13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

zurück

 

Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 4

Kalle, Pippi, Nanni, Momo, Winnetou &Tom
Bücherhelden und Bücherwelten meiner Kindheit

 

Susanne Füner
Scheffel-Gymnasium Lahr

auch Preisträgerin 2002

 

 

Das Bettelkind oder
Eva-Lotte’s rote Haarspange u.a.

Ein Essay
über kindliche Gedanken- und Erlebnis-Welten
und Idole, die Sehnsucht nach dem Leben wecken,
das sich zwischen zwei Buchdeckeln erschließt...

 „Wenn ein kleiner Junge ein Stück Holz unterm Ofen vorholt und zu dem Holz  „Hü!“ sagt, dann ist es ein Pferd, ein richtiges lebendiges Pferd. Und wenn der große Bruder sich kopfschüttelnd das Holz betrachtet, und zu dem kleinen Jungen sagt: ‚Das ist ja gar kein Pferd, sondern du bist ein Esel’, so ändert das nicht das geringste daran...“

Erich Kästner

Bücherwelten. Was sind das denn für Geschichten. Als ob eine Buchwelt anders als die Welt wäre.

Bücherhelden. Wenn man ein Held beziehungsweise eine Heldin sein möchte, dann braucht man sich doch nicht in einem Buch zu verstecken - oder? Was fängt man also mit einem Buch an?

Um überhaupt etwas mit einem Buch anfangen zu können, muss man erst einmal wissen, was ein Buch ist – wann lernt man das? Als Kind? Als Erwachsener? Woher bekommen Kinder ihre Bücher?

Kinder kommen das erste Mal mit Büchern in Kontakt, wenn sie sie mit ein, zwei Jahren vom Tisch  oder vom Schrank herunterwerfen. Dann wissen sie, welches Geräusch ein herunterfallendes Buch macht. Wenn sie ein wenig älter sind, werden ihnen vielleicht Geschichten aus Märchenbüchern vorgelesen. Aber zu den Büchern selbst haben sie noch keine Beziehung. Später bekommen sie Bilderbücher, und es ist das erste Mal, dass sie ein Buch selbst wissentlich in die Hand nehmen, um seine „Innenwelt“ wahrzunehmen. Sie begreifen, wie ein Buch aussieht, und dass sein Inhalt etwas mit einem selbst zu tun hat: Er gefällt einem – oder auch nicht... ahmen die Kinder die Erwachsenen an dieser Stelle bereits nach? Denn sie können ja noch gar nicht wissen, wie das geht – lesen...

In der Schule werden die meisten das erste Mal in die Welt der Buchstaben eingeführt. Sie lernen lesen und schreiben – ob sie das wollen oder nicht. Und sie müssen lesen – ob sie das wollen oder nicht. Aber was ein Buch ist, und was man damit anfangen kann, wissen sie immer noch nicht. Das können sie erst dann wirklich begreifen, wenn sie neugierig sind, neugierig auf die Welt der Bücher und ihre Helden. Diese Neugier ist es, die ein Kind zum ersten Mal ein Buch aufschlagen lässt. Entdecken, wie sie aussieht, eine solche Buchwelt –  wie lebt man darin? Was machen die Menschen in einem Buch?

Sie stellen sich der Herausforderung, zu sehen, zu erleben, was eine solche Buchlektüre mit ihnen macht – unbewusst. Darin unterscheiden sie sich von den Erwachsenen: Wenn Erwachsene lesen, dann glauben sie, sie wären sich der Einflussnahme dessen, was sie lesen, bewusst und deshalb in der Lage, selbst zu entscheiden, welche Schlüsse für ihre Lebenssicht sie aus der Lektüre ziehen.

(...)

Kinder haben also den Vorteil der Unvoreingenommenheit beim Lesen – sie erwarten nichts Bestimmtes und ermöglichen es sich dadurch selbst, zunächst unbewusste Leseeindrücke auf- und Erfahrungen wahrzunehmen – neben dem, was sie auf den ersten Blick beim Lesen fasziniert.

Und aus der bewussten und der unbewussten Ebene ergibt sich eine Lernerfahrung, die Erwachsenen entgeht, weil sie zumeist auf das „Ergebnis“ oder auch den „Zweck“ ganz nach dem Motto Was will uns der Autor damit sagen? fixiert sind. Damit zwingen sie sich selbst eine Unfreiheit auf, die sie davon abhält, sich ganz auf die Buch-Welt, die Ebene des Textes einzulassen. Sie bleiben „draußen“ und begreifen das, was im Buch passiert, immer nur aus der Distanz;

(...)

Den Erwachsenen ist es wohl recht, wenn Kinder lesen. Schließlich vermitteln Bücher etwas... bloß -  was war das noch einmal? Warum fühlen sich Eltern, Erzieher und Pädagogen genötigt, beharrlich zu wiederholen, wie wichtig das Lesen doch für die Kinder ist, weil es ihnen wichtige Voraussetzungen für... liefert und ihnen beibringt, dass...., um sie zu... prägen. Ihnen einzuprägen, dass... sie es später nicht wie die Erwachsenen machen sollten, die sie zum Lesen anhalten: Nicht den „Lese-Schlüssel“ für das Buch-Schloss zu vergessen. Nicht zu vergessen, was das Besondere an der Welt der Kinderbücher war. Um sich später wieder daran erinnern zu können.

Aber was machen Kinder so anders? Sie haben einen (Lese-)Vorteil: Im Unterschied zu den Erwachsenen nutzen sie etwas, das es ihnen leichter macht, mit der Welt in einem Buch umzugehen: Ihre Phantasie. Sie nutzen sie, um in die Welt hineinzugelangen, die sie auf den Seiten, zwischen den Zeilen, zwischen den Buchdeckeln entdecken können, und sie ermöglicht es ihnen auch, mit dieser Welt und den Menschen darin etwas anzufangen.

Mit Hilfe der Phantasie können sie sich ihre eigene Welt erschaffen, die sich von der realen Welt unterscheiden kann. -Was bedeutet Phantasie eigentlich? Wieso fällt es Erwachsenen so schwer, sich an sie zu erinnern - und warum brauchen Kinder sie unbedingt zum Lesen? Kinder kennen noch keine „fertige“ Welt. Für sie gibt es noch sehr viel zu entdecken, von dem sie noch keine Ahnung haben; sie haben die Welt, von der die Erwachsenen glauben, sie bereits in all ihren Details kartographiert und auswendig gelernt zu haben, noch nicht als ein beständiges Faktum verinnerlicht, das sich zwar verändert, aber in seinen Grundprinzipien gleich bleibt. Erst später lehrt man sie, was der Unterschied zwischen Realität und Irrealität ist – und was er für sie selbst bedeutet.

Die Kinder sollen das auch begreifen, wie das geht, deshalb sollen sie ebenfalls lesen. Damit sie sehen, wie viele unterschiedliche Facetten die Realität hat, wie sie sich aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten lässt. Eine Lese- und Lebens-Anleitung speziell für Kinder. Für Nachahmreaktionen. Und speziell in Buchform. Denn beim Lesen müssen sie sich selbst einbringen, müssen selbst ihre Schlüsse und Erklärungen aus dem ziehen, mit was sie beim Lesen konfrontiert worden sind.

Diese Entwicklungsschritte werden von den Erwachsenen immer wieder hoch gelobt, weil man ihnen sagt, dass Kinder diese allein vollziehen müssen. Das können sie auch realisieren, schließlich sehen sie ihre eigene Lektüre selbst auch als eine Art Möglichkeit zur Wissens- und Lernerweiterung. Erweiterung des eigenen Horizontes...  warum nicht auch für Kinder?

Aber eines vergessen sie dabei: Kinder lernen anders. Sie lernen die Realität zuerst über die Irrealität kennen. Das können sie auch gar nicht anders: Weil jeder sich im Laufe seines Lebens seine eigene Wirklichkeit  selbst kartographieren und definieren muss. Und solange man noch am Anfang dieses Lern-Prozesses steht, muss man sich das, was wirklich scheint, zunächst mit Nicht-Wirklichkeit erklären.

Diese Vorgehensweise birgt zum einen die große Chance, auch Dinge für wirklich zu halten und als möglich zu akzeptieren, die die Erwachsenen, die glauben, es besser zu wissen, längst in die Phantasie-Schublade gesteckt haben.

Oder wie es ein bekannter Kinderbuchautor formuliert hat: „Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut.  Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Früher waren sie Kinder, dann wurden sie Erwachsene, und was sind sie nun? Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch.“   *(2)

Erich Kästner ist neben Astrid Lindgren einer der Autoren, deren viele Geschichten in den Büchern, die sie geschrieben haben, Kindern das Gefühl geben, dass alles möglich ist und dass sie zu allem in der Lage sein können – wie die Helden in ihren Büchern. Das Selbstbewusstsein, das sie dadurch entwickeln können, die Erinnerung an die unkonventionellen Methoden, mit denen das Leben in den Büchern, die sie gelesen haben, oft hinterfragt wurde, sollten sie später, wenn sie keine Kinder mehr sind, daran erinnern, dass etwas nicht immer so geschehen muss, wie es am ehesten realisierbar erscheint, sondern dass man auch in der Wirklichkeit mit Phantasie und Kreativität arbeiten und etwas erreichen kann – vielleicht sogar mehr...

Nicht nur eine Welt der Freiheit und der Geborgenheit, sondern eine Welt der Phantasie ist es, in die Astrid Lindgren den Leser entführt:  „Kalle Blomquist“, Anders Bengtsson und Eva-Lotte Lisander führen ein so vielseitiges Leben, dass es schon gar nicht in der eigenen Realität, aber auch kaum von anderen, bekannten Abenteuergeschichten übertroffen werden könnte. Die drei verbindet eine bedingungslose Freundschaft, sie teilen nicht nur ihre Sommerferien, sondern auch ihre innersten Sehnsüchte und gar Zukunftsvorstellungen miteinander. Und das, was die Erwachsenen in ihrer Umgebung vergessen zu scheinen haben: ihre Phantasie. Und mit der schaffen sie sich eine eigene Welt, in der sie unendlich frei zu sein scheinen – niemand behindert sie in ihrer Welt der Phantasie, in spannenden Jagd-Spielen, inmitten der ruhigen Sicherheit einer schwedischen Kleinstadt.

In den Sommerferien leben sie ein Leben voller Freiheit; die Erwachsenen lassen ihnen im  Schutz und Sicherheit ihrer kleinen Stadt, in der sie wohnen, ihrem Zuhause, die Freiheit, zu spielen und zu spielen und zu spielen...“Wenn du nur glücklich bist -  und nicht allzu viel Unfug anstellst, will ich mich nicht weiter darum kümmern, was du treibst.“

* (14). Solch einen Vater müsste man haben...’  *(15)

Vielleicht denkt Eva-Lottes Vater dabei an das, um was Erwachsene später unter Umständen hart kämpfen müssen, beziehungsweise vielleicht sehr, sehr lange suchen, um es zu finden: Selbst-Verwirklichung.... Verwirklichung von Freiheit bei gleichzeitiger Sicherheit. Wenn sie hinaus gehen, in ihre Welt der Phantasie, machen Kalle, Anders und Eva-Lotte die Erfahrung der bedingungslosen Freiheit – und jederzeit können sie wieder nach Hause zu ihren Familien zurückkommen; in die Geborgenheit des kleinen Städtchens, und auf die vertrauensvollen Beziehungen untereinander – zwischen Kalle, Anders und Eva-Lotte verlassen. Sie entwickeln eine so große Unabhängigkeit von jeglichen anderen Faktoren und Bestimmungen in ihrem Leben außer sich selbst, dass dem Leser sehr glaubhaft wird, warum sie zu einer so großen Selbstständigkeit überhaupt fähig sein können.

Diese Unabhängigkeit scheint eine Art Symbol für alle tiefsten Kindheitssehnsüchte der Welt zu sein, nämlich die Möglichkeit, sich ein reales Leben außerhalb der Realität zu schaffen, dass dieser jedoch in seiner Struktur wiederum so gleich ist, dass es in realen Rahmenbedingungen statt finden kann – denn das ist letztendlich die einzige Möglichkeit, wie sich Kinder zumindest zeitweise von der Realität lossagen können, um ihr eigenes Leben zu leben, wie sie es später einmal als Erwachsene schließlich auch tun werden, und gleichzeitig aber den zugegebenermaßen wenigen Bedingungen, die die Erwachsenen noch an sie stellen, gerecht zu werden.

„Das war ein Leben – oh: fast so spannend wie Verbrecher fangen. Verbrecher fangen konnte man nur in der Phantasie. In Wirklichkeit gab es sicher keine...  Aber das hier war Wirklichkeit: Das Dröhnen der Füße der Verfolger hinter ihm, Anders’ und Eva-Lottes keuchende Atemzüge, das holprige Straßenpflaster unter seinen Sohlen, die dunklen, kleinen Gassen und die düster lockenden Höfe und Schlupfwinkel, wo man sich verstecken konnte – ja, das alles zusammen war herrlich...“   Astrid Lindgren


NACH OBEN