13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

zurück

 

Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 7

Als sich Josephine im Zoo befand, ...

 

Ulrich Matthias Lücke
Herzog-Christoph-Gymnasium
Beilstein

 

 

... Und während sie von Gehege zu Gehege irrte, von Schild zu Schild, in einem Nebel, der ihr die Sicht auf ihre Umwelt nahm, entsprangen demselbigen Geräusche, Schemen – der Wasserkocher, der die Küche allmorgendlich mit einem schrillen Pfeifen erfüllte und die kratzige, unrasierte Stimme ihres Vaters, Jill, ihre Freundin Jill ... schaut die Zeitung an, und Josephine schrie „Lasst mich in Ruhe! Das ist ein ganz normaler Ranzen“ und sie sagt „Also Josephine, ich bitte dich, was ist denn daran so schlimm?“ und versucht sie zu trösten, die Eieruhr schellte und der Topf fiel ihr aus der Hand, worauf er klirrend auf dem gekachelten Boden zerbarst. Josephine weinte. Es war nicht wie sonst im Zoo.

Alles waren Erinnerungen, tränenverwaschene Gedanken, die ihr der Nebel gleich einem Zauberspiegel zeigte. Nur eines hatte sie vergessen: Was war eigentlich vorgefallen? Was hatte John ihr eigentlich zugefügt? Sie hatte es vergessen.  

Sie setzte sich auf eine Wiese und trocknete ihre Tränen. Die Ruhe um sie herum schien sie zu verschlucken, denn, wie sie mit Entsetzen feststellte: Sie war allein. Es zeigten sich keine Besucher, die Gehege waren verlassen, keine Wärter, niemand. In einem Anfall fing sie an, herumzurennen, sie schrie, sie warf sich auf den Rasen, doch sie fand nicht einmal Insekten. Kein Leben außer ihr. Selbst der Wind schien diesen Flecken zu meiden.

„Gut.“ „Was?“ „Gut! Schau dir’s doch mal an! Eine so heftige Reaktion hätte nicht einmal ich erwartet.“ „Und was jetzt?“ „Abwarten.“

Josephine kannte den Zoo auswendig von ihren früheren Besuchen, zumindest meinte sie das. Doch es schien keinen Ausgang mehr zu geben. Dort, wo sie ihn in Erinnerung hatte, stand eine große Hecke, die nahezu undurchdringlich war, und wenn sie sich mit ihrem Kopf hineinkämpfte, so hörte sie ein Rauschen, ein dröhnendes Brausen, das ihr Angst machte und sie schnell wieder aus der Hecke hinaus trieb.

Auch hatte sie nach einer Zeit das Gefühl, als veränderten sich die Wege. So ging sie einen kleinen geschotterten Weg entlang, bis sie an eine Kreuzung kam und als sie sich wendete, hatte war der Weg sich ausgeweitet und war gepflastert. So irrte sie umher, ohne Anhaltspunkt, ohne Ziel, ohne ein Einlenken, ohne stehen zu bleiben. Ohne die Fähigkeit, einen klaren Gedanken fassen zu können. Und während sie irrte und ihr Ohr nichts als die Stille hörte, überfiel sie wieder ein Nebel. Als er sich lichtete, stand sie auf der selben Lichtung wie vor wenigen Momenten, doch sie trug ihren Schulranzen, ihren alten hässlichen Schulranzen, der ihr viel zu groß war und ihren Zopf, den ihr ihre Mutter immer flocht, und wehe er löst sich, sonst schlägt dich Papa; und dann hörte sie wieder das Gekicher, überall Gekicher, es umringt sie, es wird immer lauter, jetzt ein Geschrei, es greift nach ihrem Zopf, es will ihn lösen, „Nein!“ Josephine rannte und rannte und das Gekicher wurde immer leiser, bis es schließlich ganz verschwunden war, doch sie rannte durch das Gras, sie warf den Schulranzen beiseite, immer weiter, bis ihr schließlich die Luft ausging. Sie stand an einem kleinen Teich, der keinerlei Wellen schlug, so windstill war es. ... Josephine stellte mit Entsetzen fest, dass sich etwas erhob; ein unförmiges Ding, mit Tang behängt, ein schuppiges, gewaltiges Fischweib mit langen Haaren; es drehte sich um und wischte sich mit seiner Pranke das Meeresgeflecht aus dem Gesicht: Es war Josephines Lehrerin. Sie trug in der Rechten ein Zepter aus Kreide und während sie begierig die Zähne fletschend aus der Mitte des Teiches auf Josephine zuschwamm, sagte sie: „Bitte achten Sie auf die Textaussage! Vergessen Sie nicht, die Wörter zu untersuchen, sonst verfehlen Sie die Verfasserintention.“ „Aber was ist die Textaussage?“, fragte Josephine verzweifelt, nunmehr an einen Stuhl gefesselt, der ganz aus einem Schwamm gemacht war. „Achten Sie auf die geschilderten Vorgänge! Die Verwirrung der Hauptfigur wird kontrastiert mit den alltäglichen Gewohnheiten, wie dem Eierkochen, der Zeitung, und so weiter. Damit kommen wir der Deutung schon recht nahe“, sagte die Lehrerin.  ... und begann das Mädchen aus der Ferne mit einer Forelle zu ohrfeigen. „Aber ich kann nicht gehen!“, schrie Josephine und versuchte, ihren Kopf abzuwenden, doch alle Mühe war vergeblich, denn der Schwamm hatte sie fest umklammert. „Für eure Klausur sehe ich schwarz, wenn ihr keine Hausaufgaben macht“, sagte das Meerweib und setzte den behaarten Fuß auf den Boden, wobei Schlamm aus ihren Nasenlöchern quoll. Sie hatte den Teich verlassen und schnüffelte schon begierig an Josephines Körper, als der Nebel wieder kam und das Meerweib und die Lichtung und alles verschluckte.

Josephine erwachte und fand sich unter einem Baum schlafend, der ihr die Beine eingeklemmt hatte. „Es ist wie im Traum“ sagte sie zu sich selbst. „Es ist, als ob ich träume, denn niemand ist hier. Gleichwohl träume ich doch auch hier, denn das muss der Nebel gewesen sein. Aber kann ich denn im Traum träumen?“ Und sie stand auf und ging weiter, um den Ausgang zu finden.

„Gott sei Dank, sie ist wach. Ich hatte schon befürchtet, sie sei tot.“ „Quatsch. Niemand stirbt hier.“ „Aber sie dämmert weg. Und wir haben keine Ahnung, was in ihr vorgeht. Sollen wir es nicht abbrechen?“ „Nein. Versuchen wir es mit einem Schock. Schock ist immer gut.“

(...)

Josephine blickte einem Mädchen ins Gesicht. Es hatte freundliche Augen und ein fröhliches Lächeln. Verwirrt fragte sie: „Wer bist du?“ ... „Ich heiße Cytherea, aber du kannst mich Ilse nennen. Das ist viel einfacher. Und du?“ „Josephine.“ Sie ging Ilse willenlos nach. „Wohin gehen wir?“ „Auf die Lichtung, vor der Du dich so fürchtest. Aber keine Angst, ich bin ja bei dir.“ „Aber was tue ich hier?“ „Schwierig. Sehr schwierig zu erklären. Lass uns erst zur Lichtung gehen. Vielleicht verstehst du es dann und kannst nach Hause. Hab keine Angst. Wundere dich nicht. Hauptsache, ich bin hier.“ Und schweigend gingen sie weiter.

„Wer ist das? Was tut die hier?“ „Ich weiß es nicht. Aber sie gehen zur Lichtung. Das ist doch das Wichtigste, oder?“ „Aber wie hat die sich hier eingeschlichen? Wie kommt die hier rein? Das kann nicht sein?“ „Vielleicht hat das Mädchen sie reingelassen.“ „Das Mädchen? Wie das denn?“ ... „Sollen wir es nicht abbrechen? Abbrechen wäre mir lieber.“ „Schock ist immer gut, hast du gesagt. Jetzt sind wir die Geschockten.“ „Aber das gefällt mir nicht. Was sollen wir denn jetzt tun?“ „Abwarten.“

Hallo, ich bin der kleine kursive Text... mit mir will der Autor zeigen, dass er imstande ist, erzählerische Fesseln zu sprengen, indem er sich über Ihr Gebot hinwegsetzt und einfach etwas anderes schreibt, weil er darauf mehr Lust hat. Viel Vergnügen!

Man wirft mir vor, ich würde ja nie das Haus verlassen. Na und, erwidere ich dann, draußen ist doch sowieso alles gleich, warum also raus gehen? Ist es denn interessanter, im Zimmer zu sitzen als auf einer Bank in einem öden Umfeld. Ich finde nicht.

Die Zeitung. Was steht denn drin. Hm. Staatshaushalt. Politik interessiert mich nicht. Neues Nilpferd im Zoo namens Josephine, tz wie kann man ein Tier nur so nennen. Ich mag keine Tiere. Sport? Nein. Hasse ich. Schulmassaker. Ist das eine alte Zeitung? Nein, von heute. Na ja, passiert ja immer wieder. - Was kommt denn im Fernsehen. Was ist denn das?

(Schauplatz: Eine Lichtung in einem Park. Kameraschwenk auf einen Käfig. Zwei jüngere Frauen treten an ihn heran. Kamerafahrt: Im Käfig werden zwei Personen sichtbar: Ein Mittdreißiger und eine ca. zehn Jahre jüngere, durchaus attraktive Frau, wenn auch auf künstliche Weise. Der Käfig enthält eine typische Einrichtung von Affenkäfigen. Als der Mann die beiden Frauen herankommen sieht, schreit er: Holt mich hier raus. Ich habe damit nichts zu tun! Sie gehört nicht zu mir. Ich wurde gezwungen, auch der Zeitungsartikel!) (...)

Diese Zimmerdecke. Ich glaube, sie beobachtet mich auch. Oder will ich das nur glauben. Damit mir nicht langweilig ist. Tock tock tock. Die Zeit verrinnt, mein Kleinhirn spinnt, bis die Stumpfheit bald gewinnt. Habe ich gedichtet. Als mir langweilig war. Ist mir ja sowieso immer. Tock tock tock. Tock tock tock. Komisch was ist denn das?

(Aus dem Schrank klopft es. Nachdem eine gewisse Zeit verronnen ist, kommen vier Personen aus dem Schrank, die von ungläubigen Blicken begleitet werden: Drei ältere, leicht unheimlich wirkend, davon einer im Rollstuhl,  und ein Jugendlicher mit Zahnspange. Einer schreit: Wo ist er? Er sieht sich im Zimmer um, schaut leicht verdutzt und meint dann: Entschuldigung. Müssen uns wohl in der Tür geirrt haben. Die vier ziehen sich wieder in den Schrank zurück und schließen die Tür hinter sich. )

Was war denn das? Muss gleich mal nachschauen. Nichts. Gar nichts. Jetzt habe ich wohl wirklich Grund zur Paranoia. Was ist denn das? Wie fühle ich mich denn? Überall Leute. Alle beobachten mich. Terror. Panik. Keine Langeweile mehr. Ich muss mich verstecken! Vor allen! Juhu, die Langeweile ist tot, es lebe die Paranoia! Ich muss gleich mal üben, wie man sich vor allen versteckt und erschrickt und die anderen erschreckt und öffentliches Ärgernis erregt. Mein Leben hat einen neuen Sinn!

(Die Tür fällt ins Schloss)

(...)

Hallo, ich bin ein kleiner, kursiv geschriebener Text in Times New Roman, Schriftgröße 12.  ... Es handelt sich um die Zusammenführung von zwei Figuren, die im Literaturkurs erdacht wurden.

Schweigend starrte Eric Lange Löcher in die Luft. ...-“ Ähm, Herr Lange?“ „Unterbrechen Sie mich gefälligst nicht, wenn ich mit Ihnen rede! Man darf ja wohl von einem Schriftsteller verlangen, dass –„ “Also, ich bin die ersten Zeilen noch einmal durchgegangen, und ich weiß nicht, was daran so schlimm ist. Das ist doch nur die Hinführung auf die - „Tun Sie das nie wieder! Tun Sie das niemals wieder! Sind Sie schon einmal auf Korrektur gelesen worden?“ Nein, was ist daran so schlimm? „... Sie leben in ständiger Angst, dass Sie weggelöscht werden oder ein Teil von Ihnen. Seien Sie bloß froh, dass ich Sie nicht Korrektur lesen kann! Und weshalb haben Sie mich eigentlich in diese blöde Situation gebracht?“ Das haben Sie sich selber zu verdanken! Sie haben das doch gesagt mit der eingestürzten Treppe, nicht ich! „Tun Sie doch nicht so unschuldig, ich lebe in Ihrer Phantasiewelt! Ich bin Privatdetektiv, Mann! Ich komme nicht hier raus!Herr Lange, ich würde jetzt ganz gerne die Geschichte weitererzählen. „Jaja, so kommst du raus“.

Liebe Leser, Sie lesen im Moment das Werk eines sadistischen Autors, der seine Charaktere verächtlich behandelt – und wenn er zur Rede gestellt wird, will er auf einmal weitererzählen. O tempora, o mores, wo sind wir nur hingekommen!“

In diesem Moment betrat eine Gestalt die Wohnung. Sie war ein wenig untersetzt und unauffällig gekleidet. „Aha, im entscheidenden Moment ablenken. Na ja, mir soll’s recht sein. Moment mal. Wie ist der denn überhaupt hier rein gekommen? Wieso kommt der hier rein und ich nicht raus! Herr Autor, Sie sind ein perfides Schwein!“ „Entschuldigen Sie, bin ich hier richtig  beim Detektivbüro Eric Lange?“ „Was wollen Sie, Sie klischeehafte Witzfigur?“ Der Mann kam an den Schreibtisch. Er war unrasiert und sah aus, als ob er lange nicht geschlafen hat. „Herr Lange, ich äh... ich. Ich weiß nicht, womit ich anfangen soll...“ „Mit dem Schluss natürlich, das ist hier so üblich.“ „Also gut äh, nehcräbimmuG enuarb“ „Nicht zu fassen, Sie gehorchen Ihm, er stellt Sie als Witzfigur dar, und Sie wehren sich nicht einmal. Setzen Sie sich.“

Allmählich begann Eric Lange sich wieder zu normalisieren.Also Herr Lange, ich komme mir in letzter Zeit so beobachtet vor...“ Gerade wollte ihm Lange antworten, da wusste er nicht, warum. Er fühlte sich nicht beobachtet. Er eine Figur? Im Werk eines Autors? So ein Blödsinn. Das muss ein dummer Gedanke gewesen sein, dachte er. „Gut, setzen Sie sich. Was ist ihr Problem?“

Gespannt hörte er zu, wie der Eben ihm Hallo hier ist der kleine kursive Text und hilfsbereit wie ich bin Halt die Klappe, Mann! Nein wissen Sie, Sie haben vergessen, ihn sich vorstellen zu lassen. Der Leser weiß noch gar nicht Sei verdammt noch mal still. Ich hatte ihn gerade so weit, dass ich weiter erzählen könnte und du –„ „Was geht hier vor“ „Das wird der Grund sein, weshalb Sie sich beobachtet fühlen, Sie, Ruhe jetzt alle! Ich hab die Schnauze voll! Kann man denn hier nicht normal eine Geschichte erzählen!“

Nicholas Gernot Eben war auf einmal Hallo, hier ist der kleine kursive Text noch mal und ich - HaltdieKlappe!HaltdieKlappe!HaltdieKlappe! Na gut, dann eben nicht. Undankbares Volk!

Gut. Ein Vorschlag: Es beschwert sich keiner mehr und wir können weiter machen. Ja?

Ach egal, ich mache jetzt einfach weiter.

Der Herr, dessen Name Nicholas Gernot Eben war, setzte sich auf die andere Seite des Schreibtisches und breitete Papiere aus. „Hören Sie Herr Lange, ich fühle mich verfolgt. Neulich habe ich mir sogar eingebildet, es kämen Leute aus meinem Schrank. Und jetzt das. Das habe ich in meinem Briefkasten gefunden.“

Lange beugte sich über die Papiere:

Liebes Tagebuch!

Ich habe meiner Kleinen einen neuen Ranzen gekauft. Sie hatte so unter den anderen Kindern zu leiden. Sie haben sich über den anderen lustig gemacht. Ich hoffe, es wird besser. Sie war sehr unglücklich in letzter Zeit. Papa hat sie wieder geschlagen.

Liebes Tagebuch!

Es nimmt kein Ende. Sie hat soviel gegessen in letzter Zeit und jetzt sagen sie „Nilpferd“. Es nimmt einfach kein Ende. Und dann ist da noch diese Lehrerin. Nur weil sie Worte gern hat, hat sie mit meiner Kleinen geschimpft.

(...)

Arthur Horn, Walther Kessler, Nicolas G. Eben und Eric Lange verbrachten eine lange Zeit (ca. 5 min) damit, den Autor aufzuspüren, was Sie schließlich eine Zeit-Raum-Verschiebung, eine psychiatrische Behandlung, ein manipuliertes Tennismatch und einen demolierten Rollstuhl später auch schafften. Ewige Rache hatten sie geschworen; und sie nahmen es damit nicht so genau, weil sie dann doch schneller fertig waren als vermutet.

Auf dem Grabstein, der aus Marmor angefertigt war, stand: „Ich kann mich nicht länger der Überzeugung verschließen, dass es endlich an der Zeit wäre, ein Fenster zu öffnen*“, denn zu den schlechten Angewohnheiten von ihm gehörte es, Literatur dann zu zitieren, wenn es am wenigsten passte.

All zu lange konnten sich die vier jedoch nicht freuen, denn als sie am Grab standen, fiel ihnen auf, dass niemand „Über die strategische Verwendung von Eiswürfeln im Ausnahmezustandgelesen hatte; sie waren immer davon ausgegangen, sie würden in den Köpfen der Menschen weiterleben – nun war der einzige Kopf, der sie gekannt hatte tot. Und so hörten Sie auf, zu existieren.

Der Autor aber, der sich die ganze Zeit hinter einem Baum versteckt gehalten hatte, lachte sich in Fäustchen, denn er hatte sich mal wieder

geschickt (zumindest meinte er das) aus der Affäre gezogen. Er, der so human war und bei jeder gestorbenen Figur ein schlechtes Gewissen hatte, hatte vier Problemfälle allein durch bloße Logik ausgemerzt.

Nach so viel Übeltat wollen wir endlich wieder zu unserer eigentlicher Geschichte zurückkehren; der Autor möchte sie zu Ende bringen.

„Wer war es dann?“, schrie Josephine. „Ich weiß es nicht“, sagte John verzweifelt und stieß barsch das Mädchen von sich, das ihn zu lausen begann. „Man hat den Artikel unter meinem Namen in die Zeitung gesetzt. Man hat mich gezwungen, mit dieser Frau zu verkehren.“ „Wer?“ Ilse lenkte ein. „Verzweifle nicht. Das wollen die doch von dir. Sie wollen dich mürbe machen, indem sie deine Realität verfälschen.“ „Wer war es dann? Was soll ich denn jetzt machen.“ „Tu es wie sie. Denk an die Worte. Benutze die Worte!“

 „Tu was, tu was!“ „Was denn. Du wolltest doch sehen, wie sie reagiert!“ „Lenk sie ab! Mach was!“ „Ich weiß nichts!“ „Irgendwas!“

Und wieder kam der Nebel. Josephine war jetzt in einem Gehege eingesperrt; sie lag neben einem Bassin und konnte sich nicht rühren. Sie konnte nicht aufstehen. Sie glaubte, schwer zu sein, Tonnen zu wiegen. Da kamen auf einmal Kinder, Kinder aus ihrer Klasse und sie kicherten wieder und riefen „Josephine, das Nilpferd! Josephine, das Nilpferd“ und ein Wärter kam und wollte ihr Heu ins Maul stopfen und unter ihrem Aufsatz stand Sprachlich teilweise ungeschickt und Jill sagte, vielleicht hätte auch John das Nilpferd eben nicht so genannt und ob sie ihn schon mal mit seiner Neuen gesehen hätte, nur weil ihr jemand das sagt, „Nutze die Worte!“ und denkt an die Verfasserintention und „Nutze die Worte“ „Josephine, das Nilpferd! Josephine, das Nilpferd!“ Josephine sagte: „Ruhe!“

Und es war still.

Der Nebel lichtete sich und wieder war der Käfig da. John sah sie an.. „Glaub mir Josephine, ich wollte es Venus nennen (Ilse grinste) und man hat mich gezwungen, zwei Herren von der Direktion und sie haben mich mit dieser Frau zusammengesperrt und haben die Scheidung eingereicht.“ Josephine brauchte nicht zu überlegen. „Komm doch raus“, meinte sie. „Aber wie denn?“ „Ganz einfach, indem du durch den Perlenvorhang gehst.“ Und mit Verwunderung durchschritt John den Vorhang, der seit diesem Moment schon immer, seit er diesen Käfig kannte, die Vorderseite gebildet hatte. Warum war er nicht schon früher durchgegangen?

„Sie greift ein. Sie kann es verfälschen. Tu was!“ „Nein, ich war immer dagegen. Du bist dran.“

Immer noch verwundert sah John die beiden an. Dann sagte Josephine: „Wir sollten den Ausgang finden, glaube ich.“ Gerade, als sie fortgehen wollten, hielt sie eine Stimme auf, eine sehr ängstliche Stimme.

„Josephine, bitte! Tu’s nicht! Bleib hier.“

(...)

Die Stimmen waren verschwunden. Stattdessen schaute Josephine in die Gesichter von John und Ilse, die ihrerseits wiederum auf den Käfig starrten, durch dessen Vorhang das Mädchen herausstieg. Sie hatte bisher noch überhaupt nichts gesagt.

„Was wollen Sie denn noch?“, wollte Josephine fragen, doch dazu kam es nicht. Das Mädchen, das künstlich attraktive Mädchen mit den blauen Augen blähte sich auf und dann zog es sich die Haut vom Leib. Und unter ihrer Haut war sie das Meerweib, das grässliche Meerweib, Josephines Lehrerin. „So!“, zischte sie. „Ist unsere kleine Josephine wieder eine ganz kreative? Geht sie mit den Worten um? Sprachlich teilweise ungeschickt.“

(...)

Der Zoo fing an, zusammenzustürzen; nein, er stürzte nicht zusammen, er verschwand; und alles, was übrig blieb, war eine weiße Fläche. Immer weiter verbreitete sich das Weiß, wie Papier zerrissen die Wiesen und die leeren Gehege, immer mehr Teile verschwanden.

„Es wird Zeit, dass wir gehen“, sagte Josephine und öffnete die Tür.

Alle drei traten hinaus. Bald darauf war die Tür verschwunden.

---------------------------------------------------

* Frank Wedekind: Frühlings Erwachen, 3. Akt, 1. Auftritt


NACH OBEN