13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

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Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 7

Als sich Josephine im Zoo befand, ...


 

Sabine Kost
Gymnasium Renningen

 

 

... Auch wenn Josephine es lesen nannte, war es doch nicht viel mehr als ein vages Erraten einzelner Buchstaben, obwohl sie den Text schon mehrere Male in den Händen gehabt hatte. Aber mit ihrem Vater zusammen konnte sie die meisten Worte entziffern. Und er hatte Recht, Onkel John – das „Onkel“ vor dem John ließ sie seit diesem Artikel mit Absicht weg – nahm sich einfach zu viel heraus. Papa hatte von Anfang an Recht gehabt! Trotzdem zog es sie so oft in den Zoo...schließlich waren die kleinen Tiere, die einen so gemeinen Namen hatten – sie konnte ihn sich nicht merken, aber das Wort „Teufel“ war darin vertreten – doch so süß! Und John war weiterhin trotzdem der Bruder ihrer Mutter. Er wusste bisher nicht, dass Josephine den Artikel kannte. Doch er war so gemein und sie musste jeden Tag mit ansehen, wie traurig Papa war deswegen. Und außerdem hatte Papa ihr doch erklärt, dass es eine ganz schöne Beleidigung für ihn und sie selbst war.

Sie hatte das zwar nicht wirklich verstanden, aber sie wusste, dass es so besser war. Heute würde sie es ihm ein für alle Mal zurückzahlen. Papa hatte ihr den Mut gegeben. Wahrscheinlich war sie deshalb hier, aber vielleicht auch, weil sie es selber wollte oder weil... Sie war sich einfach nicht sicher warum, aber sie wusste, dass sie es tun würde. Beinahe unbewusst blieb sie am Käfig der Schimpansen stehen. Dieser war sehr geräumig und ließ viel Platz zum Spielen, auch für die Jungtiere. Seile, Bäume, pinkfarbene Blumen, Autoreifen und große Felsen schmückten den Raum. Jetzt erst erkannte sie Jack, einen Pfleger, der in seinem grünen Arbeitsanzug in der linken Ecke des Käfigs auf einem Autoreifen saß. Sie war froh, dass er sie nicht sah, denn sie hatte heute keine Lust sich mit ihm zusammen das Treiben der Affen oder des Zuwachses anzusehen. Manchmal durfte sie durch den Hintereingang, eine massive Eisengittertür, die nur das Personal zu erreichen wusste, mit in den Affenkäfig.

Nach solchen Besuchen lud Onkel John sie oft auf eine heiße Tasse Schokolade ein und sie redeten lange über Schimpansen, den Zoo oder die größeren oder kleineren Probleme eines kleinen Mädchens. Der Gedanke daran zauberte ein verträumtes Lächeln auf ihre Lippen. Beinahe milde gestimmt schlenderte sie weiter an einen der nächsten Käfige. Nur so groß wie eine Katze, aber mit ganz spitzen Zähnen tapste das Tier im Käfig herum. Sie, denn es war ein Weibchen, hatte ganz treue Augen, wie die eines Babys. John hatte ihr erklärt, dass diese Tiere lange ihre Babys wie die Kängurus trugen und dass es sie nur noch in einem Land, das Tasmanien hieß, gab.

Hier war sie, ihr Liebling. Hier war ihr kleiner Teufel, wie sie ihn immer nannte, hier war Josephine. Bei ihrer Namenspartnerin wusste sie auch, wo der Zugang zum Käfig war, aber hier traute sie sich natürlich nicht in den Käfig, weil sie Angst hatte, dass Josephine sie selbst mit einem großen Brocken Fleisch verwechseln könnte. Dieser Anblick brachte sie zum möglichen Grund ihres Kommens zurück.

(...)

Langsam bewältigte sie den Rest des Weges zur lindgrünen Tür, aber als sie ihre Faust anhob um anzuklopfen bemerkte sie erst, wie sie zitterte und bebte. Ein weiteres Mal schloss sie die Augen um das Brodeln in ihrem Bauch wieder zu finden. Plötzlich hörte sie, wie jemand leise klopfte und die Türklinke hinunterdrückte und sie bemerkte, dass sie selbst es war, die daraufhin die Holztür öffnete und in einem kleinen, warmen Raum, ausgestattet mit einem Boden aus Kork und dazu passenden hellen Wänden, stand. An einem Schreibtisch aus Buchenholz saß ein großgewachsener, dunkelhaariger Mann, leger in Jeans und T–Shirt gekleidet, der bei ihrem Betreten von seinen Unterlagen aufsah.

Als er aufstand, umspielte ein Lächeln seine Lippen, das jedoch beim Anblick der ernsten Mädchenaugen erstarrte. „Josephine, was...“ „Sei still, John!“ unterbrach Josephine ihn abrupt, mehr, um sich Mut zu machen und sich an das Gespräch mit ihrem Papa zu erinnern, als ihn zum Schweigen zu bringen. „Du bist zu weit gegangen, Papa hat mir den Artikel in der `Times´ vorgelesen! Was fällt dir eigentlich ein dem Reporter zu sagen, ich würde mitkommen, du würdest dafür sorgen, dass es mir gut geht, dass es mir besser geht? Was glaubst du, wer du bist? Ich bin nicht deine Tochter, da können noch so viele süße Tiere mit meinem Namen kommen! Ich bin froh, wenn ich dich nie wieder sehen muss und nie wieder daran denken muss, dass du Mamas Bruder bist! Geh doch allein in dein Australien!“

Sie erschrak selber davor, wie sie mit ihrem Onkel sprach. Sie wusste, dass sie so nicht reden durfte, aber schließlich hatte Papa gesagt, es sei so in Ordnung und schließlich hatte er sie damit beleidigt, sie hätte einen schlimmen Papa.

(...)

...Plötzlich war sie da, diese Wut! „Du magst meinen Papa nur nicht, das hat er mir erzählt! Du wolltest schon nicht, dass Mama und Papa heiraten, das hat er mir alles erzählt und auch die ganzen Gemeinheiten, die du gemacht hast! Und jetzt willst du mich ihm wegnehmen, du bist so gemein! Lass mich bloß in Ruhe!“

Sprachlos stand John vor ihr, die Arme instinktiv ihr entgegengestreckt. Er konnte nicht verstehen, was seine kleine Nichte da sagte, was ging da nur vor? Woher kam diese Wut so plötzlich? Josephine war sich sicher, auch in seinen Augen ein feuchtes Schimmern erkennen zu können. Aber sie gab ihm auch keine Gelegenheit die Worte wiederzufinden, denn sie drehte sich prompt um und rannte hinaus. Irgendwo in ihrem Bauch tat etwas weh, aber das verdrängte sie mit dem Bewusstsein, dass sie somit zumindest wieder einen glücklichen Papa hatte.

(...)

Es war schon spät. Der fahle Mondschein, der durch ihr Zimmerfenster schien, tauchte den Kleiderschrank und einen Teil ihres grauen Teppichs in ein kaltes Licht. Wieder einmal benetzten leise Tränen ihre Wangen. Es tat weh. Auf zwei verschiedene Arten, die jedoch nicht so leicht für sie zu trennen waren. Es schmerzte ganz tief in ihr drin. Sie versuchte die Augen zu schließen um zu schlafen, aber dieses Gefühl ließ es nicht zu. Sie musste schlafen. Morgen war es soweit. Papa hatte ihr extra ein neues Kleid, eine große Schultüte und einen Schulranzen gekauft. „Damit du weißt, wie lieb ich dich hab!“, hatte er gesagt. „Und damit auch du mich lieb hast, mein kleines großes Mädchen!

(...)

Josephine Kommt in die Schule, lernt lesen, eine „beste Freundin“ kennen, Mary, bei der sie auch einmal übernachtet, als ein Gewitter ihr große Angst macht. Der Abend in der Familie der Freundin verläuft so ganz anders als Abend daheim. Sie fragt am folgenden Nachmittag ihren Papa danach...

„Papa, ich muss mit dir reden!“ Mit einem kritischen Blick setzte er sich neben seine Tochter aufs Bett. „Papa, irgendetwas ist falsch. Warum hat Mary keine...keine Familienregeln?“ Ruckartig sprang ihr Vater auf. Mit einem vor Zorn gezeichneten Gesicht schrie er das kleine Mädchen vor sich an und wirkte trotz seinem dominant wirkenden Auftreten auf eine seltsame Art und Weise unsicher.

„Was? Warum hast du mit ihnen darüber gesprochen, was hast du ihnen erzählt? Du weißt genau, dass das Väter tun, wenn sie ihre Töchter lieb haben!“ Verschreckt wich Josephine instinktiv zurück. „Aber Papa, ich hab dich doch auch lieb, aber Marys Papa hat sie auch lieb und sie haben kein Familiengeheimnis!“ Verängstigt, seine Reaktion fürchtend, blickte sie von unten herauf auf ihren so mächtig wirkenden Vater.

Ein ganz bestimmter Satz lag ihr schon so lange auf der Zunge, doch sie hatte es nie vollbracht, ihn auszusprechen. Fieberhaft überlegte sie, ob das nun nicht die passende Gelegenheit wäre, nachdem das Thema nun schon angesprochen war. „Und Papa, ich hab mich nie getraut es zu sagen, aber jetzt bin ich doch schon groß und darf so etwas sagen. Papa, ich will das nicht! Es tut so weh und...“ „Sei still!“, schrie ihr Vater und die brodelnde unverkennbare Wut ließ sein eigenes Ich vollkommen ins Vergessen geraten. „Du hast darüber nicht zu bestimmen, mein Fräulein, schließlich bist du meine Tochter! Hast du gehört? Meine Tochter! Du gehörst mir!“ Josephine konnte nicht reagieren, die Angst und der Schrecken über so einen Wutausbruch fesselten sie. Wutentbrannt warf ihr Vater sich auf sie aufs Bett und erdrückte sie beinahe mit seinem vollen Gewicht.....


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