13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

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Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 4

Kalle, Pippi, Nanni, Momo, Winnetou &Tom
Bücherhelden und Bücherwelten meiner Kindheit

 

Jana Merfort
Goethe-Gymnasium
Freiburg


 

 

Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Früher waren sie Kinder, dann wurden sie Erwachsene, aber was sind sie nun?

Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch!

(Erich Kästner)

...Ich erinnere mich, auch viel begieriger gewesen zu sein, die vielen Buchstaben in der Schule zu lernen, mit der Aussicht dann endlich problemlos selber lesen zu können und nicht immer bis zum nächsten Abend warten zu müssen.

(...)

wie bei anderen etwa 8- bis 12jährigen, lagen auch schon einmal nachdenkliche, „alltägliche“ und manchmal noch spannendere Bücher auf dem Tisch. Zusammen mit Momo konnte ich gegen die grauen Herren kämpfen und dafür sorgen, dass die Erwachsenen wieder mehr Zeit hatten – für Kinder. Da war auch das Mystische, Geheimnisvolle und Magische, was es tatsächlich schon vor Harry Potter gab. In „Der Zauberer von Oz“ musste die vom Wirbelsturm fortgetragene Dorothy den Zauberer der Smaragdstadt finden, um mit ihrem Hund nach Hause zurückkehren zu können. Natürlich standen ihr einige Freunde, zum Beispiel der feige Löwe, aber auch meine Freunde und ich selbst, hilfsbereit zur Seite. Gemeinsam, so lautete die Botschaft, sind wir stark und überwinden selbst die größten Schwierigkeiten.

(...)

Mit den drei Fragezeichen auf den Spuren des großen Alfred Hitchcocks wandeln oder die Schatzinsel zu suchen und dann als Robinson Crusoe auf einer einsamen, bis auf „Freitag“ unbewohnten Insel zu hausen, erfüllte uns mit einigem Stolz, jetzt schon genau solche spannenden Krimis wie die „ganz Großen“ zu lesen. So langsam kamen wir nämlich in das Alter, in dem wir unsere Bücher auch schon in den Regalen der Eltern entdeckten.

Nun musste der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch, der damals schon „irrwitzig“ spannend war, ...Winnetou und Old Shatterhand Platz machen.

Schließlich entwickelten sich bei uns mit zunehmendem Alter verschiedene Interessen. Während meine Freundin und ich Pferdegeschichten ziemlich langweilig fanden – schließlich kann es ja nicht allzu spannend sein, den ganzen Tag durch die Gegend zu galoppieren –, schwor sie, anders als ich, auf Bücher, die im alten Rom oder noch besser in Ägypten spielten. Ich war an Abenteuer- bis Alltagsgeschichten, mit knisternder Spannung oder humorvollen Katastrophen interessiert...

Bei den bis etwa 12jährigen haben auch schon etwas ältere, später zu Klassikern gewordene Bücher Zugang gefunden, sodass zum Beispiel Der kleine Prinz immer noch Freunde suchte und fand. Das Buch ließ mich nachdenken über mich, meine Mitmenschen, über Einsamkeit und Freundschaft. Bis heute habe ich die Erinnerung an die weltberühmte Rose, die es zu schützen galt, und den Fuchs, mit dem man sich erst „vertraut machen“, den man „zähmen“ musste. Denn „man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“, wie das Geheimnis des Fuchses lautete.6

Gerade in der letzten Zeit wurde ich besonders an Erich Kästners Helden erinnert, die wieder auflebten. Zu Ehren des 100. Geburtstages des Autors sprang Pünktchen mit Anton über die Leinwand und half ihm auch diesmal mit dem Verkauf von Streichhölzern. Zwar mag es vielen heute etwas befremdlich vorkommen, dass Emil „Muttchen“ sagt, und dafür, dass er „ein Musterknabe ist, weil er einer sein will“, um seiner Mutter Freude zu bereiten, würde er heute wohl noch mehr schief beäugt werden, aber die Verfolgungsjagd auf den Dieb Grundeis mit Detektivbande und Parole und einer echten Telefonzentrale beim kleinen Dienstag reizte bestimmt nicht nur mich.7

Doch auch ernstere Bücher über tiefergehende Alltagserfahrungen und -probleme standen und stehen in meinem Regal. Oliver Twist, der sich durchschlagen musste, oder Huckleberry Finn, der mit dem Sklaven Jim die Flucht auf dem Mississippi antrat. Tom Sawyer musste sich nicht nur in der Sonntagskirche quälen lassen, sondern erfuhr auch, dass es in seiner Umgebung zu seiner Zeit einen gravierenden Unterschied machte, ob man weiß oder schwarz war. Dies bekam auch die kleine Eva zu spüren, deren Freund der Sklave Onkel Tom war, und sie musste erfahren, dass sie allein nichts daran ändern konnte.

Weitere ergreifende Einzelschicksale, wie das von Eliza und ihrem Sohn und das vieler Sklaven, die nach Norden, der Freiheit entgegen zogen, beschäftigten mich und ließen mich nachdenklich werden. Zum Teil löste ein solches Buch bei mir einen gewissen Tatendrang aus, dass ich plötzlich hätte aktiv werden wollen, um irgendwie helfend einzugreifen, wenn ich mich in solch einer Weise ins Zentrum des Geschehens versetzt fühlte.

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In vielen Jugendbüchern über den Nationalsozialismus und die Judenverfolgung wurde einfühlsam und dadurch umso eindringlicher und unmittelbarer  das Schicksal anderer Jugendlicher geschildert, an deren Stelle ich mich ebenso hätte befinden können, wie als Leser in gewisser Distanz, durch das Buch als Fensterscheibe. Vor solchen Büchern schreckte ich zunächst zurück. Doch bei langsamem Kennenlernen – „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ war eine unserer ersten Lektüren in der Schule und gefiel nicht nur mir auf Anhieb – lernte ich diese Bücher lesen und schätzen.

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Ich glaube, dass gerade die Harry-Potter-Bücher und ihr umwerfender Erfolg zeigen, was Kinder wirklich wollen; sie wollen – nach Astrid Lindgren – „gute“ Bücher lesen. Insofern hat ein Harry Potter gewisse Ähnlichkeiten mit Christine Nöstlingers Franz, Lindgrens Michel aus Lönneberga oder Pünktchen! Je nach der angesprochenen Zielgruppe kommen eben nur andere Bereiche und Themengebiete hinzu. So verliebt sich der pubertierende Harry, durchlebt seinen ersten Liebeskummer, denkt über die Macht der Medien, in Gestalt von Rita Kimmkorn, nach oder philosophiert bei Madame Trelawney über die Sterne und die Zukunft. Genauso wie Harry durch ein Denkarium in die Vergangenheit schaut, blickt man durch das Buch, durch die Seiten hindurch in eine eigene, selbst entworfene Welt.

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Kinderbücher sind für mich mehr, viel mehr als nur mit etwa 26 verschiedenen Buchstaben bedruckte Buchseiten, die Nummern tragen. Hinter Kinderbüchern, die oft von Jugendbüchern schwer zu trennen sind, verbirgt sich wesentlich mehr als eine - laut Definition - „der Vorstellungskraft und dem geistigen Entwicklungsniveau von Kindern und Jugendlichen angemessene Literatur“.9

Das Besondere an Kinderbüchern ist die Zeitlosigkeit. Nicht nur, dass die Leserschaft das vorgesehene Alter von zum Beispiel 12 bis 14 Jahren meilenweit überschreiten kann, sondern auch die häufige Angabe von 9-99 Jahren weist auf die ewige Gültigkeit vieler Klassiker hin.

Vielleicht sterben einige ehemalige Klassiker mit der Zeit aus, vielleicht ersetzt Frieder aus „Oma schreit der Frieder“ den Michel, der meinen Lesefreunden und mir schon etwas marode vorkam, und Karl May muss den dicken, viel Platz beanspruchenden Harry-Potter- Bänden weichen, aber Kinderbücher selbst werden wohl nie aussterben; solange wie der Frieder „Oma, erzähl mir was“ schreit und an Omas Rock zupft. Und solange die Oma, nach einigem Zetern „Ja lässt du mich gleich los, Bub“) doch noch nachgibt und zumindest eine Gute-Nacht-Geschichte aus dem Ärmel zaubert.10

(...)

Noch heute weiß ich, wie es in „meiner“ Kinderbuchabteilung aussah und wahrscheinlich noch immer aussieht, wie es sich anfühlte dort zu sein. Es war warm, etwas gedämpftes Licht und in einer Art Hütte auf bequemen Kissen konnte ich Stunden verbringen, einfach nur zu schauen und zu lesen. Genau wie damals sehe ich heute manchmal Kinder auf dem Boden sitzen, direkt vor den großen, langen, bunten Bücherregalen; und ich erinnere mich lebhaft, genauso vertieft gewesen zu sein.

Auch später noch wird dieses Gefühl hoffentlich nicht verblassen, denn

„alle großen Leute sind einmal Kinder gewesen (aber wenige erinnern sich daran)“. (Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz)


6 Der kleine Prinz, Antoine de Saint-Exupéry, Karl Rauch Verlag

7 Emil und die Detektive, Erich Kästner, Cecilie Dressler Verlag

9 Microsoft Encarta

10 Oma schreit der Frieder, Gudrun Mebs, Verlag Sauerländer


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