13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

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Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 5

Chatten – Handy - SMS  
Kommunikation unter Jugendlichen


 

Ulrich Merguet
Mathilde-Planck-Schule
Ludwigsburg

 

 

Einen kurzen Moment lang habe ich, der ich zwar ein Handy und auch einen Computer besitze, aber bis heute noch nie eine SMS verschickt und auch noch an keinem Chat teilgenommen habe, ernsthaft darüber nachgedacht, ob ich zu obigem Thema einen sinnvollen Beitrag leisten kann. Hinzu kommt, dass ich dem Jugendalter auch schon eine Weile entwachsen bin.

Nun, wie gesagt, es war ein kurzer Moment und dann war die Entscheidung klar, ja, ich werde  schreiben.

Dafür sprechen vielerlei Gründe. Einen entscheidenden Grund möchte ich  den Leserinnen und Lesern aufgrund seiner Wichtigkeit aber schon an dieser Stelle mit auf den Weg geben, um meine Motivation zu verdeutlichen. Es ist mir ein großes Anliegen, die primären Reflexe das Thema betreffend- mit auffallend negativen Konnotationen - um eine auf stärkere Differenzierung ausgerichtete Betrachtungsweise zu erweitern. ... Die Jugendlichen, eine riesige heterogene Gruppe, was Alter, Geschlecht, Nationalität, Elternhaus und vieles weiteres mehr betrifft, sind, was ihre Interessen angeht, sehr unterschiedlich orientiert. Über die Zeitspanne der Jugend hinweg werden sie aber alle auch mit gleichen Themen konfrontiert, die sich vielleicht durch einen Bezug zum Lebensalter veranschaulichen lassen. Dies erachte ich insofern für wichtig, als sich doch bedeutsame Veränderungen in und für den Jugendlichen abspielen, die eben gerade auch auf die Ausprägung des Sprachverhaltens und den Einsatz von Kommunikationstechnik wie Handy und PC Einfluss nehmen und möglicherweise Rückschlüsse erlauben.

(...)

Jugendliche hatten schon immer ihre eigene Sprache, beziehungsweise einen mehr oder weniger ausgetüftelten Code, mit dem sie ihre Sprache verschlüsselten. Das befindet auch der Kinderbuchautor Ludger Jochmann: „Kinder und Jugendliche haben doch schon immer in Abkürzungen oder Geheimsprachen geredet.“ So auch heute im Zeitalter von Handy und Computer. Er hält es für gut, dass sich Jugendliche überhaupt schreiben und meint weiterhin: „SMS ist für die junge Generation moderne Lyrik.“ ...

Zurück zu der Codierung der Sprache: Es gilt festzuhalten, dass von je her nicht die Kommunikationstechnik im Mittelpunkt steht, sondern das Bedürfnis der Jugendlichen nach Abgrenzung. So erinnere ich mich, dass mir meine Mutter aus der Zeit ihrer Jugend von einer Codierung berichtete die sie mit ihren Freundinnen betrieb. Dabei werden die Wörter eines Satzes in ihre Silben zerlegt, um dann an jede Silbe immer nach dem gleichen Prinzip erst ein “h“ + betonter Vokal der ersten Silbe +  wenn vorhanden die dem Vokal folgenden Vokale und Konsonanten, dem folgt ein „de“ und zuletzt ein „f“ + betonter Vokal der ersten Silbe + wenn vorhanden die dem Vokal folgenden Vokale und Konsonanten. Danach selbiges mit der zweiten Silbe.... usw.: „Die Jungen aus der Parallelklasse sind echt süß!“ - daraus wird: „Diehidefi Junghungdefung enhendefen aushausdefaus derherdefer Pahadefa rahadefa llelheldefelklashasdefassehedefe sindhinddefind echthechtdefecht süsshüssdefüss!“    Mit einiger Übung konnten die Freundinnen so schon bald fließend miteinander kommunizieren, sehr zum Missfallen der älteren Generation.

(...)

Welche Formen haben also die Jugendlichen heute für sich gefunden um miteinander zu kommunizieren und welche Bedeutung kann man ihnen zuschreiben? Zunächst möchte ich die SMS, die Nachricht via Handy genauer betrachten. Zur Zeit entspricht eine Kapazität von maximal 160 Zeichen pro Nachricht dem Stand der Technik. Trotz der begrenzten  Zahl von Wörtern, lassen sich durchaus ganze, vollständige und grammatisch korrekte Sätze bilden und versenden, was auch geschieht. ... Es hat den Anschein, dass das Limit der zu verschickenden Wörter, unweigerlich  die Entstehung von SMS – Abkürzungen nach sich zieht und sie als logische und zweckmäßige Entwicklung erscheinen lässt.

„KUWIHEBEKERZ?“; könnte also durchaus morgen auch auf Ihrem Handy stehen, ...Dann ist guter Rat teuer, wenn es darum geht, dies zu verstehen und die richtige Antwort zu verschicken. Für diesen Fall möchte ich Ihnen gerne zur Seite stehen und bei der Übersetzung helfen: „Kuscheln wir heute bei Kerzenschein?“ ist hier die Frage. Worauf Sie natürlich antworten können, wie Sie möchten, zwei Möglichkeiten würde ich Ihnen aber gerne als Optionen vorstellen. „LAMIINFRI“; wäre die erste und käme einer sehr bestimmten Ablehnung gleich, weil sie lautet: „Lass mich in Frieden“. Sind Ihre Interessen aber anders gelagert, könnten Sie flugs den netten Ausdruck „BIGBEDI“; zurückschicken und damit sicher sein, dass die Kerzen bei Ihrer Ankunft brennen, da Sie zu verstehen gegeben haben: „Bin gleich bei Dir“. ...

Bei genauerer Betrachtung können wir aber noch mehr entdecken. Im Kontext der vorherrschenden Themen erfüllt die Abkürzung selbst, neben dem der Aspekt der Verschlüsselung, noch  einen weiteren Zweck, der in ihr selbst begründet ist und sich vielleicht am besten mit „Annäherung“ beschreiben lässt. Aufgeladen – analog dem inneren Zustand der Jugendlichen - durch die        Ver-dichtung offenbart sie ihren Inhalt nicht auf plumpe, direkte Weise, sondern es bedarf einer genaueren zweiten oder dritten Betrachtung, was sie, die abgekürzte Nachricht, zu einer reizvollen mit Spannung erwarteten, die Phantasie anregenden Botschaft werden lässt.

Es handelt sich hierbei also nicht um eine vereinfachte, „fehlerhafte“, aus Gründen der Bequemlichkeit oder Faulheit reduzierten Sprache, sondern erst einmal um die aktualisierte, dem technischen Fortschritt Rechnung tragende, die spezifischen Themen der Jugendlichen beinhaltende Kommunikation der jüngeren Generation miteinander.

Unter ihr muss auch der Wortschatz, der Ausdruck und die Grammatik nicht leiden. Werden hier Defizite sichtbar, so können wir sicher sein, dass diese aus einer wesentlich früheren Lebensphase herrühren. ...

Das Handy zeigt sich uns als Medium, welches die Reifezeit der Jugendlichen begleitet und ihnen eine Möglichkeit bietet, ihre spezifischen Bedürfnisse zu kanalisieren und zu kommunizieren. In der immer komplexeren Welt der Jugendlichen symbolisieren das Handy und die SMS die Geschwindigkeit, mit der sich Leben heute vollzieht und  den Versuch, dabei nicht abgehängt zu werden.  

Das „chatten“, ist in der Form gar kein englisches oder amerikanisches Wort, sondern abgeleitet vom englischen „to chat“, was soviel bedeutet wie „plaudern“, „schwatzen“. Der Liebe zu Anglizismen verfallen, gelingt es dann mühelos, durch Anhängen der Buchstaben „ten“ dieser besonderen Beziehung auch Ausdruck zu verleihen. Es gibt durchaus Gemeinsamkeiten mit dem „smsen“. Neben diesen Gemeinsamkeiten zeigen sich aber auch ganz spezifische Charakteristika.... Es handelt sich dabei um  äußere und innere Merkmale der Unterschiede, die zusammen genommen in enger und, wie ich meine, in besonderer Form mit der Handy-Kommunikation in Beziehung stehen. Diese soll Inhalt einer abschließenden Betrachtung sein.

Der Begriff „Chatten“ selbst klingt harmlos, leicht, völlig unbelastet gibt er auch nur wenig preis von dem, was sich dahinter verbergen kann. Zum allgemeinen Verständnis vielleicht soviel, dass es sich hierbei um eine Unterhaltung, in der Regel themenzentriert, mittels Computer und Internet praktizierbar, handelt. Sie findet in virtuellen Räumen, den sogenannten „Chatrooms“ statt. Dass zu den äußerlichen Unterschieden zu Handy und SMS neben Computer und Internetzugang auch ein realer Raum, ein Tisch auf dem das Gerät steht und am besten auch noch ein Stuhl gehören, klingt möglicherweise banal, ist es aber nicht. Diese Veranschaulichung soll zunächst einmal dazu dienen, sich besser in einen Jugendlichen hinein zu versetzen, sich über die Wahrnehmung einer veränderten äußeren Umgebung einen Zugang zur inneren Welt der Jugendlichen zu ermöglichen. „Chatten“ lässt sich eben nicht zu jeder Zeit und auch nicht an jedem Ort.

Schauen wir jetzt also genauer hin, so begegnen uns zunächst einmal gleiche Abkürzungen und Symbole. Hier werden sie oft als „EMICONS“ und „AKRONYME“ bezeichnet. Im ersten Fall wird mit dem Kunstwort einmal mehr der inhaltliche Schwerpunkt unterstrichen, handelt es sich hierbei doch um die Verknüpfung der beiden Wörter Emotion (engl. Gefühl) und Icons (engl. EDV grafisches Sinnbild). Der zweite Begriff, der Laie darf es vermuten, die Experten wissen es längst, ist einmal nicht dem Englischen entliehen, sondern kann auf griechische Herkunft verweisen und bedeutet Initialwort, was ein aus den Anfangsbuchstaben mehrere Wörter zusammengesetztes neues Wort meint.

Ein Unterschied zur SMS-Kommunikation ist hier, dass es gewisse Spielregeln gibt, ungeschriebene Gesetze, an die sich jeder Teilnehmer halten sollte. Bei den Bezeichnungen sind die Erfinder durchaus kreativ, man spricht hier von den sogenannten „Chatiquette“ oder „Netiquette“, dieses mal sind die französischen Wurzeln unübersehbar. Diese „... Verhaltensregeln,... die von den Usern selbst entwickelt wurden.....“ so Christoph Geiger, Autor des Artikels „Chatrooms für Kinder – Recherche und Analyse der Angebote“, haben im Wesentlichen den Respekt voreinander, das Verständnis für persönliche Auskunftsgrenzen zum Inhalt und appellieren gleichzeitig an die Ernsthaftigkeit des Interesses auf Seiten der potentiellen Chatteilnehmer, damit die virtuelle Kommunikation auch funktioniert.

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Mit einem letzten Begriff möchte ich Sie jetzt vertraut machen, der ganz typisch ist für das “Chatten“ und dem ich bei der Betrachtung jugendlicher Kommunikation eine wichtige Bedeutung beimesse. Die Rede ist hier vom „Nickname“ ( engl.: Spitzname) oder kurz „Nick“ wie er zur Teilnahme an einem Chat fast immer erforderlich ist. Der „Nick“ transportiert dabei vielerlei Informationen, auch hier kommt es zu einer Verdichtung mit schon beschrieben Qualitäten. In den Dialogen entsteht eine Spannung, deren Energie sich aus den Phantasien aufbaut,... Dabei kreisen die Gedanken eben oft um diesen „Nick“, beziehungsweise um das Bild, das von dem anderen entsteht, durch das, was bekannt ist, das, was vermutet wird und schließlich das, was gewünscht wird. So werden oft Altersangaben verschlüsselt, Interessen und weitere persönliche Details durch freies kreatives Umformen in eine gewünschte ganz persönliche Kennung gebracht. Mein persönlicher „Nick“ könnte also beispielsweise folgendermaßen aussehen: „VMJ-1-3%-o/^“

Wie viel der Einzelne mit seinem „Nick“ von sich offenbart, kann sehr unterschiedlich sein. Immer fließen bewusst integrierte Inhalte aber auch Unbewusstes mit ein. Bestimmt sind Sie jetzt schon dabei, meinen frei erfundenen „Nick“ zu decodieren. Jeder Buchstabe, um eine Stelle im Alphabet nach links (-1) verschoben, ergibt meinen Namen. Die Zahl drei mit angehängtem Prozentzeichen gibt Aufschluss über mein Alter, wobei die Gedankenkette „Prozent – Prozentiges – Schnaps - Schnapszahl“ weiterhilft. Werden letztlich die drei am Ende stehenden Symbole als Eins gesehen, ist auch klar, dass ich männlichen Geschlechts bin. ... Was aber geschieht, wenn sich die Bedingungen für das Chatten den Jugendlichen praktisch  immer bieten ? ...

Was das „Chatten“ betrifft, sind, wie wir sehen konnten, selbst die Experten unterschiedlicher Auffassung, gleiches gilt für die SMS- Kommunikation, wenn es darum geht, wie diese Entwicklungen zu bewerten sind. Das ist wohl damit zu begründen, dass es zum einen noch vergleichsweise wenige Studien gibt, die sich damit befasst haben,... Ich bin der Ansicht, dass die Kommunikation unter Jugendlichen immer von vielen Variabeln, hier in Form der technischen Geräte sowie den soziokulturellen Gegebenheiten und wenigen Konstanten, den inneren Veränderungen über eine gewisse Zeit, beeinflusst wird. So stellt sich mir ein Zusammenhang dar, der getragen wird durch den Gedanken an die enorme Ambivalenz, die Jugendliche über die Zeit von Pubertät und Adoleszenz erleben und der sich in dem Einsatz, der Benutzung der ihnen zur Verfügung stehenden Kommunikationsmittel spiegelt! Handy und SMS auf der einen Seite PC und „Chat“ auf der anderen Seite. Hier die Schnelligkeit, die Rastlosigkeit, dort der ruhige Raum, die Zeit, die kurzfristig stehen bleibt. Der Wunsch sich endlich von zu Hause zu lösen, und doch auf der Suche nach Familie. Hier schließt sich dann für mich der Kreis -  kein teuflischer wie ich meine!


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