13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

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Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 1

Vorne hui und hinten ...  

 

Kathrin Hagemann
Deutsch-Französisches Gymnasium
Freiburg

 

 

 

Freiburg – gerade Freiburg? Eine Stadt, die so oft als Beispiel für die „perfekte“ Stadt dient, der gute Ruf sagt: eine Stadt, von ihren Bewohnern geliebt und von fast allen anderen auch; die Stadt, an die sich ehemalige Studenten wehmütig zurückerinnern. Ein gemütlicher Platz in der sonnigen Ecke Deutschlands – erst auf den zweiten Blick eine Großstadt mit über 200 000 Einwohnern. Freundliche Häuser in der Fußgängerzone, die Dreisam, das Münster, meistens gutes Wetter und relativ wenige der Probleme, mit denen andere Großstädte zu kämpfen haben... es scheint absurd, sich gerade hier irgendwelche Rückseiten anzusehen, Kehrseiten, die sonst niemand wahrnimmt – das könnte den Eindruck erwecken, man suche nach Flecken im Tischtuch; man sei vielleicht undankbar und wolle um jeden Preis Schwachstellen entdecken, selbst dort, wo gar keine sind. Aber wer nach den Rückseiten sucht, hat zum Ziel vielleicht gar nicht, möglichst unansehnliche Rückseiten zu finden. Es geht zuerst darum, die Rückseiten überhaupt erst einmal zu finden, nachdem man sie bisher Tag für Tag, vielleicht jahrelang, übersehen hat.

(...)

Zu den Rückseiten gelangt man durch die Seitenstraßen. Durch welche? Selbst ein Einheimischer sieht sich da vielleicht vor Schwierigkeiten gestellt. Man kann lange in einer Stadt gewohnt haben und doch bestimmte Straßen nicht kennen; vielleicht ist man Dutzende Male den Weg zu einem bestimmten Haus gegangen, aber nie den Weg zur Rückseite... Nachzufragen ist zwecklos. Welche Auskunft würde man erhalten - und auf welche Frage?

„Entschuldigung, könnten Sie mir sagen, wie ich zur Rückseite vom Karstadt komme?“

„...zur Rückseite?“

„Ja...“

„Also, ich würde sagen, gehen Sie zum Karstadt und dann – hinten halt!“

„Ach ja? Danke.“

Oder: „Könnten Sie mir vielleicht helfen... ich suche den Hintereingang.“

„Warum den Hintereingang? Was haben Sie denn da zu schaffen?“

„Nur so... ich wollte mir das anschauen.“

„Anschauen? Ph! Keine Ahnung, wo der Hintereingang ist! Normale Leute gehen vorne rein!“

Niemand will dort schon gewesen sein, viele werden misstrauisch. Also sucht man lieber selbst.

(...)

Ecke eins. Immer an den Schaufenstern halten, so gelangt man in eine schmale Nebenstraße, die Hauswände auf beiden Seiten sind farb- und schmucklos. Ecke zwei. Eine zweite, kleinere Eingangstür – ja, eine richtige Tür, die man mit der Hand aufdrücken muss. Zwei Stufen führen zu ihr hinunter. Ein bisschen dreckig ist es noch dazu. Überhaupt nicht repräsentativ.

          

Die angrenzende Seite ist also die Rückseite. Das Kaufhaus und ein Anbau sind durch eine Art Brücke verbunden, darunter ist es ziemlich dunkel, zu beiden Seiten überfüllte Fahrradständer und beleuchtete Schaufenster, die allerdings ziemlich leer sind. Lieferwagen kommen vorbei. Wenige Menschen. Einige Passanten nehmen sich Zeit, die ausgestellten Dinge anzusehen, trotz fehlender Dekoration. Vorn, am Haupteingang, bleibt fast nie jemand stehen; wahrscheinlich wäre man auch im Weg.

Bei Ecke drei findet sich dann ein Stück Vorderseite: die eines Blumenladens, im Schatten des Kaufhauses. Schön ist diese Vorderseite nicht, dafür bekommt man im Geschäft aber echte Weihnachtssterne.

Ecke vier ist passiert, und schon steht man wieder vor der Glasfassade aus der Vorderseite, zurück in der lärmenden Einkaufsstraße... hinten war es ruhiger.

Haben Rückseiten vielleicht noch andere Charakteristika als ihre geografische Lage? Was macht eine Rückseite aus? Wer definiert, welche Seite die Rückseite ist? Ja – noch dreister gefragt – muss eine Rückseite denn immer hinten liegen?

Vorderseiten sind zum Herzeigen da – und was man anderen zeigt, das muss schön aussehen und sauber und einladend, das wird geputzt, dekoriert und in Stand gehalten; wichtig ist das zum Beispiel für Restaurants und Kaufhäuser, die Kunden anziehen sollen und den quantitativen und qualitativen Reichtum, der sich in ihnen verbirgt, nach außen widerspiegeln. Der zufriedene Eigentümer betrachtet also die glänzende Vorderseite, spaziert stolz um sein Haus herum und entdeckt zu seinem Leidwesen... die Rückseite. (Sein Haus hat vier Seiten, von denen zwei an Straßen grenzen; die beiden anderen stehen Wand an Wand mit anderen Häusern oder werden erfahrungsgemäß wenig beachtet – das hat wohl stadtplanerische Gründe.) Und die sieht nun leider gar nicht so attraktiv aus wie die Vorderseite. Kein Wunder – der schlaue Eigentümer hat sich mit der Fassade, an der die meisten Menschen und potentiellen Kunden vorbeikommen, auch am meisten Mühe gegeben und so die gegenüberliegende Seite als Rückseite definiert. Ach, diese Rückseite ist doch ein dummer Nebeneffekt! Aber ohne Rückseite kein Haus und keine Vorderseite, das sieht er schon ein. Was also tun mit dem unerwünschten Schandfleck? Auch hier renovieren? Nein, das würde sich nicht lohnen; teuer wäre das, stellen Sie sich nur mal vor! Nun ja, da sie nun mal da ist und man ihr doch nicht viel Beachtung schenken wird, behalten wir sie eben, wie sie ist, die Rückseite – jetzt haben wir auch einen Platz, an dem wir die Müllcontainer abstellen können und den Lieferwagen parken!

So oder ähnlich einfach mag wohl der Gedankengang ausgesehen haben, der zur Entstehung  der ersten richtigen Rückseite führte: einer Rückseite, die nicht nur nach geografischen Gesichtspunkten diesen Namen trägt, sondern auch als Abstellplatz für Unansehnliches genutzt wird. Die benachteiligte und vernachlässigte Seite des Gebäudes, die Schattenseite... die psychologische Rückseite.

(...)

Rückseiten sind nicht zum Anschauen da. Das hat jeder schon als Kind gelernt. Rückseiten sind dreckig, dunkel, dort gibt es nichts zu sehen. Genau so wenig auf der Rückseite des Spielzeuggeschäftes wie auf der Rückseite der Eisdiele. Und die Erfahrung hat diese Regel eigentlich immer bestätigt, wenn man sich dann doch mal auf eine Rückseite verirrt hatte. Dort kann man nichts ausrichten. Nun zeigt man zum ersten Mal Interesse an den Rückseiten und kommt sich dabei ein bisschen merkwürdig vor... Doch die Vernunft setzt sich durch. Du kannst anschauen, was du willst, es ist nicht verboten. Man wird mutiger, geht zurück zu der Straße, in die man sich eben nicht hineintraute. Biegt ein, geht weiter und weiter, entdeckt Rückseiten – klick – und dann noch mehr Straßen und neue Rückseiten. Verläuft sich in der Welt der Hinterhöfe und empfindet das als gar nicht schlimm.

Die abgelegten Zweifel erscheinen jetzt nur noch in den Gesichtern der leicht verwunderten Vorübergehenden, und stören nicht weiter – klick –, manche aber gehen nicht vorüber. Eine Frau, beladen mit Einkaufstaschen, bleibt stehen. Schaut zunächst nur misstrauisch, doch als die Kamera – KLICK – das Bild eines in schmutzigen Farben gestrichenen Hauses eingefangen hat, ist sie sichtlich empört und schnappt nach Luft.

 

„Also... unverschämt ist das! Einfach so fotografieren, was soll denn das?“

„Ist doch nur ein Haus, oder?“

„Nur ein Haus, ja, Sie haben gut reden! Und gerade da, wo es am schlimmsten aussieht! Also, da wird man schon stutzig, wenn man da so vorbeikommt und da fotografiert jemand einfach so... das ist doch nicht normal!“

„Warum nicht normal?“

„...das wundert man sich wirklich, ja...!“

Die Stimme der Frau wird lauter, als wolle sie die anderen Passanten alarmieren. Doch dann wendet sie sich ab und scheint nicht weiter diskutieren zu wollen. –klick.

(...)

Im Schreibwarenladen brennt Licht, durch die Hintertür mit den Glasfenstern sieht man Kunden herumgehen, sie beachten die Tür nicht, da sie von einem Postkartenständer verdeckt wird. Man blickt von draußen hinein in die Welt, in der man sich sonst bewegt. Hinter einer Tür mit der Aufschrift „Anlieferung“ auf der Rückseite des Supermarktes kann man Kisten sich stapeln sehen. Und durch die hinteren Fenster des Privatbankhauses, aus dem nach vorn Börsenkurse und verlockende Zinssätze blinken, sieht man Angestellte in grauen Anzügen über Rechnungen schwitzen. Banker arbeiten immer, erzählt man sich. Aber plötzlich geht eine Tür auf, drei Männer, ebenfalls dezent –geschmackvoll in grau gekleidet, treten auf die hinter dem Gebäude liegenden Parkplätze, einer streckt die Arme nach beiden Seiten und lockert seine Krawatte, sie zünden sich eine Zigarette an. Offenbar machen Banker auch ab und zu Pause.

 

   

 

Sucht man im Lexikon nach Einträgen zu Hintertüren oder Hintertreppen, so wird man nicht fündig. Aber es steht dort etwas über Hintertreppenromane. Noch nie gehört... „Hintertreppenroman, um 1880 gebildete Bez. für Trivialromane, die einem einfachen Lesepublikum (Dienstboten) an der Hintertreppe verkauft wurden.“

 

Warum ausgerechnet an der Hintertreppe...? Wilhelm Weischedel, Philosophieprofessor, schrieb über die Vorteile der (bildlichen) Hintertreppe, die er benutzte, um Philosophen (ebenfalls bildlich) zu besuchen. „Man trifft sie über die Hintertreppe ohne festliches Gepränge und ohne vornehmes Getue an. Vielleicht begegnet man ihnen da als den Menschen, die sie sind. (...) Die Hintertreppe ist schmucklos und ohne jede Ablenkung. Zuweilen führt sie deshalb um so eher zum Ziel.“

(...)

Man gewinnt also leichter Zugang zu fremden Menschen, wenn man sich ihnen auf dem inoffiziellen Wege nähert – durch die Hintertür. Hier müssen sie nicht ständig darauf bedacht sein, ein gutes Bild abzugeben, das des Vordereingangs würdig ist, sie fühlen sich weniger kontrolliert und erstehen vielleicht sogar ein paar Groschenromane, während der Chef nicht hinsieht. Und so erfährt man, wenn man die Rückseite eines Hauses beobachtet, nicht nur schnell etwas über sein Innenleben, sondern auch über seine Bewohner. Dafür muss man sie übrigens nicht unbedingt antreffen, es reicht, genau hinzusehen. Ein aussagekräftiges Element sind Balkone; natürlich nur, wenn sie nicht auf die Straße zeigen, sonder nach hinten. Der Reiz des Balkons liegt darin, dass er nicht gut aussehen muss und man dort tun und lassen kann, was man will, denn niemand sieht es. Ob leer oder mit Mühe eingerichtet, vollgestellt mit struppigen Tomatensträuchern oder Gartenmöbeln, an den Seiten Vorhänge oder Lichterketten... anhand des Balkons kann man Mentalität und Lebensstil seiner Bewohner erraten. Er gibt sogar Auskunft über Hobbies und Beruf, wenn er zum Beispiel ein paar Skier beherbergt oder eine Staffelei.

 

                               

                       

Es gibt noch ein weiteres Phänomen, das man auf der Rückseite beobachten kann: Sie werden zur Vorderseite für diejenigen, die sich keine eigene leisten können oder wollen. Für den kleinen Laden, der, in einem Hinterhof versteckt, rare Ausgaben von Comics verkauft; für die alternative Kirchengemeinde, die Licht verspricht, deren Botschaft aber nur wenige erreicht hat; für die Person, die in roten Lettern „Atelier“ über die Tür geschrieben hat:, für eine kleine illegale Kneipe, in der alles mögliche verkauft wird. Die Rückseite bietet Schutz und kostet wenig. Manche können nirgendwo anders leben – andere wollen nicht.

(...)

Selbst Freiburg hat Rückseiten; hier entlang, bitte, nur keine Berührungsängste, selbst wenn es hier hinten ein bisschen schmuddelig und unaufgeräumt aussehen sollte, so sieht es eben aus, wenn Menschen irgendwo leben. Treten Sie näher, liebe Besucher, und wenn Sie schon immer wissen wollten, wie eigentlich der Koch aussieht, der bei ihrem Lieblingsitaliener immer diese wunderbare Pasta macht, dann schauen Sie mal durch dieses Fenster.

Vorne hui, hinten... sehr aufschlussreich.


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