13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

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Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 2

Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred III tötet.

 

Katharina Keifenheim
Bildungszentrum
Reutlingen Nord
auch Preisträgerin 2002

 


 

 

 

Börsenkrach, Wirtschaftskrise und Revolution –
Bertolt Brecht: „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“

Mit dem großen Börsenkrach in New York im Spätherbst 1929 brach die tiefste und andauerndste Wirtschaftskrise der bisherigen Geschichte aus und erfasste sehr schnell auch Deutschland. Die Produktion sank erheblich und viele Betriebe mussten schließen. Die Folge waren Massenarbeitslosigkeit und bitterste Not in der Arbeiterklasse sowie der Ruin des Mittelstandes. Der zunehmenden Armut stand eine Konzentrierung des Kapitals direkt gegenüber. Diese verschärfte wirtschaftliche Situation führte zu einem revolutionären Aufschwung der Arbeiterklasse: In vielen Orten wurde gestreikt und der Einfluss der KPD auf die Arbeitermassen stieg. Viele Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler fanden unter dem Eindruck dieser Geschehnisse Anschluss an die Arbeiterklasse. „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ entstand in den Jahren 1929/1930; wurde also genau in diese Zeit hinein geschrieben und war ein Versuch Brechts, die eigentlichen Drahtzieher der Krise zu entlarven. Im Milieu der Schlachthöfe Chicagos, wo kapitalistische Fabrikanten, verarmte Arbeiter und die „Schwarzen Strohhüte“, welche die Arbeiter wieder zum Glauben führen wollen und denen Brecht die Rolle der Heilsarmee zuweist, aufeinandertreffen und teilweise erbitterte Kämpfe gegeneinander ausfechten, spielt natürlich auch der Faktor Geld eine zentrale Rolle.

Der reiche Fleischerkönig Pierpont Mauler äußert sich dazu im Gespräch mit Johanna Dark, einem weiblichen Leutnant der „Schwarzen Strohhüte“, folgendermaßen:

„Warum bist du gegen Geld? Und siehst / Wenn du keines hast, so sehr verändert aus? (...)Bedenk die Wirklichkeit und / Platte Wahrheit, (...) daß alles schwankend ist und preisgegeben / Dem Zufall beinah, der Witterung das menschliche Geschlecht / Geld aber ein Mittel, einiges zu verbessern, und sei’s / Für einige nur(...)“ 4

Über den Kapitalismus sagt der Fleischerkönig Mauler, er fordere zwar Opfer, sei aber unvermeidlich und werde schon immer „von den Besten verteidigt“. Mauler erkennt die Schwächen des Kapitalismus; er sieht jedoch als Alternative nur den Kommunismus, den er ablehnen muss, weil ihm Gott und sein Glauben viel bedeuten.

Brecht zeigt in diesem Drama sehr deutlich die Zusammenhänge zwischen wirtschaftlicher Not und politischer Aktivität. Ständige Lohnsenkungen treiben die Arbeiter zu kommunistischen Gruppen und stärken die revolutionäre Arbeiterbewegung. Diese Entwicklung ist unter anderem in Szene 2 a deutlich erkennbar:

ARBEITER: „Gehen wir doch alle einfach weg und / Scheißen auf den Lohn, der täglich geringer wird. (...) Jetzt kann man grad so gut weggehn und / Schon gleich verrecken.“ 6

In dieser verzweifelten Rede wird die zunehmende Wut und die Entwicklung politischer Erkenntnis der in Unterdrückung und Ausbeutung lebenden Arbeiter zum Ausdruck gebracht. Weil Hunger und Armut als Rechtfertigung für Krieg und Gewalt angesehen werden, können die Arbeiter immer schwerer von Protesthandlungen abgehalten werden. Brecht zeigt jedoch auch, dass Armut und Elend genauso zu unpolitischem Verhalten führen können, nämlich dann, wenn den hungernden und frierenden Massen Nahrung und Arbeit versprochen werden und man ihnen so den Verstand regelrecht „vernebelt“.

Das Verhalten der Arbeiter zeigt im Verlauf des Stücks sehr deutlich die Folgen von Armut. Brecht legt jedoch Wert darauf, dass die im Elend lebenden Menschenmassen zur Schlechtigkeit gezwungen werden und dass Eigenschaften wie Käuflichkeit, Bestechlichkeit und Unmenschlichkeit nicht selbst verschuldet sind. Er stellt die Verelendung und moralische Verwahrlosung unter den Arbeitern dar und zeigt diese  in verschiedenen Situationen. Als der Makler Sullivan Slift Johanna die Schlechtigkeit der Armen beweisen will, begegnen sie einem Burschen, der von seiner bisherigen Arbeit folgendes berichtet:

„Zwanzig Cent, die man in den Kunstdüngerkellern mehr verdient, haben mich voriges Jahr verlockt, an der Knochenmühle zu arbeiten. Da bekam ich es an der Lunge und eine langwierige Entzündung an den Augen.“ 7

Mit dieser Geschichte zeigt Brecht, wie finanzielle Not gesunde junge Leute dazu bringen kann, für einen geringfügig höheren Verdienst die Zerstörung ihrer Gesundheit in Kauf zu nehmen.

Slift und Johanna treffen auch auf Frau Luckerniddle. Deren Mann starb bei einem Arbeitsunfall in der Fabrik und geriet versehentlich in die Blattspeckproduktion, worüber die Frau aber nicht informiert wurde. Sie vermutet nur, dass ihrem Mann etwas zugestoßen sein könnte, was man ihr verheimliche. Um Johanna die moralische Verwahrlosung der Armen vor Augen zu führen, bietet Slift Frau Luckerniddle ein Geschäft an: Wenn sie ihre Nachforschungen einstelle, so erhalte sie drei Wochen lang ein kostenloses Mittagessen. Die Frau erklärt sich dazu bereit und antwortet später auf Fragen nach dem Verbleib ihres Mannes, dieser sei „nach Frisco gefahren“ 8. Brecht macht hier deutlich, wie leicht eine hungernde Frau dazu gebracht werden kann, sich bestechen zu lassen, die Wahrheit zu verleugnen und sich sogar selbst zu belügen.

Slift führt Johanna auch vor, wie schnell manche der Arbeiter bereit sind zu lügen und andere bewusst zu gefährden, wenn sie sich davon eine Verbesserung ihrer persönlichen Situation versprechen. Slift sichert Gloomb, einem Arbeiter, der seine Hand an der Blechschneidemaschine verloren hat, den Posten des Vorarbeiters zu. Dafür muss Gloomb aber zuerst wieder jemanden für den Platz an der Maschine finden. Im Glauben, Johanna suche Arbeit, spricht er sie an und erzählt ihr von der Arbeit an der schlecht gesicherten Maschine:

Der Platz ist gut. Es ist eine Arbeit, die auch schwächere Leute wie Sie machen können. (...) Sie werden erstaunt sein, wie angenehm die Arbeit ist.“  9

Obwohl Johanna Angst bekommt, ist ihr doch klar, dass das Verhalten der Arbeiter keine böse Absicht ist: „Nicht der Armen Schlechtigkeit / Hast du mir gezeigt, sondern / Der Armen Armut.“ 10

Sehr viel härter jedoch beurteilt Brecht die Folgen von Reichtum und Geldgier. Nachdem Johanna die „Schwarzen Strohhüte“ verlassen musste, sagt sie über die Reichen:

„Mag auch ihr Geld wie ein Krebsgeschwür / Abgefressen haben Ohr und menschliches Antlitz / Daß sie abgetrennt sitzen.“ 11

Brecht zeigt an zahlreichen Stellen die Grausamkeit und Unmenschlichkeit, die durch Geldgier entstehen kann. Die kapitalistischen Fabrikanten vernichten durch die viel zu niedrigen Löhne die Arbeiter: „Der blutige Mauler hält / Unseren Ausbeuter am Hals und / Uns geht die Luft aus!“ 12 Geldgier wird als Trieb beschrieben, der den Menschen beherrscht und kaputtmacht, denn er führt dazu, dass immer mehr Reichtum angestrebt wird. Dem Fleischerkönig Mauler „wird Natur zur Ware, selbst die Luft verkäuflich“ 13. Die Arbeiter sind überzeugt, er würde ihnen sogar ihren Mageninhalt noch einmal verkaufen, wenn ihm das möglich wäre. Zwei Fleischfabrikanten sagen über ihn: „Aus eingestürzten Häusern holt er Zins, aus faulem Fleisch Geld (...)“. 14 Bei Mauler führt die Geldgier zu Herzenskälte und Verrohung, aber auch zu einer Entartung und Verleugnung der eigenen Menschlichkeit. Seine Profitgier ist so groß, dass er sogar Tausende von Rindern töten lässt, um den Preis stabil zu halten, obwohl unzählige Menschen hungern. Sein Vorgehen ist Ursache für eine erneute Krise in der Fleischproduktion.

Dass Geldgier auch eine Verleugnung von Idealen zur Folge hat, lässt sich bei den „Schwarzen Strohhüten“ besonders deutlich beobachten. Obwohl sie Gottes Wort verkünden wollen und das Ziel haben, die Arbeitermassen wieder zum Glauben zu führen, folgen sie Maulers Willen. Er gibt ihnen hohe Summen, womit die verarmten Massen über die Situation – eine erneute Krise, hervorgerufen durch Mauler – und ihr tatsächliches Los hinweggetäuscht werden sollen. Beim Tode Johannas singen die „Schwarzen Strohhüte“ schließlich im Chor mit den Schlächtern und Viehzüchtern eine bitter satirische Lobeshymne auf das kapitalistische System:

Reiche den Reichtum den Reichen! Hosianna! / Die Tugend desgleichen! Hosianna! / Gib dem, der da hat! Hosianna! / Gib ihm den Staat und die Stadt! Hosianna! (...)Schenke dem Reichen Erbarmen, Hosianna!“ 15

Das Drama verdeutlicht auch mehrfach, wie Reichtum und Geldgier zu unsauberen Geschäften und illegalen Methoden führen können: Bestechung ist im Alltag der Geschäftsleute auf den Schlachthöfen an der Tagesordnung, ebenso der Betrug, sogar von Freunden. Als Mauler seinem Kompagnon Cridle die Anteile an der Firma aus angeblich idealistischen Motiven günstig überlassen will, weil er weiß, dass die Krise in kürzester Zeit auch den Fleischmarkt erfassen wird, wird deutlich, dass Profitgier auch vor Freundschaft und Loyalität nicht haltmacht. Cridles Antwort verdeutlicht die Bedeutung des Geldes gerade in der Freundschaft: er fordert von Mauler einen guten Preis zum Beweis der Freundschaft. Cridle erwartet, dass Mauler weniger auf den eigenen finanziellen Vorteil, sondern mehr auf den seines Freundes bedacht ist.

Als weitere Folgen des Reichtums zeigt Brecht die Notwendigkeit von Leibwächtern. Mauler bewegt sich in der Öffentlichkeit nur in Begleitung von zwei Detektiven, die ihn vor Angriffen schützen sollen. Damit wird deutlich, dass Reichtum, obwohl er beliebt machen und die Aufnahme in bestimmte Gruppen ermöglichen kann, auch Feinde schafft.

Brecht verdeutlicht mit diesem Drama, wer für Wirtschaftskrisen verantwortlich ist. „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ entstand nach einem intensiven Studium der Lehren von Karl Marx, der davon ausgeht, dass solche Krisen in Zyklen verlaufen. Durch Überproduktion finden die Fleischhändler keinen Absatz für ihre Waren. Sie legen die Fabriken still; das Heer der Arbeitslosen wird immer größer. Da die Preise fallen, verkaufen sie ihre Waren mit immer größeren Verlusten. Die Kapitalisten versuchen, ihren technischen Apparat zu verbessern und mit möglichst wenig Arbeitern auszukommen. Dies führt uns Brecht an Cridle vor, der sich, während der Markt sich erholen soll, ein neues System zulegt, bei dem sich die Schweine praktisch von selbst schlachten. Gleichzeitig tobt unter den Kapitalisten ein Konkurrenzkampf, der zu zunehmender Monopolisierung führt. Dies verdeutlicht Brecht am Fleischerkönig Mauler, der gute Verbindungen zu den Wallstreet-Bankiers unterhält. Von ihnen über steigende oder fallende Preise informiert, kann er Maßnahmen durchführen (Verbrennung des überzähligen Viehs, Senkung der Löhne), die zu immer neuen Wirtschaftskrisen führen.

Brecht zeigt aber auch, dass sich Wirtschaftskrisen unmittelbar auf alle Menschen auswirken und dass der Kampf um Geld und Macht zwischen den Mächtigen auf Kosten der Armen geht.

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4) Brecht, Bertolt: Die heilige Johanna der Schlachthöfe. Berlin: suhrkamp 1955. S. 83; 5) Ebd. S. 84; 6) Ebd. S. 9f.; 7) Ebd. S. 35; 8) Ebd. S. 40; 9) Ebd. S. 38f.;10) Ebd. S. 42; 11) Ebd. S. 76; 12) Ebd. S. 11; 3) Ebd. S. 22; 14) Ebd.; 15) Ebd. S. 146


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