13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

zurück

 

Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 4

Kalle, Pippi, Nanni, Momo, Winnetou &Tom
Bücherhelden und Bücherwelten meiner Kindheit


 

Sonja Pilz
Schiller-Gymnasium
Offenburg

 

 

Meine Kindheit – meine Bücher

Die ersten Geschichten, von denen ich behaupten kann, dass ich mich an sie erinnere, sind die der „ König Barbar “ - Reihe von Jean de Brunhoff. Sie sind untrennbar verbunden mit der Stimme meines Großvaters und dem aufdringlichen Brummen der Lampen im Wohnzimmer meiner Großeltern. Konnte ich früher fast jedes Wort auswendig, ist mir heute nur noch eine Ahnung von kreischenden Dschungelvögeln, einer freundlich brummenden Elefantenstimme und kratzigen Opa-Wollpullis geblieben. Und jedes Mal, wenn mein kleiner Bruder diese Geschichten auf Kassette hört, kommen mir die Tränen. Denn ich höre in meinem Innern die Stimme meines inzwischen verstorbenen Großvaters.

Und jedes Mal, wenn in einem Klassenzimmer eine der unzähligen Lampen brummt und alle anderen Schüler in einen Zustand des Wahnsinns treibt, werde ich ruhig. Denn in meinem Innern kuschelt sich ein kleines Mädchen an seinen Großvater, und eine Lampe brummt freundlich vom ewigen Dschungel.

(...)

Haben Sie schon einmal im Wald in einer Höhle gelebt und von Goldschätzen geträumt? Sind Sie schon einmal nachts durchs Dickicht gestapft, um das Schloss des Zauberers Petrosilius Zwackelmann zu finden? Ich schon. Ich habe nämlich, als ich vier oder fünf Jahre alt war, den „ Räuber Hotzenplotz “ von Ottfried Preußler vorgelesen bekommen. Und zwar von vorne bis hinten und wieder zurück. Und immer sehr aufgeregt. Weil der Räuber im Wald und Kasperl und Seppel eben doch erst ab sechs Jahren waren. Aber solche Altersbeschränkungen hielten und halten die Kleine nicht ab. Es wurde gekämpft, gebrüllt und stundenlang geschmollt, ganz so, wie ein echter Räuber das eben tun würde, und dann liegt er vor ihr, der nächste Band vom Räuber Hotzenplotz. Und diesmal hat sich der Räuber als Oberwachtmeister Dimpfelmoser verkleidet, der alte...

Ich habe ihn geliebt, den Räuber Hotzenplotz. Und das Kleine Gespenst. Und die Kleine Hexe, und den Kleinen Wassermann...und...und...

In meinem Kopf ist ein Bücherregal, ein rotes. Darin stehen die Bücher, die mir vorgelesen wurden. Ich stehe davor und möchte eins nach dem anderen von seinem Brett nehmen, möchte die Seiten eine nach der anderen umblättern und mich daran erinnern, wie es war, als ich diese oder jene Geschichte zum ersten Mal hörte, zum zweiten Mal, zum dritten Mal. Sie sind wie Schlüssel, die Geschichten; sie schließen mir meine Erinnerungskisten und -kästchen auf. In den Kisten befinden sich weitere Geschichten, wahre und ausgedachte. In den Geschichten bin ich; ich als kleines Mädchen, das mich heute so rührt.

Natürlich habe ich auch viele Geschichten vergessen. Aber an einige Figuren mit ihren Abenteuern  kann ich mich noch deutlich erinnern. Manchmal nur noch in vereinzelten Bildern, die ich mir damals ausgedacht habe. Aber es kommt mir vor, als würden Barbar, der Oberwachtmeister Dimpfelmoser und der kleine Wassermann in meinem Kopf zu Inbegriffen meiner Kindheit werden und dort bleiben als ein buntes Bild von zu Hause gebliebenen Abenteuern.

Und dann kam der Moment, an dem ich lesen lernte.

Und von diesem Moment an wurden Bücher immer mehr. Ich bekam von allen Seiten Bücher geschenkt. Erich Kästner, Astrid Lindgren.... Bücher fingen an, mir Welten zu eröffnen, in die ich flüchten konnte, wann immer ich wollte. Und ich wollte immer. Zu sagen, ich sei eine Leseratte gewesen, reicht nicht. Lesen war meine liebste und einzige Freizeitbeschäftigung. Kam ich von der Schule nach Hause und die Hausaufgaben waren erledigt, versank ich zwischen Buchstaben. Dabei entwickelte ich einen ungeheuren Lesehunger. Ich verschlang Bücher in Massen und mit einer solchen Geschwindigkeit, dass meinen Eltern Hören, Sehen und die Lust am Geldausgeben verging. Das ging soweit, dass ich in den Sommerferien nach der ersten Klasse aus lauter Langeweile das „ doppelte Lottchen “ von Erich Kästner an einem Tag fünfmal las.

Und immer noch hatte ich nicht genug. Die Bücher waren ein Strudel, der mich mit sich riss. Er machte mich schwindeln, er ließ mich weinen, lachen, er ließ mich mit heißem Gesicht für Stunden die Welt um mich herum vergessen, machte mich taub und blind für alles, was um mich herum geschah. Er schickte mich ans Ende der Welt und holte mich wieder zurück. Ließ Platz für Träume, aber keinen für Sorgen. Bücher waren die Pferde, die mich in die Welt meiner Träume trugen.

(...)

.... Ich war sieben Jahre alt, als ich entdeckte, dass sich zwischen zwei Buchdeckeln Welten verbergen können, die unsere an Schönheit und Zauber bei weitem übertreffen. In den Geschichten meiner Bücher war ich wild und frei.

Es ist deshalb nicht allzu schwer nachzuvollziehen, warum „ Ronja Räubertochter “ von Astrid Lindgren eines meiner Lieblingsbücher war. Die Geschichte von der stolzen Ronja, die für ihren Freund Dirk, den Sohn des Feindes ihres Vaters Mathis, die Burg ihrer Väter verlässt, um einen Sommer voller Wiesen, Graugnomen und Pferdegeruch zu verleben und das leise Ende der Geschichte kennt fast jeder. Sie zählt, trotz dem glücklichen Ende, zu den düsteren Geschichten von Astrid Lindgren. Nicht der Mathiswald mit all seinen Gefahren, vor denen man keine Angst haben darf, und die bittere Feindschaft zwischen den beiden Räuberhauptmännern Mathis und Borka machen das Buch so traurig, sondern es sind die Einsamkeit und Entfremdung von Ronja und ihrem Vater, die sich wie ein grauer Schleier über die Geschichte legen.

Und während ich in meinem Zimmer bäuchlings auf dem Boden lag, saß ich mit Ronja zusammen auf einem Stein am Weiher im Wald und habe mir die Seerosen angesehen. Und wenn ich heute im Frühling zum ersten Mal den Geruch nach Gras in die Nase und wärmende Sonnenstrahlen ins Gesicht bekomme, dann schreit in mir jemand den Frühlingsschrei. Deine liebsten Bücher lassen dich nie wieder los.

Immer tiefer habe ich mich in diese Welten des Zaubers und der dunklen Geheimnisse verloren

(...)

Kennen Sie auch den Schandfleck eines jeden Buchgeschäftes? Die Ecke, in der in langen Reihen die Serien von gleichaussehenden Büchern unter der Aufschrift „.Mädchen “ stehen? Ich kenne sie gut, und ich bekenne: Ich habe sie alle gelesen.

Von König Artus und seinen hehren Rittern bin ich übergelaufen zum spannenden Internatsleben von Enid Blytons Figuren -  „Hanni und Nanni”, „Tina und Tini”, „Dolly” und viele, viele mehr.

(...)

Ich kann heute nicht mehr nachvollziehen, was mich zu diesen Büchern getrieben hat. Aber ich werde mich daran erinnern, dass ich sie gelesen habe, und gnädig mit meiner zukünftigen Tochter sein.


NACH OBEN