eichendorffs „Abschied“ und „Das zerbrochene Ringlein“ und Heines „Die Loreley“.

Eine besondere Schwierigkeit dieser Aufgabe liegt darin, über eine formale Interpretation und Typologisierung der parodistischen Bezugnahmen hinaus zu erfassen, wie und in welcher Absicht der Parodist die berühmten Vorbilder in seinem Text entstellt zur Geltung bringt; in welchem historischen oder aktuellen Kontext seine Parodie wirksam sein soll; ob und warum er das „klassische“ Gedicht und seinen Dichter angreift oder ob er im parodierten Ton des bekannten Ausgangstextes etwas ganz anderes kritisch lächerlich macht. Manche der in den Referaten herangezogenen Parodien, Internetware vor allem, sind dagegen nur einfältige Blödelnummern und lassen ernsthafte Interpretation wie einen Versuch am untauglichen Objekt erscheinen. Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich daraus, dass die parodistischen Reaktionen auf ein Gedicht zunächst meist noch keinen anderen Zusammenhang aufweisen als den des gemeinsamen Ausgangstextes. Für ihre Darstellung muss also ein leitendes Interesse oder Engagement gefunden werden, das aus einer zufälligen Reihung einen einigermaßen geschlossenen Aufsatz entstehen lässt. Und noch etwas macht das Thema besonders anspruchsvoll: Die Erläuterung einer Parodie nimmt leicht die schalen Züge eines erklärten Witzes an, wenn sie nicht selbst durch einen sprachlichen Pfiff lebendig wird und neben Literaturkunde und Moral auch Biss gewinnt. Die eingereichten Arbeiten nehmen diese Schwierigkeiten auf hohem Niveau bewusst und engagiert auf und alle gelangen sie in einzelnen Aspekten zu guten und interessanten Lösungen. Im einen oder anderen Anspruch haben sie dabei die hohe Latte des Preises meist nicht ganz erreicht, sodass nur ein Beitrag ausgezeichnet werden konnte.

(Mönig)


Thema 5

„Macht- und Ohnmachtsfantasien in Rap-Texten – Manuskript für eine Hörfunksendung

„Nur wer in der Lage ist, mit seinem Mundwerk zu machen, was [die Leute] sich anhören können, kann eine echte Kommunikation herstellen“ (jalal nuriddin von den Last Poets). Mit dem Publikum in Kommunikation treten, „die Leute“ zum Nachdenken bringen über die gemeinsame Lebenssituation, ist das Anliegen des Rap seit Beginn und ist es heute noch – bei aller Verschiedenheit von Mitteln, Entwicklungen, Themen. HipHop – eine Bezeichnung für Jugendkultur – ist „Rap, Breakdance, Djing und Graffiti“.

Es ist hilfreich, sich mittels solcher Wertungen und Beschreibungen klar zu machen, dass Rap-Texte nicht in erster Linie eine spezielle Lyrik sein wollen – mit Anspielungen, Bildern metaphorischen Übertreibungen, mit Wortspielen und Wortneuschöpfungen, mit harter Antithetik, unterschiedlichen Sprachebenen von hochpoetisch bis zur Fäkalsprache, dies alles im stampfenden Beat des 4/4 Taktes. Vorrangig sind sie vielmehr entstanden aus der persönlichen Betroffenheit des Rappers und seiner Gruppe. Dieser Betroffenheit wollen sie emotionalen Ausdruck verleihen. Soziale Missstände wie Diskriminierung von Rassen, Schichten, Geschlechtern, politische Missstände wie Korruption, Manipulation der Wählerschaft, Machtmissbrauch von Einzelpersonen sowie Gremien oder Gruppen und Parteien, wirtschaftliche Missstände wie Kartelle, Monopole, unkontrollierte Machtkonzentration, Handeln gegen Gesetze und Vorschriften, Verschleierung von begangenen Verfehlungen, institutionelle Missstände wie Manipulationen durch Medien, Verhinderung von Aufklärung geschehener Straftaten, Parteilichkeit bei Verwaltungen, Polizei, Justiz, im Gesundheitswesen – kurz: das ganze Spektrum der gesellschaftlichen Wirklichkeit, und dies nicht nur beschränkt auf Deutschland oder Europa, sondern weltweit, insofern es Auswirkungen zeigt auf den Einzelnen hier. Das ist die „kritische Masse“, aus der die Betroffenheit des Rappers entsteht.

So erklärt sich, dass seine Texte in erster Linie Ausdruck sind seiner ohnmächtigen Wut, seines Auflehnungswillens und seines starken Wunsches, diese Zustände zu verändern. In der Erfahrung der relativen Hilflosigkeit des Einzelnen wurzelt die Ohnmacht, in der Wut und dem Hass der Auflehnung die Allmachtsfantasie und Gewaltmetaphorik.

Wer sich für dieses Thema entschied, dem boten sich bei der Ausarbeitung drei Schwierigkeiten:

- Es musste erst einmal ein geeignetes Textkorpus erarbeitet werden;

- Aus den Formulierungen des Rap-Textes war die komplexe Wirklichkeit zu rekonstruieren und kritisch zu hinterfragen;

- Die vorgeschriebene Hörfunkform war zu berücksichtigen.

Von den insgesamt 13 Einsendungen zu diesem Thema wurden in zwei Arbeiten Fremdtexte - aus dem Internet gewonnen - montiert, ohne jegliche Quellenangabe und ohne eigenen kritischen Kommentar. In Form des Referats, wie an der Schule üblich, gingen mehrere Bearbeiter das Thema an. Komplexer und mehr für den Hörgenuss gedacht war die Simulation eines Gesprächs in einer Szenekneipe. Der Verfasser unternahm zudem den originellen Versuch, den „Battle-Rap“ mit dem historischen Sängerstreit (1206) zu vergleichen. Eine Einsendung fiel insofern aus dem Bearbeitungsrahmen, weil sie aus eigenen Rap-Texten mit beigefügten Interpretationen des Verfassers bestand und in Videoform präsentiert wurde. Lebendig, selbstständig und kritisch, ganz im Sinne der Themenstellung waren zwei Abreiten. „Wenn man fürs Hören schreibt, sollte man wie geredet schreiben“, war das Motto der einen, einer Teamarbeit, verfasst von zwei Mädchen: Zwei Rundfunkmoderatoren, 1 Experte im Studio, jugendliche Anrufer sowie kurze Tracks geben den Rahmen für eine sehr authentische und spritzige Bearbeitungsweise des Gegenstandes Rap. Die flapsige Ausdrucksweise sowie die Verwendung spezieller Ausdrücke aus der Rap-Szene vermittelen Authentizität und unmittelbare Anschaulichkeit. Bei der zweiten preisgekrönten Arbeit analysiert und kommentiert ein Sprecher im Hörfunkstudio kritisch die zuvor eingespielten Tracks. Hier überzeugten die geschickte Auswahl der Rap-Texte einerseits und das engagiert-pointierte Analyseverfahren andererseits.

(Ewald-Spiller/Körsgen)


Thema 6

Er hât gar einn unhüfschen muot

der den wîben gewalt tuot.

Wie Männer und Frauen miteinander umgehen – Darstellungen im Höfischen Roman des hohen Mittelalters

Bei welchen Romanen trifft das Thema ins Schwarze, und welche eignen sich eher zu einem Vergleich? Die Themenstellung ließ dem Verfasser die Wahl. Die Entscheidung der Textgrundlage bildete somit den ersten und, wie sich zeigte, einen entscheidenden Schritt.

Die Romane Hartmanns von Aue und Wolframs von Eschenbach boten sich an. Zum einen sind sie leicht zugänglich, zum anderen trifft die Themenstellung zentrale Züge in der Bildungsgeschichte der Hauptfiguren. An Erec und Enite, Iwein und Laudine und Lunete, an Parzival und Condwiramurs, Gawan und Orgeluse und Antikonie, Sigune und Schionatulander und auch noch an Willehalm und Gyburg u.a. läßt sich besonders gut zeigen, wie Männer und Frauen im Höfischen Roman miteinander umgehen.

Auch das »Nibelungenlied« wurde gewählt. Aber selbst für Siegfried und Kriemhilt schickt sich das Thema nicht und Brünhilt und Hagen bilden geradezu einen Kontrast zur Höfischen Welt. Einen Gegensatz anderer Art zum höfischen Umgang zeigt sich in der bäuerlichen Welt von Wittenwilers »Ring«. Als Textgrundlage waren diese Werke nicht geeignet, als Kontrastfolie wären sie erhellend gewesen. In allen Arbeiten erschien auch der größte Liebesroman der Epoche, Gottfrieds »Tristan und Isold«. Die meisten Verfasser erkannten, daß es sich hier um eine extreme Ausformung handelt, wie ein Mann und eine Frau miteinander umgehen können und dabei ihre Welt aufs Spiel setzen. Freilich gibt der Roman gerade diesen Einzelfall den wahrhaft Liebenden zum Vorbild und zur Nahrung: „ir herzeliep, ir herzeleit / deist aller edelen herzen brot.“ (232 f.) »Tristan und Isold« ergänzt die anderen Romane und um eine äußerste Möglichkeit.

Historische und soziologische Studien zum Geschlechterverhältnis in der angesprochenen Epoche gibt es in Fülle. Sie wurden zumeist herangezogen – und dies zurecht -, um die Eigenart der literarischen Darstellung hervorzuheben. Ein Roman ist kein Tatsachenbericht und keine soziologische Untersuchung.

Am besten abgeschnitten haben die Teilnehmer, die sich nicht mit Inhaltsangaben und historischem Hintergrundswissen begnügten, sondern genau auf den Text von ein, zwei Romanen eingegangen sind, und den jeweiligen Umgang miteinander in seinen Höhen und Tiefen, seinen Verstrickungen und Verfehlungen und seiner Möglichkeit und seinem Glück verfolgt und dargestellt haben. „man und wîp diu sint al ein: / als diu sunn diu hiute schein / und ouch der name der heizet tac. / der enwederz sich gescheiden mac [keines läßt sich hier vom anderen trennen]: / si blüent ûz eime kerne gar.“ (Parz. 173.1-5)

(Uehlein)


Thema 7

„Mein Freund, ein Forschungsreisender ...“

Schreiben Sie den Erzählanfang weiter.

Zum zweiten Mal wurde in diesem Jahr ein Thema aus dem Bereich des kreativen Schreibens in die Themenliste des Landeswettbewerbs aufgenommen. Die Aufgabe, einen Erzählanfang fortzuführen, bearbeiteten 87 Schülerinnen und Schüler - eine Zahl, die der Jury deutlich zeigte, dass sie mit diesem Themenangebot richtig lag.

Der vorliegende Text - ein Erzählanfang - macht auf unterschiedlichen Ebenen `Vorgaben`, von denen die sich entwickelnde Erzählung geprägt sein muss. Dies sind zunächst Sachelemente, die eine Handlung in Gang setzen können: Personen, ihre Lebensverhältnisse oder ihre Beziehungen zueinander, Situationen oder Handlungselemente. Beim vorgegebenen Erzählanfang wären solche Sachelemente etwa der Ich-Erzähler, der Freund (ein Forschungsreisender), das Testament oder die Flinte. Ebenso fest vorgegeben und für die Konstruktion eines Fortsetzungstextes entscheidend ist die Erzählperspektive, im konkreten Fall die Ich-Perspektive. Sie bestimmt den Wissenshorizont, den der Erzähler haben kann und nur haben darf. Auch die Sprachebene ist nicht beliebig; die im Ausgangstext durch Wortwahl und Satzbau entstandene Atmosphäre ist zunächst bestimmend für den weiteren Text.

Die Aufgabe der Fortsetzungsautoren bestand nun darin, diese Vorgaben als solche zu erkennen und zu entscheiden, wie sie im weiteren Handlungsverlauf verwendet werden können. Wie immer die Entscheidung ausfällt - und hier sind sehr viele Entwicklungslinien vorstellbar - Vorgeschichte und Fortsetzung müssen jeweils für sich und im Verhältnis zueinander stimmig sein, der Übergang zwischen Erzählanfang und der individuellen Fortsetzung muss nachvollziehbar und überzeugend sein. Ein kurzes Verharren bei der Jagdsituation, um dann eine ganz eigenständige Geschichte zu schreiben, an deren Ende entweder die Flinte oder der Forschungsreisende wieder auftauchen, stellt diese notwendige und die weitere Erzählung bestimmende Verbindung sicher nicht her. In solchen Fällen sind die oben genannten Vorgaben eher zufälliges Beiwerk und illustrieren höchstens eine Erzählung, strukturieren und konstituieren sie aber nicht. Gerade in diesem Bereich lag jedoch ein Qualitätskriterium für die Fortsetzungsgeschichten: wie begründet, wie nachvollziehbar sind die Erzählschritte der entstandenen Geschichte, wie stimmig, wie nachvollziehbar ist ihre innere Logik?

Einige Fortsetzungen sind im Märchenton gehalten, andere orientieren sich am Vorbild der Münchhausengeschichten. Ein Teil der entstandenen Geschichten sind vom Muster der Phantasy-Geschichten geprägt oder von Michael Endes `Unendlicher Geschichte`. Aber auch Kriminal- und Abenteuergeschichten wurden produziert. Die meisten der so entstandenen Geschichten greifen eines oder auch mehrere Elemente der Textvorgabe auf und erfüllen damit eine wichtige formale Anforderung des Themas. Schwierig war und problematisch wurde dann aber oft die inhaltliche Weiterentwicklung des Themas. Das Spektrum des Geschehens reicht hier von blutrünstigen Gewaltphantasien über glückliche oder tragische Familien- bzw. Liebesgeschichten und Lebensbeichten bis zu Reflexionen über ethische Normen, über Schuld und Versagen.

Fast alle Arbeiten enthalten einzelne originelle und sehr überzeugend gestaltete Ideen, aber das Schreiben einer Erzählung ist eben doch mehr als die Ausgestaltung eines Erzählkerns oder das Aneinanderreihen origineller Einfälle.

Bei den meisten Arbeiten ist die Freude am Erzählen spürbar - aber auch die Erfahrung, wie schwer und kompliziert das Schreiben ist, ist ablesbar.

(Meyer)


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