13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

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Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 5

Chatten – Handy - SMS  
Kommunikation unter Jugendlichen

 

Sarah Költzow
Goldberg-Gymnasium
Sindelfingen

 

 

Unsere Klotür

Unsere Schule ist eine ganz besondere Schule. Bei uns wird Kommunikation groß geschrieben. Sogar bei denjenigen Deutschlehrern, die man als Schüler so schlecht versteht, weil sie so furchtbar schwäbisch reden.

Unsere Schule ist 750 Jahre alt. Jedes Jahr gibt es ein Schulfest, an dem unser kommunikativer Rektor eine Rede hält und es jedes Jahr besser schafft, die unehrenvolle Geschichte unseres Gymnasiums im Zweiten Weltkrieg auszulassen. Bei seiner Rede schlafen auch immer nur etwa die Hälfte aller Schüler ein. Die anderen führen eine mehr oder minder gepflegte Konversation oder beschmeißen sich mit Papierkügelchen.

Im Moment befinde ich mich in eben so einer Schuljahresabschlussrede und fummle mir die letzten Kügelchen aus meinen Locken. Ich hasse Naturkrause. Und trotzdem überlege ich mir, wie die Kommunikation der Schüler untereinander in unserer Aula verbessert werden kann. Es kann ja nicht angehen, dass meine armen Schulkameraden sich jedes Mal bombardieren müssen, nur um die Aufmerksamkeit auf einander zu lenken und sich austauschen zu können. Wäre ja auch viel zu auffällig, weil zu laut, wenn sich hier alle 600 Schüler gleichzeitig unterhielten. Und unser armer Rektor käme total ins Schwitzen. (...) Ich fummle kurz unter meinem Stuhl herum, verrenke mich – tatsächlich: ein Briefchen.

„„Die plöde Zicke Müller hat mich schon wider zum nachsitzen geschikt. Schon wider ein Eintrag. Bist du jetz eigentlich mit T. zusammen? Hdl, Lena.“ – „Nein, aber mit M. Macht dir doch nix aus, oder? Willst doch schon lange nix mer von dem. Wir sind doch die besten Freundienen, oder? Hdgdl, Caro.““

Aha. Sehr aufschlussreich. Memo an mich: Briefchenschreiben ist nicht so laut wie Unterhalten, also an der Institution Schule im Allgemeinen besser geeignet.

Aber: Sind Lena und Caro noch befreundet? Oder ist M. jetzt etwa mit Lena zusammen? Was, wenn Caro Lena ein Freundschaftsangebot macht und der Brief niemals bei ihr ankommt? Sondern in meinen Haaren landet, oder sonst wo?

Das erklärt jetzt auch, warum sich meine Tante Ilse und Mama nicht leiden können. Anscheinend schon seit der Schulzeit, sagen sie. Da ist bestimmt auch mal ein Briefchen nicht angekommen. Fehler in der Kommunikation und schon ist dein ganzes Leben im Eimer.

Na gut, bei Mama vielleicht nicht. Aber in anderen Fällen kann das passieren. Nur mal angenommen, ich kriege eine total fies benotete Arbeit zurück. Natürlich nur hypothetisch, denn bisher hatte ich immer nur gute Noten. Also, angenommen ich schreib dann einen Brief an meinen besten Freund Joachim, der schräg vor mir sitzt: „Der Arsch hat mir schon wieder ne 5 gegeben!“ Wenn der Arsch, also der Herr Gerstenkorn, unser Lehrer, das liest, muss ich ja in Arrest. Also, müsste ich, meine ich. Und dann fliege flöge ich von der Schule. Aus der (utopische) Traum vom Abi. Nicht mal mittlere Reife. Im Moment noch nicht mal Hauptschulabschluss. Dann müsste ich in der Schule putzen. Wie Inkens Mama. Also doch das ganze Leben im (Putz-)Eimer.

Also besser keine Briefchen im Klassenzimmer herumreichen. Lieber mit der Post, da gibt’s das Briefgeheimnis. Aber – ich würde auch nicht allen Eltern trauen. Zum Beispiel Hendriks nicht. Die sind neulich auf ihn zugerannt, als er heimgekommen ist und haben ihm gratuliert. Für den Sieg in einem Physikwettbewerb. Der Brief war an ihn adressiert. Und seine Eltern haben ihn aufgemacht. Hendrik hat aber gar nicht gewonnen. Den Wettbewerb zur Physikalischen Kommunikationstheorie hab ich gemacht. Aber in seinem Namen eingeschickt. Weil ich nicht wusste, ob der Wettbewerb seriös ist. Ich gebe grundsätzlich nicht meine Adresse an. Da könnte ja Was-Weiß-Ich-Wer kommen!!

Auf jeden Fall ist es total altmodisch, Briefe mit der Post zu schicken. Auch wenn die Eltern die Post nicht aufmachen. Die Briefe meine ich. Postkarten aufmachen geht ja schlecht.

Außerdem ist Post teuer. Und seit ich gelesen habe, dass die Post unzustellbare Päckchen versteigert, ist mir das alles zu unsicher. Sowieso, das sind doch alles Diebe, da. Im Brief von meinem Opa zu Weihnachten waren diesmal nur 50 Euro drin. Da hat die Post bestimmt die anderen 50 rausgenommen. Letztes Jahr hatte ich nämlich noch einen Hunni drin liegen. Na ja.

Liebesbriefe schicken ist vielleicht ganz süß. Aber ich bin ja nicht mal verliebt. Also. Und außerdem weiß man nie, ob die anderen Liebesbriefe auch süß finden.

Dann gibt es da ja auch noch das Telefon. Gut, in der schulinternen Kommunikation scheidet das wohl schon mal aus. Wobei – mit den neuen Handys ist ja alles möglich. Die kann man ja auf „Lautlos“ stellen und am besten auch ohne Vibrationsalarm. Das macht sonst immer brrrr-brrr auf den Tischen.

Magdalena hat schon getestet, dass sie im Reli-Unterricht in ganz normaler Lautstärke mit ihrem Freund telefonieren kann. Ohne dass Herr Taub was merkt. Das will aber auch nichts heißen, denn Herr Taub merkt nie was. Dennis raucht manchmal im Klassenzimmer. Ab und zu sieht Herr Taub, dass Dennis sein Klassenarbeitsheft anzündet. Oder auch mal das von anderen. Das ist er gewohnt, deswegen sagt er nichts. Auch nicht dem Rektor. Obwohl ja an unserer Schule Kommunikation groß geschrieben wird.

Handys sind aber auch gut wegen dem Spicken. Die modernen Lehrer kriegen ja glaub ich alle so eine Zusatzausbildung. Da gibt es am Ende so ein Zertifikat zum Spickzettelentdecker und so. Die kennen wirklich alle Verstecke.

Aber mit den Handys funktioniert das noch ab und zu.

Der Marco kennt den Lorenz aus der elften Klasse. Das ist der Freund seiner Schwester. Marco hat nämlich seine Ratte mal in Pflege genommen, als Lorenz und Marcos Schwester zusammen im Urlaub waren. Weil Lorenz nicht gemerkt hat, dass seine Ratte dabei gestorben ist und Marco ihm eine neue gekauft hat, mag er ihn seither. Und wenn Marco eine Physikaufgabe in der Arbeit nicht versteht, schickt er Lorenz eine SMS und erhält kurz darauf die Antwort. Die ist sogar manchmal richtig.

„SMS“ stimmt ja aber im Prinzip gar nicht. Das heißt ja „super-messages-service“. Und ich schicke ja keinen Service. Sondern nur die Message. Also eine SM. Super-Message oder so. Eigentlich muss es ja Kurznachricht heißen. Und „kurz“ hab ich erst neulich in Englisch gelernt. Aber „little“ fängt ja mit „l“ an und nicht mit „s“. Egal. Die „smsen“ auf jeden Fall alle wie verrückt. So 200 am Tag. Und jeden zweiten Tag brauchen sie dann neues Guthaben. Ich hab auch ein Handy, klar. Mit Vertrag. Weil meine Eltern sagen, dass man immer dann, wenn man das Handy braucht, kein Guthaben hat. Deswegen zahlen sie die Grundgebühr für meinen Vertrag, damit ich immer telefonieren kann.

Ich hab mein Handy aber immer zu Hause. Weil wenn ich’s in der Schule dabei hab, fragen mich immer alle, ob sie mal „kurz“ eine SMS verschicken dürfen. Eine kurze little message? Nee, weil dann will noch einer und noch einer und dann dauert es auch nur noch kurz, bis die Rechnung nicht mehr so short ist und dann gibt es Stress mit meinen Eltern. Ach ja – „short“ heißt das Wort. Short Message. Scheiß Englisch.

Dass das überall auftauchen muss – Bluetooth, z.B. Das hat mein Handy und ich weiß nicht, was es ist. Blauer Zahn? Was soll das?

In der Beschreibung steht „für noch bessere Kommunikation“. Aha. Versteh ich nicht. Ich sag’s ja – scheiß Englisch.

Infrarot. Auch so ein Begriff. Naja, ich bin froh, dass ich verschiedene tunes downloaden und per WAP im web surfen kann. Auch wenn ich in meinem multi-color-display nur pixel seh und meine voicebox nicht connecten kann.

SMS sind auf jeden Fall ziemlich in. Und ziemlich teuer. Aber im Unterricht auch wenig geeignet. Vor allem, wenn man wieder einen Film anschaut, wie neulich in Geschichte. Das macht die ganze Zeit dam-dam-da-rüp, dam-dam-da-rüp. Wenn man eine SMS kriegt. Wegen den elektronischen Geräten und dem Empfang. Und auch die Mikros hier in der Aula würden das machen. Dam-dam-da-rüp.

Ansonsten gibt es ja nicht mehr so viel in Sachen Kommunikation. Weil mentale Dinge wie Telepathie anscheinend nicht gelten, fällt mir nur noch ein Bereich ein. Nein, halt: zwei Arten, wie man kommunizieren kann.

Die erste wäre das Internet. Das ist echt mal cool. Man kann eMails schicken, die sind sofort da. Also beim Empfänger. Und der hat dann auch keine Ausrede, der Brief sei nicht angekommen. Und es kann auch keiner was dabei klauen. Und es geht ratzfatz, egal, wo man auf der Welt wohnt. Na ja, fast überall.

Wenn man Internet hat, ist es eigentlich ganz billig. Man muss keine Briefmarken dafür kaufen und hat so einen ekligen Geschmack auf der Zunge vom Ablecken. Man kann sehr gut damit kommunizieren- über Text, aber sogar auch mit Sprache. Man kann Bilder, Dokumente und Programme verschicken. Ist das nicht praktisch? E-mail für alle!

Wobei – da ist das Problem: man braucht dafür einen schnellen PC und Internetzugang. Also eine Telefondose. Und so ein schneller PC und die Telefonrechnung und die Stromkosten sind wahrscheinlich doch teurer, als wenn man ein paar Briefe und Päckchen schickt.

Das erinnert mich an Inkens Papa. Der ist Postbote. Den kann man ja nicht arbeitslos machen, nur weil man Päckchen nicht mehr mag. Es gibt ja gerade schon genug Arbeitslose. Viertausend oder so. Irgendwas mit vier. Auf jeden Fall soll Inkens Papa nicht arbeitslos werden. Weil dann verdient er ja gar kein Geld mehr. Und Inkens Mama verdient auch nicht gerade viel. Wie gesagt, die tut ja unsere Klos putzen.

Und das ist das zweite Kommunikationsmittel, das mir vorhin noch eingefallen ist – unsere Klotüren.

Ich weiß, das hört sich irgendwie beschissen an, aber das ist es gar nicht. Höchstens die Kloschüsseln. Aber die beschreibt ja auch keiner. Ich meine, da schreibt ja auch keiner drauf. Auf die Klotüren schon. Und unser armer Rektor, der da vorne gerade ängstlich die Jahre 1939- 1945 in der Schulgeschichte übergeht, gibt in jeden Ferien mehrere Tausend Euro aus für Farbe, die dann teure Handwerker über die Kommunikation der breiten Schülerschaft verteilen müssen.

Also, wenn ich gerade breite Schülerschaft gesagt habe, muss ich das korrigieren. An die Klotüren schreibt jeder, egal ob bekifft oder nicht. Das ist ja auch interessant und sollte gefördert werden. Na ja, immer noch eher gefördert als verboten, vernichtet, bekämpft und geleugnet, finde ich.

Nur ein Klo blieb bisher noch von den Handwerkern verschont: „Die Stadt hat kein Geld.“ Ich bin jedenfalls froh, es mir hier in Hohlstunden (ob jetzt offiziell oder selbst bewilligt, sei mal dahin gestellt) gemütlich zu machen, den Gestank zu ignorieren und die Sprüche zu lesen. „I was here in 1983“ ist noch der unspektakulärste.

Cooler ist dann schon, wer wen grüßt, wer mit wem zusammen war oder ist und wer die besten Comicstrips, Karikaturen und Bilderrätsel malt. Neulich hab ich sogar Latein gelernt, auf dem Klo. Da stand „Der scheiß alea iacta est: ich werde nicht zum Abi zugelassen.“ Den Rest muss ich hier nicht zitieren. Auf jeden Fall hab ich das dann nachher im Test richtig übersetzt. Toll, oder?

Ich weiß nicht, ob man das als Außenstehender und Nicht-Schulklogänger nachvollziehen kann, aber was bei anderen Schulen das Internetforum, die Schülerzeitung oder das Schwarze Brett, ist bei uns das Schulklo. Hier wird man informiert und kann sogar Fremdsprachen lernen: „Je suis une Francaise et vranchement, vos toilettes, c’est le bordel.“ Also bitte- weiß man doch, dass man „franchement“ mit „f“ schreibt. Diese vranzösischen Austauschstudenten!!!

Jedenfalls: warum, wenn nicht der Kommunikation wegen, sollte irgendjemand dieses Örtchen aufsuchen? Das fängt ja schon an, wenn man Schlange steht. Und das muss man fast immer. Denn die wenigsten Toiletten lassen sich abschließen. Und wenn, dann nicht wieder öffnen. Meistens ist alles verstopft und nur ein Klo frei. Dann bilden sich lange Schlangen.

Spiegel und Seife haben wir schon lange nicht mehr. Handtücher nur selten. Und wenn, dann liegen sie zerfetzt auf dem Boden. Das Licht flackert, es stinkt, aber die Sprüche sind gut. Kommunikation wird an unserer Schule eben groß geschrieben.

Und im Falle der Schultoiletten auch bunt. Nichts ist trister, als das Grau öffentlicher Toiletten. Und Edding gibt es ja zum Glück in vielen verschiedenen Farben.

Die Schreibfehler der anderen sind wirklich am Amüsantesten. Aber auch Neuigkeiten werden weiter verbreitet – es interessiert zwar 2005 keinen mehr, wann der Einsendeschluss für den „Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003“ ist, aber mich hat es schon interessiert.

Der Rektor ist fertig, die Papierkügelchen sind aus meinen Haaren draußen. Hinter mir klingelt ein Handy den aktuellen Nummer-Eins-Hit (jedenfalls laut unseren Klo-Charts) und ich habe das perfekte Kommunikationsmodell für Jugendliche noch immer nicht gefunden. Schließlich kann man Klotüren weder einscannen, noch per Spracherkennung digitalisieren, noch in einen Briefumschlag stecken. Und in eine Postkarte schon gar nicht.


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