13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

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Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 4

Kalle, Pippi, Nanni, Momo, Winnetou &Tom
Bücherhelden und Bücherwelten meiner Kindheit

 

Catherine Dosch
Fr.-von-Alberti-Gymnasium
Bad Friedrichshall

 

 

Wenn ich an Helden denke, an Lesehelden, dann fallen mir zuerst Astrid Lindgrens „Brüder Löwenherz“ ein. Sie haben die Trauer über den Verlust geliebter Menschen verwunden, den Tod nicht gefürchtet und das Böse besiegt – sie erfüllten alle „Heldenkriterien“: Stärke, Mut und Durchsetzungsvermögen. Ich lernte von ihnen, weniger Angst vorm Sterben zu haben, freute mich zeitweise sogar auf den Tod, da ich wusste, dass Nangilima ein wunderschönes Paradies ist und nichts, wovor man sich fürchten muss.

Doch nicht nur Jonathan und Krümel beeindruckten mich als Kind.

Auch Pippi Langstrumpf, die meine Bedürfnisse nach Abenteuern erfüllte, Gretel, die mich durch ihre Furchtlosigkeit überraschte,  und „Oma Meyer“, eine Figur, die mein Vater eigens für mich erfunden hat und die all ihren erbschleichenden Verwandten ein Schnäppchen schlug, erwachen zum Leben, wenn ich zurückdenke.

Geschichten, die mir erzählt wurden, als ich klein war, noch nicht lesen konnte.

Hörhelden, eigentlich, keine Lesehelden. Doch trotzdem stellte ich mir die Figuren vor, von denen meine Eltern und meine Großmutter erzählten, ich stellte mir ihre Eltern, ihre Wohnungen und Häuser, ihr Land vor, in der festen Überzeugung, dass es das Land, in dem eine Geschichte spielt, tatsächlich irgendwo gibt.

(...)

Nachdem ich die Hürde der ersten selbstgelesenen Bücher genommen hatte, begann ich alles zu lesen, was mir in die Hände fiel.

Ich erkundete noch einmal, nun aber auf eigene Faust, Pippis Welt. Und immer noch war ich überzeugt davon, dass jeder es machen sollte wie Pippi; Handeln nach dem Lustprinzip, seinem Weg treu bleiben und sich nichts von den Erwachsenen sagen lassen. Doch machten sich bereits leise Zweifel über die Gesellschaftsfähigkeit von Pippis Lebensmaxime „Tu, was du willst“ in mir breit. Ich begann, am anarchistischen Prinzip, sofern man Pippi dieses anarchistische Prinzip unterstellen kann, zu zweifeln, als ich sieben war.

Aber andererseits war ich auch eifersüchtig – denn Jim Knopf war mein erster männlicher Held, wenn man vom kleinen Maulwurf absieht, und zugleich meine erste Liebe. Seine dunkle Haut, sein Mut, seine Lokomotive und nicht zuletzt sein Intellekt machten ihn unwiderstehlich für mich. Ich hätte mit Jim Knopf alt werden können. Aber die Prinzessin zerstörte unsere Romanze und so musste ich mir einen neuen Helden, ein neues Abenteuer  suchen.

Ich geriet an Karlsson vom Dach. Und ich entwickelte eine unglaubliche Hassliebe zur Titelfigur – dieser dicke, unangenehme, propellertragende, egoistische Junge, der all seine Mitmenschen ausnutzt und mit falschen Versprechungen lockt, war mir von Beginn an unsympathisch und aus dieser Antipathie wurde im Lauf der Lektüre des Buches ein leidenschaftlicher  Hass gegen diesen furchtbar unangenehmen Zeitgenossen. Ich sympathisierte mit allen anderen Figuren, nur um gegen Karlsson zu stehen - er wurde zum Prototyp des Menschen, der ich nie sein wollte, und doch hegte ich Interesse für ihn und verachtete ihn nicht, sondern fürchtete ihn. Ich fürchtete, so zu werden wie er, ohne es beeinflussen zu können.

(...)

Ronja Räubertochter machte mich mit der richtigen Freiheit bekannt, mit der Freiheit, in der Natur zu leben, auch alleine und in Gefahr. Ronja lebte, im Gegensatz zu Pipi, die viel Geld besaß und höchstens von geistig minderbemittelten Dieben verfolgt wurde, ansonsten aber eine sichere Unterkunft und Freunde hatte, in einer Welt voller tödlicher Gefahren, vor denen sie sich ständig in Acht nehmen musste. Ausserdem musste Ronja kämpfen, um die kinderfeindliche Welt, in die sie geboren worden war, zu überleben: Sie war größtenteils allein, musste sich selbst behaupten und selbst für ihr Überleben sorgen.

(...)

Im Alter von acht Jahren las ich zuerst„Alter John“. Dieses Buch war ein Einschnitt in mein „Leseleben“. Denn mit diesem Buch begann ich, realistische Geschichten zu lesen, Bücher mit Figuren, deren Existenz nicht absolut unmöglich ist. Und so wurde „Alter John“, das die Geschichte eines alten Mannes erzählt, der zu seiner Familie zurückkehrt um bei ihr zu leben und dann unheilbar krank und somit zu einer Last für die gesamte Familie wird, von mir als sehr erschreckend und viel zu realistisch empfunden, ich hatte Angst, dass Menschen aus meiner Familie die gleichen Dinge widerfahren könnten wie Familie Schirmer, Johns Familie, zugleich aber lernte ich, mit dieser Angst umzugehen, lernte, sie nicht zu überschätzen, lernte, mit etwas Problematischen  zurechtzukommen. Und ich lernte die schwierigen Lebensumstände mancher Familien kennen, lernte zu verstehen, warum Menschen gefüttert werden müssen, obwohl sie schon so alt sind, warum man sie wickeln muss und warum sie manchmal ins Heims gegeben werden

Ich bewunderte Familie Schirmer, ihre Opferbereitschaft, ihre Liebe zu John, menschliche Beziehungen, mit all ihren Ecken und Kanten, wurden mir bewusst. Ich erlebte den Tag mit den Schirmers, regte mich auf über John, ärgerte mich über mich selbst und überlegte, wie ich in so einer Situation meinen Beitrag zur Unterstützung der Familie leisten könnte.

Ich setzte mich mit der „Randgruppe“ der alten Menschen auseinander, die ich vorher nicht gekannt hatte, da ich mich als Zentrum meines Umfeldes gesehen hatte, und während der Lektüre dieses Buches lernte ich, ein wenig Abstand von dieser Ansicht zu bekommen.

Und auch die Lektüre von Härtlings „Das war der Hirbel“, ein Roman über ein Heimkind mit schweren Verhaltensstörungen und extremer Aggression, brachte mir eine Menschengruppe näher, die außerhalb meiner Umgebung, aber doch in unserer Gesellschaft lebte.

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Die Lektüre von „nur“ zwei Büchern hat mir erklärt, was Toleranz ist und warum man tolerant sein sollte, und bis heute ist der Grundwert der Toleranz Fremdem, anderem und Unbekanntem gegenüber gültig - noch immer versuche ich zu zeigen, dass Toleranz nötig ist, und immer noch versuche ich zu helfen, denn das frühe Erlebnis des Lesens der beiden Bücher, die sich um Figuren drehen, die anders sind, das Miterleben von Hilflosigkeit, Diskriminierung und Angst in der „richtigen“ Welt Umfeld, hat mir den Begriff der Toleranz und dessen Wichtigkeit erklärt und mich damit für immer geprägt.

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Zum Leid meiner Mutter weigerte ich mich mein ganzes Kinderleben lang, „Mädchenbücher“ zu lesen. (...) Wenn ich Bücher las, deren Helden Mädchen waren, dann waren es Mädchen, die nicht durch ihre Mädchenhaftigkeit bestachen, sondern durch ihr Durchsetzungsvermögen, ihre Kraft und durch ihr „Anderssein“, ihr Nicht - Angepasstsein. Wie die Hauptfigur in Christine Nöstlingers „Am Montag ist alles ganz anders“, die mit ihrer Oma befreundet ist und sich einen „Irokesenschnitt“ verpassen lässt, um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu erlangen. Ich las Bücher, die eine neue Art des Mädchenseins propagierten, die keine Hausmütterchen waren, sonder starke Charaktere. Wichtig waren ihre Charaktereigenschaften, weniger ihr Geschlecht.

Wenn ich an Helden denke, meine Lesehelden, dann merke ich, dass sich meine Einstellung diesbezüglich seit früher nicht geändert hat: Ich bewundere immer noch Mut und Bekenntnis zum „Anderssein“, ich sehne mich manchmal in den Mattiswald zurück, umgeben von echten Problemen und Gefahren, hinaus aus der Scheinwelt, in der es nur um Konsum und Besitz geht. Ich spüre in mir das Bedürfnis, wieder Kind zu sein, wieder das Leben zu entdecken, wenn ich an meine Helden von damals denke.


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