13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

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Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 3

In Hamburg lebten zwei Ameisen
Tiere und Tierisches im Gedicht

 

Katharina Degen
Kepler-Gymnasium
Tübingen

 

 

Wie sind wir Menschen eigentlich auf den Hund gekommen? Warum haben wir diesen lernfähigen Vierbeiner in unsere Gemeinschaft geholt? Bei manchen steht dieses Säugetier so hoch im Kurs, dass sie gar nicht mehr ohne ihren Fellknäuel leben können. Bei vielen Menschen ist der Hund ein gleichwertiger Bestandteil der Familie, aber ist das nur beim ‚lieben Hundi’ so? Nein, auch Katzen und andere Tierchen werden mit offenen Armen aufgenommen. Oftmals sind die Tiere stille Seelsorger und Beschäftigungstherapeuten. Daraus lässt sich doch schließen, dass wir die lieben Kleinen nur dazu brauchen, dass es uns besser geht! Ich glaube, dass sich das von selbst versteht. Wofür wir die Tierchen brauchen ist jetzt klar- aber was haben Tiere in Gedichtswelten zu suchen? Genau dieser Fragestellung werde ich im Verlauf versuchen, auf die Schliche zu kommen. Warum benutzt man in der Lyrik Tiere? Auch zum Wohlbefinden? Ohne Grund? Um dieses Geheimnis zu lüften, sollte man sich an verschiedenen Gedichten orientieren.

Ich werde Untersuchungen in drei grundverschiedenen tierischen Gedichten vornehmen. Die Gedichte, um die es geht sind: Matthias Koeppels „Drr Meulworrf“, Joachim Ringelnatz „Die Ameisen“ und Johann Wolfgang von Goethe „Das Flohlied“. Wir brauchen uns keine Sorgen um Wiederholungen zu machen, da die drei Gedichte absolut nichts miteinander zu tun haben - oder doch? Zumindest handeln alle drei von Tieren. Wir finden einen Floh, zwei Ameisen und einen Maulwurf. Was können wir denn alles so bei jedem einzelnen Gedicht entdecken?

Fangen wir mal beim Ältesten an und arbeiten uns dann in die Gegenwart vor. Goethe macht also den Anfang mit seinem Floh. Wo und in welchem Zusammenhang hat Goethe dieses Gedicht eigentlich verfasst? Zu finden ist es in Goethes Faust 1. Schon dieser Aspekt unterscheidet das Flohlied gravierend von den anderen, da es in einem großen Werk integriert ist. In der Szene in Auerbachs Keller in Leipzig findet sich das Lied, das in drei Strophen zu je acht Zeilen gegliedert ist. Es wird von Mephisto, neben Faust die tragende Rolle des Werkes in lustiger Gesellschaft gesungen. Die lustige Gesellschaft besteht aus vier ‚lustigen Gesellen’ bei ihrer Zeche, dem Frosch, Brander, Siebel und Altmayer. Bevor Mephisto zum Singen aufgefordert wurde, hatten schon andere Einiges zum Besten gegeben. Kurz bevor Mephisto beginnt, erklärt er, dass er das Lied aus Spanien kenne. Während des Singens wird er zweimal unterbrochen. Durch die erste Unterbrechung wiederholt er die ersten zwei Zeilen und nachdem er fertig ist, wiederholt der Chorus begeistert die letzten beiden.  ...  Beginnen wir mit dem Gedicht selbst:

Das Flohlied

Es war einmal ein König.

Der hat’ einen großen Floh,

Den liebt er gar nicht wenig,

Als wie seinen eignen Sohn,

Da rief er seinen Schneider,

Der Schneider kam heran:

Da, miß dem Junker Kleider,

Und miß ihm Hosen an!

 

In Sammet und in Seide,

War er nun angetan,

Hatte Bänder auf dem Kleide,

Hatt’ auch ein Kreuz daran,

Und war sogleich Minister,

Und hatt’ einen großen Stern.

Da wurden seine Geschwister

Bei Hof’ auch große Herrn.

Und Herrn und Frau’n am Hofe,

Die waren sehr geplagt,

Die Königin und die Zofe,

Gestochen und genagt,

Und durften sie nicht knicken,

Und weg sie jucken nicht.

Wir knicken und ersticken,

Doch gleich wenn einer sticht.

Sind wir jetzt weiter? Sollen wir den Inhalt ernstnehmen? Können wir das überhaupt? Also es muss noch hinzugefügt werden, dass dieses Flohlied in der sogenannten „Hildebrandsstrophe“ in der spätmittelalterlichen Heldenepik verfasst worden ist und es im späteren 18. Jahrhundert oftmals für heitere und gesellige Gesänge genutzt wurde (aus der Jubiläumsausgabe des Insel Verlags „Goethe“).  Ein König, der einen Floh so sehr liebt, wie einen eigenen Sohn. Aber Moment. Hatten wir das nicht vorher schon am Beispiel Hund? Nur mit dem Unterschied, bei einem Hund können wir das alles noch nachvollziehen - aber bei einem Floh...?! Vielleicht macht es uns genau diese Tatsache so schwer, das Lied zu verstehen und es ernstzunehmen.

Versuchen wir das einfach zu ignorieren und das Gedicht nochmals nüchtern zu betrachten. Dieser König liebt also diesen Floh, integriert ihn an seinem Hof - gut. Aber was sagt das? Bevor er ungekleidet und ein einfacher Floh war, war er ein Nichts. Gekleidet und hergerichtet wurde er plötzlich Minister und konnte sogar seine Geschwister am Hof integrieren. Kleider machen Leute? Nun denn: unser Floh steht hoch im Kurs, den König zu seinem Schutze, aber was ist mit den anderen? Diese Damen und Herren „waren sehr geplagt“ – nur konnten sie nichts daran ändern. Der König hat so entschieden, im Alleingang ohne nach rechts oder links zu schauen. Soll hier auf ein Staatssystem angespielt werden? Oder geht es um etwas viel Banaleres? Auch der Floh hat sich durch das Unglück der anderen nicht abhalten lassen, auch noch seine Geschwister an den Hof zu bringen. Jeder weiß, dass ein Floh ein Parasit ist, der nur Schlechtes, nämlich ein schmerzhaftes Jucken verursacht.

Zusammengefasst hat der König seinen Willen durchgesetzt und der Floh seine Chance ergriffen. Der erste Eindruck ist natürlich, dass König und auch Floh egoistisch sind. Also, die beiden nehmen ja überhaupt keine Rücksicht, man kann fast sagen: „Sie gehen über Leichen.“ Und vor allem der König, na ja auch der Floh muss sich seiner Sache sehr sicher sein, wenn er noch seine Familie mitbringt. Aber seien wir doch mal ehrlich: Versetzen wir uns doch mal ganz theoretisch in die Rolle des Flohs’. Diese Rolle ist für uns wahrscheinlich einfacher einzunehmen als die des Königs. Angenommen wir bekommen eine solche Chance, eine derartig Möglichkeit – was würden wir tun? Also, ganz sicher nicht nach den negativen Auswirkungen für Fremde schauen. Auch wir würden dieses Angebot voll auskosten und würden versuchen unseren Liebsten auch ein Stück unseres Glücks abzugeben. Na habe ich den einen oder anderen entlarvt? Ist das nicht genau der Weg, den Sie gehen würden? Aber machen Sie sich keine Vorwürfe, so ist der Mensch. Nur ist diese Einsicht nicht trotzdem traurig? Ist es nicht schade, dass wir Menschen über unserem Glück die anderen vergessen?

Auf jeden Fall ist nun die Rolle unseres Flohs klar. Er sollte als Pendant zum Menschen gelten, da er so handelt wie eben der Mensch. Dieses Gedicht sollte uns die Augen öffnen und uns still und heimlich unsere Fehler zeigen. Zu diesem Zweck ist uns der Floh gleichgemacht worden. Und sollte sich irgendjemand in dem Floh wiederfinden, so wird er vielleicht bei der nächsten Gelegenheit dafür sorgen, dass nicht nur einer aus einer Sache profitiert. Warum Goethe sich einem Tier bedient hat ist nun klar, aber warum auch Ringelnatz und Koeppels? Schreiten wir zeitlich voran und untersuchen wir Joachim Ringelnatz’„Ameisen“. Lassen Sie mich zu Anfang erst das Gedicht ausführen:

Die Ameisen

In Hamburg lebten zwei Ameisen,

die wollten nach Australien reisen,

doch schon in Altona auf der Chaussee,

taten ihnen die Füße weh’,

da verzichteten sie weise,

auf den letzten Teil der Reise!

Aha! Ameisen, die auf große Reise gehen wollen. Irgendwie ziemlich schwachsinnig – oder gerade nicht? Jetzt muss eben wieder an der Oberfläche gekratzt werden. Die Ameisen ziehen wieder los, wollen nach Australien. Aber schon in Altona, also immer noch in Hamburg, tun ihnen die Füße weh und sie geben auf. Geben sie wirklich auf? Bei nochmaligem Lesen steht nämlich im Schluss, dass sie weise sind. Weise, obwohl sie doch eigentlich aufgeben? Jetzt muss man sich diese Reise ganz rational vorstellen. Ameisen, winzig kleine, meist braune Insekten. Sie starten in Hamburg und geben in Hamburg-Altona auf. Aber ist das für solch kleine Tiere nicht eine beachtliche Leistung? Könnte es nicht sein, dass die Strecke, die die beiden hinter sich gebracht haben, relativ gesehen so weit ist, wie eine Strecke von hier bis ans Ende der Welt für uns? Oder zumindest sehr weit weg? Ist doch gut vorstellbar. Die Ameisen haben ihr Ziel nicht erreicht, aber doch nur, weil sie es zu hoch gesteckt hatten. Sie haben sich damit abgefunden und „weise“ ihr Ziel heruntergeschraubt. Sie haben sich mit dem Erreichten begnügt und sind wahrscheinlich stolz darauf. Haben sie es schon gemerkt? Abermals könnte man doch die Ameisen wieder durch uns Menschen ersetzen. Wie oft haben Sie sich nicht schon Ziele utopisch hoch gesteckt? Für mich gesprochen muss ich gestehen, dass mir das schon unzählige Male passiert ist. Auf dem Weg zu diesem Ziel muss man dann irgendwann anhalten und aufhören. Aber das muss nicht zwangsläufig aufgeben sein. Natürlich gibt es Fälle, wo es wirklich niederschlagend ist und man für sich etwas verloren hat. Wie kann man einem derartigen Niederschlag ausweichen? Entweder man begnügt sich mit dem Erreichten und sieht ein, dass man einfach zu viel auf sich geladen hat oder man wählt eine andere Methode: Man setzt sich einfach erst gar nicht so große Ziele, sondern nur kleine. Stück für Stück kann man dann etwas Großes schaffen. Damit würde man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Zum einen würde man seine Ziele erreichen und zum anderen würde am Ende immer Erfolg stehen.

Und das alles erkennen wir in einem einstrophigen Gedicht mit sechs Zeilen und einem Paarreim. So einfach und doch so aussagestark. Ringelnatz hat es geschafft mit diesen einfachen Worten dem Menschen vielleicht das Leben zu erleichtern. Es zu versuchen kann doch nicht schaden! Stecken Sie ihre Ziele nicht ganz so hoch, sondern erreichen Sie Gewolltes stufenweise. Sie werden mit viel mehr Elan an die Sachen herangehen, da Erfolge glücklich machen. Zwei Gedichte sind hiermit analysiert. Gab es nach den anfänglichen Unterschiede doch Gemeinsamkeiten? Wurden die Tiere in gleicher oder ähnlicher Weise im Lyrischen gebraucht? Oder waren gar keine Zusammenhänge zu erkennen?

Bevor ich das auflöse, will ich noch ein drittes Gedicht unter die Lupe nehmen. Es ist das aktuellste der drei Gedichte. Koeppels lebt heute noch und ist im künstlerischen Bereich tätig. Bevor wir uns mit dem Inhalt des Gedichts beschäftigen, muss das Gedicht erst übersetzt werden. Übersetzt? Kann es sein, dass ich genau das in Ihren erstaunten Gesichtern lese? Aber es stimmt. Koeppels hat viele seiner Gedichte in „starckdeutsch“ verfasst, zwei Bände in „starckdeutsch“ veröffentlicht. Der Erste hieß einfach nur „Starckdeutsch“ und war nicht weiter thematisiert. Der Zweite und für uns interessantere hat den Titel „ Koeppels Tierleben in Starckdeutsch“. Ein ganzer Band mit tierischen Gedichten. Ein gefundenes Fressen also. Bevor ich ihnen noch länger diese neue Sprache vorenthalte, lege ich ihnen das Gedicht in Original vor.

Drr Meulworrf

Meulworrf, Meulworrf, thumbis Thüür,

kimm oss dinem Luchch harvür!

Ontur pfleigeleuchtn Rusn

Tschäuffulzt tu mütt diner Nusn,

norr, darmütt wür dönn varzwauffuln.

Woißt tu, woss ulz Thürr tu büßßt?

Jarr, - oin Tärrur -, Tarrurrüßßt!

Duchch mütt oiner Geifftpatreunen

Ward ück’s dür tschonn appgeweunen!

Auf den ersten Blick unverständlich, aber bei genauem Hinsehen merkt man, dass es eigentlich einfach zu verstehen ist. Zwar sind die Wörter sehr umständlich geschrieben, aber an der Aussprache ändert sich kaum etwas. Auf Deutsch lautet das Gedicht etwa so:  

Der Maulwurf

Maulwurf, Maulwurf, dummes Tier,

komm aus deinem Loch hervor!

Unter pflegeleichtem Rasen

Schaufelst du mit deiner Nase,

nur, damit wir dann verzweifeln.

Weißt du, was für’n Tier du bist?

Ja, ein Terror -, Terrorist!

Dich mit einer Giftpatrone

Wird ich’s dir schon abgewöhnen!

Auch wenn jetzt einiges klarer ist, werde ich trotzdem den Inhalt noch mal kurz zusammenfassen. Diesmal ist unser Tier der Maulwurf. Eigentlich wird in dem Gedicht nur das Wesen des Maulwurfs beschrieben. Wie er unter pflegeleichtem Rasen lebt, seine Hügel schaufelt und wie er uns Menschen manchmal zur Weißglut treibt. Doch in dem Gedicht steht, dass der Maulwurf diese Haufen nur schaufeln würde, da er genau wisse, dass er uns damit aufregen kann. Seltsam? Denkt ein Maulwurf überhaupt so weit? Wahrscheinlich eher nicht. Wie kommt Koeppels in seinem einstrophigen, zehnzeiligen Gedicht dann dazu, einem Maulwurf so etwas zu unterstellen? Befinden wir uns etwa wieder an einem Punkt, an dem wir zwischen den Zeilen lesen müssen? Ein Maulwurf treibt jemanden soweit, dass er ihm sogar droht, ihm sein Tun mit einer Giftpatrone abzugewöhnen. Gelingt es vielleicht auch hier den Maulwurf zu ersetzen?

(...)

 

 


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