13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

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Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 1

Vorne hui und hinten ...  

Lukas Bleier
Eugen-Bolz-Gymnasium
Rottenburg

 

Die Ober- und Unterwelt eines schwäbischen Gymnasiums 

Dort hinunter steigt Dr. D. höchst selten. Dr. D. ist zwar der Hausherr und besitzt den Schlüssel, doch an der schweren Stahltür endet seine Macht. Dr. D. ist der Schulleiter des Eugen-Bolz-Gymnasiums im idyllischen Neckarstädtchen Rottenburg, zuständig für den Keller ist das Landratsamt, seit die Bundeswehr die Verantwortung für den Katastrophenschutz abgegeben hat. Stahltür und meterdicker Beton grenzen das lichte Reich des Dr. D. von den modrigen Katakomben eines Bunker-Lazaretts ab. Seit 40 Jahren herrscht kalte Stille unter dem Pausenhof, nur selten verirrt sich ein Schülerlachen hinab in den Bunker - einem Relikt des Kalten Krieges. Johannes W., Klasse 13, berichtet, wie er einen unverhofften Blick in den versperrten Bunker werfen konnte: "In der 6. Klasse, beim verbotenen Fußballspiel im Kellervorraum ließen wir den Ball in die offen stehende Tür rollen, um zu sehen, was da drin los ist – es war ziemlich gruselig, überall geisterhafte Leuchtpfeile, alles dunkel und feucht."

 

 

Belüftungsrohr des Bunkers

1962. Kuba-Krise. Kalter Krieg. Für den Ernstfall gibt der Bund den Auftrag zum Bau des Bunkers. Auf 2700 Quadratmetern entsteht ein Hilfs-Lazarett mit 400 Betten. Durch meterdicken Beton, eigene Dieselgeneratoren, Luftfilter, Gasschleusen an jeder Tür, Betonklötze und einen  80 Meter tiefen Grundwasserbrunnen soll die Sicherheit der Verletzten auch gegen einen nuklearen, chemischen und biologischen Waffengang gewährleistet sein. Kommandozentrale. OP-Bereich. Fäkalienraum. Lager für kontaminierte Kleidung. Acht Krankenstationen. Notausstiege. Verwendungszweck: Folgen eines katastrophalen Krieges mildern.

 

Überschreitet man die Schwelle der Stahltür und lässt die bedrückende Stille der Unterwelt hinter sich, so umfängt einen Lebendigkeit von allen Seiten. Tausend Kinder und einige wenige Lehrer summen und brummen oben im Gymnasium. Einem Bienenstock gleich herrscht Gewusel im Treppenhaus, Drängeln vor dem Bäcker. Freude und Enttäuschung, Ärger und Hoffnung, Langeweile und Heiterkeit im Schulhaus.

 

 Von außen bietet das Eugen-Bolz-Gymnasium wenig Aufregendes. Ein typischer Betonflachbau der 60er Jahre, dreistöckig, hellgrau. Zusammen mit älteren und neueren Gebäuden bietet das Hauptgebäude ein Patchwork-Ensemble, samt einem kleinen Pausenhof, immerhin ein paar Rosen. Innen wurde es in letzter Zeit farbiger, kornblumenblaue Türen schmücken das Obergeschoss.

(...)

Über dem Bunker bauen Lehrer und Schüler Roboter, betreiben Rhetorik, Tonstudio und Imkerei, tauschen sich mit Menschen aus aller Herren Länder aus, entwerfen und modellieren Kunstwerke, vollziehen medizinische Forschung nach, erstellen CD-Roms. Das Eugen-Bolz-Gymnasium lebt im Licht und Jetzt.

 Einfach oben, zweifach unten

 Doch nicht alles ist einfach im Leben, schon gar nicht im Eugen-Bolz-Gymnasium, denn hier gibt es ein Oben, aber ein zweifaches Unten. Wieder auf dem Weg nach unten, trifft man erneut auf kalten Stein. Dieser aber ruht hier schon seit 2000 Jahren und wurde damals sogar erwärmt. Deshalb ließen es sich die Bewohner des römischen Sumelocenna dort gut gehen. Nicht nur Militärisches, sondern auch Kulturelles bildet also die "Grundlage" des EBG: Tür an Tür liegen die restaurierte Ruine eines antiken römischen Badehauses und der ausrangierte Bunker. Das Badegebäude mit Hypokaust-Anlagen, sprich Warmluftheizungen, gehörte zum sozialen Zentrum Sumelocennas, das um 150 n.Chr., gegründet als kaiserliche Domäne, in Selbstverwaltung in Obergermanien erblühte.

 

         Im Römerbad unter der Schule

Beim Bau des Eugen-Bolz-Gymnasiums 1962 - mitfinanziert durch Zuschüsse des Bundes als Dreingabe für den Bunkerbau – wurde die stattliche Thermenanlage freigelegt und in den Neubau der Schule integriert. Julia D., 16 Jahre, Austauschschülerin aus Sydney, schrieb fasziniert an ihre Eltern in Australien: "Unter der Schule sah ich seltsame Mauerstücke. Zuerst dachte ich an Bauarbeiten, aber stellt euch vor, es sind tatsächlich römische Ruinen!" Hell, fast blendend der weiße Sandstein, bei Lichteinfall leicht opalisierend – eine Atmosphäre der Ruhe und Friedlichkeit verströmend. Mauerwerk, diesmal nicht abweisend, sondern menschlich in Dimension und noch zu fühlender Funktion. Rundbögen, einer Apsis ähnlich, Wandnischen, Badebecken für kaltes, lauwarmes und heißes Wasser, Säulenstümpfe fügen sich zu Harmonie und einer Formensprache, die auch den modernen hektischen Betrachter berührt. Die Wurzeln unserer Kultur: spürbar, nahe. Erkalteter Stein, der einem das Herz wärmt, wenigstens. So gründet die Schule räumlich und geistig auf dem Erbe römischer Zivilisation. (...) Wechselbäder, Ölmassagen, Spiel und Unterhaltung gehörten zur Kultur des Bades, Wandmalereien und Mosaiken schmückten die Wände. Das Wellnessbad ist keineswegs eine Erfindung der unserer Zeit. Das Bad unter der Schule: geschaffen von und für die zivile Bevölkerung, Militär nicht erwünscht. Tür an Tür: Bad und Bunker, ein Ort des Lebens und ein Ort des Überlebens. Verwendungszweck: Gesundheit, religiöse Inspiration, Kommunikation.

 

Vom Badehaus zum Bunker

 Bunkerflur

Auf der anderen Schwelle zur Unterwelt – fast spürt man den Obolus unter der Zunge – sind Kunst und Kultur am Ende. Unter der Erdoberfläche, im Katastrophen-Bunker liegt Staub auf grau-nacktem Betonboden, jeder Schritt hallt unheimlich in den Gängen und Kammern, muffig und feucht die Luft. Noch vor kurzer Zeit stapelten sich Kisten und Kasten scheinbar sinnlos. Auf vergilbten Etiketten war der Inhalt vermerkt: Handtücher, Krückstöcke, Urinflaschen, Brechtüten, Klosettstühle,  Röntgengeräte, Decken, Matratzen und Wärmflaschen. Altertümliche Telefonapparate verstaubten auf Schreibtischchen. Originalverpackt warteten einst "Kinderschühchen" auf ihre Träger. Nichts ist zurückgeblieben von der Ausrüstung für den Ernstfall, vollkommen leergeräumt wirkt der Bunker jetzt fast noch unmenschlicher.

(...)

Heute verliert sich im Labyrinth der Gänge der Schall der Schritte. In dem unüberschaubaren Gewirr der Räume verliert sich auch der Mensch. Dr. D., der Schulleiter und Hausherr verläuft sich in den Fluchten des chaotischen Grundriss des Bunkers. Kein Ariadne-Faden hilft im Gewirr, keinen klaren Gedanken fasst man hier unten. Heute zerbröseln bei Berührung Lüftungsrohre in braunem Rost. Aus einem olivgrünen Kasten quillt Drahtgewirr, ein Schild "Nicht einschalten, an Anlage wird gearbeitet". Im Maschinenraum hängen die Kabel knietief im gesammelten Tropfwasser. ... Im schwachen Schein der Taschenlampe wirken die klaustrophobisch engen Notausstiege noch beängstigender. Rote und gelbe Tafeln warnen mit Aufschriften wie "Gasschleuse. Vorsicht. Ende des strahlengeschützten Teils." oder "Bei Schutzluft Türleibung mit Betonfertigteilen zusetzen."(...) Grotesk die heutige "Nutzung": die gesammelten Werke der Bildenden Kunst lagern hier, Federzeichnungen, Wasserfarbengemälde, Aquarelle, Holzschnitte, Plastiken, Tonskulpturen. Denn oben herrscht akuter Platzmangel, unten nicht! Die Kunst muss deshalb in den Bunker wandern.

Notausstieg aus dem Bunker

 

Diesen Teil der Unterwelt des Gymnasiums beherrscht beklemmende Stille, es riecht nach Fäulnis. Unnütz, sinnlos, bedrohlich und Angst einflößend, wie alles Militärische für eine Generation, die nur Frieden kennt.

Schützen uns im Verteidigungsfall die Katakomben, ermöglichen sie ein Weiterleben? Wohl nicht!

(...)

Licht und Dunkelheit, Geist und Ungeist, Ober- und Unterwelt – Bildungsanstalt, Badehaus und Bunkerlazarett – eine kleine Welt.

 


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