13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

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Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 5

Chatten – Handy - SMS  
Kommunikation unter Jugendlichen

 

Sophie Eiselein
Friedrich-Hecker-Gymnasium
Radolfzell

 

 

Wenn die Sehnsucht stirbt...  
zwischen „Fernanwesenheit“ und „Tyrannei der ständigen Intimität“

Och ne, was ist denn jetzt los, wer ruft mich um so früh an?? Oh, war die Weckfunktion, Zeit zum Aufstehn. So ein Handy ist besser als jeder Wecker.  Nichts wie raus aus dem Bett. Fertig machen und dann ab in Schule.

Guten Morgen erstmal. Ich gehöre zu den rund 82% der Jugendlichen, die ein Handy besitzen. 1998 waren das nur etwa 10%[1], für mich ehrlich gesagt unvorstellbar, so ganz ohne Handy *J*. Ich bin der absolute Durchschnittsjugendliche. Ein ganz normales Mädel, gerade 18 geworden.

Okay, wir sind jetzt in meiner Schule. Im Schulgebäude ist „handyfreie Zone“, sollte hier zumindest offiziell sein. Nur gut, dass man nicht durch Rucksäcke schauen kann und es den Vibrationsalarm gibt *grins*.

Was ist denn da drüben los? Ach so nichts Aufregendes, ein neues Handy, welches natürlich sofort mit den anderen verglichen werden muss. Typisch Jungs, oder?! Oh Mann, wen interessiert bitte die Speicherkapazität von so einem Ding oder ob es nun 20 oder 50 Klingeltöne hat? Letztere lädt man sich doch eh drauf. Ich hab schon längst mein neues Lieblingslied als Klingelmelodie. Nur so nen Logo hab ich noch nicht auf dem Display. Muss ich mir auch mal besorgen, stand ja schon wieder eine Anzeige in der Zeitschrift, die ich gestern gekauft habe. Jetzt auch egal. Erstmal lautlos oder auf Vibration schalten, sonst klingelts wieder im Unterricht.  (...)

Neulich habe ich eine Studie gelesen, es ging um Jugendliche im Alter zwischen 12 und 19 Jahren . 2001 hatten von 2000 Befragten bereits 46 Prozent einen Computer und 57 Prozent kannten sich mit dem Internet aus. 2002 wussten schon 83 Prozent der Jugendlichen mit dem Internet umzugehen. 93 Prozent aller Jugendlichen benutzten mindestens einmal pro Monat in ihrer Freizeit einen Computer.

Jetzt hab ich fast vergessen, was ich wollte, meine Post! Okay Mails abchecken. Wie siehts in meiner Mail-Box aus? Gähnende Leere. Nein, da, ich hab ja doch Post. Der Austauschschüler vom letzten Jahr. Ich könnte mich auch mal wieder mit ihm zum chatten verabreden. Ist nicht schlecht meine Sprachkenntnisse anzuwenden. „Batman“ hat auch schon wieder geschrieben. Wie kommt man nur auf so einen Nickname???

...Ist ja schön und toll, interessiert mich nicht. Warum geb ich jedem aus dem Chat gleich meine E-Mail Adresse, selber schuld! Ach wie goldig, ne Liebeserklärung per E-Mail. He, wir haben doch nur zwei mal gechattet. Möchte wissen, an wie viele andere die gleiche E-Mail gegangen ist. Irgendeiner der Hundert wird schon antworten, oder?! Sorry, mit mir nicht, aber nicht traurig sein *L*.

Hurra noch was Vernünftiges. Der Beweis, man kann  auch ganz nette Leute im Netz treffen. Die Handynummer muss ich gleich speichern. Vom „Chatroomplausch zur SMS-Schlacht“, hat was. Vielleicht können wir uns ja mal treffen, wohnt ja gar nicht soweit weg. Oder lieber doch nicht.

Wer weiß schon, was das in Wirklichkeit für einer ist. Lassen wir es einfach so wie es ist. Noch schnell ein paar Zeilen, damit er mich nicht so schnell vergisst.  * B-) * Ein Klick und nur wenige Minuten später schon beim Adressaten, diesen Service bietet nun mal keine Post. (Das Senden und Empfangen von E-Mails gehört zu den am häufigsten ausgeübten Tätigkeit im Netz.)

Briefe schreibe ich aber trotzdem noch, auch Postkarten. An gute Freunde i ist ein schöner Brief doch stilvoller. Da merkt man, dass ich ein Mädchen bin. *lol*

Simsen oder auch mailen ist eine gute Alternative zum Telefon (Fast 70 Millionen Kurznachrichten werden täglich über die Mobilfunknetze versendet- insgesamt zwölf Milliarden in den ersten sechs Monaten des Jahres 2001, hat der Mobilfunkverband GSM Association in London errechnet)

Auf der Liste der verschiedenen Mobilfunkdienste steht der Short Message Service SMS weiter auf Platz eins. Das hat jetzt die monatliche Trendanalyse zur Nutzung mobiler Dienste von TNS Emnid ergeben. Demnach sagten 59 Prozent der befragten Mobilfunknutzer, sie würden mindestens eine SMS pro Woche versenden. 69 Prozent empfingen binnen Wochenfrist eine SMS[2]. Meine Chancen, dass ich heute noch ne SMS erhalte, stehen also gar nicht mal so schlecht, wie man zugeben muss. *gg*

Die neue „Hochgewschwindigkeitssprache“ ist wirklich nicht jedermanns Sache. Mit ein paar kleinen Emoticons wird aus schlicht aneinandergereihten Buchstaben wenigstens noch eine etwas gefühlvollere Sache.

Zu den gängigsten Emoticons gehören etwa Gesichter wie :-ü (strahlend) und :'-( (weinend). «Häufig sind auch Kürzel für Emotionsäußerungen anzutreffen, wie *fg* (frech grinsen) oder *lol* (engl.: laughing out loud - lauthals lachen)»[3] „Die ebenfalls den Chats entlehnten Verniedlichungsformen wie *knuddelknutsch* oder *kaffetrink* runden den SMS-Jargon ab.“[4] - Ich plaudere mal wieder alle internen Geheimnisse aus.

Peter Wippermann, Geschäftsführer des Trendbüros in Hamburg ist der Meinung wir grenzen uns durch die „neue Sprache“ bewusst von älteren Menschen ab und identifizieren uns als Gruppe. Kindern mache es Freude, wenn ihre Eltern die SMS-Sprache nicht verstehen. «Die denken dann: Ich bin zwar kleiner, aber schlauer als ihr».

Mit unserem Kommunikationswandel verursachten wir zugleich auch einen kulturellen Wandel. Es hat sich im laufe der letzten Jahre eine neue Sprach- bzw. Schreibkultur entwickelt. (Faszinierend, oder?! So hat das sicher noch keiner von uns gesehen, der aus Faulheit oder um zu sparen, 160 Zeichen sind ja nicht viel, mal eben so ein paar Kürzel tippt.) Ich habe doch dazu erst etwas gelesen. Ach, da hab ich’s ja. Achtung ich zitiere: „Jugendlichen, die vorher nie Briefe geschrieben haben, sind plötzlich 160 Zeichen nicht genug. Das hat auch seine positiven Seiten. SMS schult die Sprachökonomie, die schnelle Suche nachdem Kern der Botschaft. Eine tiefgreifende Kommunikation ist mit SMS aber kaum möglich,“ erklärt Joachim Höflich von der Uni Erfurt.[5]

Jeder zweite Haushalt verfügt über Handy und Computer, ein Viertel der Deutschen ist online. Die neuen Erfindungen bieten uns eine Vielfalt an Unterhaltungsmöglichkeiten. Die Suchtgefahr ist eine der Nebenwirkungen, vor denen Ärzte und Psychologen warnen. Auf der Homepage von www.onlinesucht.de hab ich zum Beispiel über einen Schüler etwas gelesen, das mich sehr erschreckt hat. Seitdem er online ist, hat sich sein Leben drastisch verändert, sein Tag verläuft nur noch so: Aufstehen, Rechner anschalten, Mails checken, Mails beantworten, Duschen, schnell was essen, Schule, dann wieder Rechner an, Hausaufgaben vor dem Rechner, dabei chatten, danach Website verwalten, chatten, surfen, bis spät in die Nacht. Vom Wochenende möchte er erst gar nicht reden. (...) Seine sozialen Kontakte haben sich auf ein Minimum reduziert, dafür hat er im Netz sehr viele Freunde. Im Chat sei es immer leichter sich zu unterhalten, man hat die Anonymität durch den Nickname und man könne sein, wer man wolle. Im Grunde hätte er zwei Leben, sein Real-Leben und sein Online-Leben.

Ich sehe es ja selber, 40 bis 50 Stunden pro Woche im Internet sind bei mir Gott sei dank keine Normalität, aber ich kann mir vorstellen, wie schnell 40 bis 50 Stunden vor dem Computer vergehen können. Dabei fängt alles harmlos an, ab und zu chatten, Mails abholen...Doch der „neue Online-Freundeskreis“ braucht Zeit und oftmals werden die Chatgespräche in Telefonaten fortgeführt. Selten sitz ich auch nicht gerade am Computer. Aber so „verrückt“, wie die Jungs aus meiner Clique bin ich nicht. Die letzte LAN (LocalArreaNetwork[6]) ging ja drei Tage und viel geschlafen haben die nicht.

Psychologen sprechen von Internet-Sucht, pathologischem Internetgebrauch oder auf englisch von Internet Addiction Desease. André Hahn von der Humboldt Universität in Berlin rechnet damit, dass zwei bis drei Prozent der Internetsurfer betroffen sind. Andere Wissenschaftler gehen von höheren Zahlen aus. Da die meisten Befragungen im Internet stattfinden, sind sie wenig repräsentativ.

Doch auch ein Anteil von zwei Prozent würde bei zwölf Millionen Deutschen, die zu Hause über einen Internetanschluss verfügen, 240.000 Süchtige bedeuten. Nimmt man alle 18,8 Millionen deutschen Internetnutzer als Basis, wären es 380.000.

Manchmal nervt das Handy schon. Man ist nie richtig allein, abschalten will man es nicht, man kann ja was verpassen! Eine „Tyrannei der ständigen Intimität[7]“, wenn man so will. „Fernanwesenheit“ nennt dies der Kommunikationsdesigner Peter Wippermann. Es bleibt kein Raum für gedankliche Entwicklung, für Phantasie. Unser Leben ändert sich durch die ständige Erreichbarkeit. Diese stört uns in unserer Privatsphäre was uns zwar einschränkt, aber trotzdem, wie gesagt, nicht durch Abschalten des Handys beendet wird. Das Gefühl der ständigen Anwesenheit der „Anderen“ verhindert das Gefühl der Einsamkeit oder der Sehnsucht.

Wenn es mir schlecht geht, schreib ich einfach eine SMS und ein paar Minuten später, wenn die Antwort kommt, weiß ich, dass jemand da ist, dem ich nicht egal bin. Ich hab Gewissheit, dass mit jedem Handyklingeln jemand an mich denkt.

Das gilt nicht nur für Mama, die in ständiger Sorge mal wieder per Telefon nach dem Wohlbefinden der Tochter schaut, sondern auch für meinen Flirt.  Stimmt. Ganz so spannend ist es nicht. Trotzdem, das Flirten per ShortMessageService steht doch hoch im Kurs, da es wie beim Chatten einen gewissen Schutz bietet ( man muss sich nicht in die Augen schauen). Es werden also Verbindungen erstellt, die ohne Handy kaum zustande gekommen wären, somit lassen sich neue Bekanntenkreise erschließen. Auch Schüchternen oder Verschlossenen wird die Kontaktaufnahme zu anderen dadurch erleichtert. Ein „Nein“ per Handy erscheint nun einmal nicht so tragisch, wie die Ablehnung von Angesicht zu Angesicht. Ich schreibe einfach, wenn ich mich nicht traue jemanden direkt anzusprechen oder mit ihm zu telefonieren. Ganz unverbindlich.

Die „Fernanwesenheit“ ist ein großer Vorteil unserer Generation, den wir durch die „Tyrannei der ständigen Intimität“ relativ teuer bezahlen.

Egal ich geh noch ne Runde ins Netz.

Soll ich noch chatten oder nur die neuen Lieder runterladen?

Nur mal schnell schauen, wer gerade online ist. Kurz Hallo sagen.

Ich chatte gerne. Wenn mich meine Freunde nerven oder ich einfach mal mit jemandem reden will, so ganz neutral, log ich mich ein. Manchmal aber auch nur aus Langeweile. Je nach dem, rede ich dann mal über ernste Themen mit den anderen Chattern oder ich geb mich für jemand anders aus und schau mal, wie sie reagieren. Geht ja alles. Man kennt ja nur den Nickname.[8].

Ohoh, das bestätigt mein Suchtpotential, Chatten aus Langeweile und so...Lieber doch nicht chatten!

Das Telefon klingelt. Auch unser „gutes, altes Telefon“ ist inzwischen schnurlos, extrem praktisch.

„Kino, heute Abend? Klar.“ Jetzt aber los. Handy nicht vergessen, der Handy-Flirt könnte ja noch mal schreiben. Kino.

Irgendwann zwischen Popkorn und Film richtet mir meine Freundin dann Grüße von einer Bekannten aus, die mich vor zwei Wochen besucht hatte. Aber Moment woher kennen die sich überhaupt?? Hab sie doch gar nicht vorgestellt. Keine Peilung. Aha  aus dem Chat!  Na toll. Bis jetzt gab’s solche Zufälle nur im Film.

Danke an das WorldWideWeb.

Apropos Film - die Kritik,  die ich aus dem Internet hatte, war besser als der Film. Außerdem gab’s da wieder welche, denen „Bitte schalten sie das Handy aus“ gar nichts sagt. Mitten in der besten Szene, gerade als die Tarnung des Hauptdarstellers aufgeflogen ist und sich die halbe Mafia auf ihn stürzt, klingelt hinter mir ein Handy. Prima hab ich mir gedacht, könnt ihr’s nicht einfach lautlos stellen so wie wir? Nach dem Kino gehen wir noch was trinken und ein bisschen reden...Lang bleib ich nicht mehr. Bin todmüde und will ins Bett (ja, freiwillig!).

Scheinbar will mein Flirt doch nicht mehr schreiben. Ich ruf morgen mal an, ist eh persönlicher. Weckfunktion nicht vergessen, den Wecker hörst du eh wieder nicht. Eigentlich solltest du dein Handy nachts ja ausschalten, wegen den Strahlen, Elektrosmog. Einmal mehr oder weniger ist auch egal. Außerdem könnt ja noch jemand schreiben.....“

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[1] Aus: teltarif.de/arch/2000/kw39/s3163.html. Die JIM-Studie wird jährlich vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest vorgenommen. Der Verbund ist eine Kooperation zwischen der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg, der Landeszentrale für private Rundfunkveranstalter Rheinland-Pfalz und dem Südwestrundfunk (SWR). Durchgeführt wurde die Studie vom Meinungsforschungsinstitut Enigma in Wiesbaden. Das Unternehmen befragte hierfür rund 2000 12- bis 19-jährige Jugendliche in Deutschland.

http://www.mpfs.de/projekte/jim02.html  

2 http://www.preissuchmaschine.de/psm_frontend/main.asp?news=1438  

3 Peter Schlobinski, Germanistik-Professor an der Universität Hannover, in einer Studie über SMS-Kommunikation

4 Zitat Peter Schoblinski, http://www.amberger-zeitung.de/print_Artikel/0,1782,19098,00.html  

5 Eine Darstellung der Studie und ihrer Ergebnisse kann als pdf-Datei aus dem Internet geladen werden unter: http://www.uni-frankfurt.de/fb03/K.G/B1_2001_Hoeflich.pdf  

6 LocalArreaNetwork, LAN Erklärung siehe Worterklärung

7  Interview mit dem Soziologen Nikolas Sombart „Gefühle im Nummernspeicher“ unter www.3sat.de/kulturzeit/themen/38238/index.html

8 nach Andre Hahn und Matthias Jerusalem ; Humboldt Universität Berlin


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