13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

zurück

 

Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 7

Als sich Josephine im Zoo befand, ...


 

Katja Sanft
Gymnasium Renningen

 

 

 

Nona

... „Entschuldigen Sie bitte, was haben Sie eben gesagt?“

„Ach, nichts Wichtiges“, wehrte der junge Mann ab, „ich finde es nur erstaunlich, was Mutter Natur so alles in ihrer Weite versteckt hält. Es muss fast unmöglich sein, so etwas in den Weiten Afrikas zu finden und noch dazu so jung. Er muss wirklich ein Glückspilz sein, dieser Mister...., Mister.....“

„Beeton, John Beeton”

„Genau, Mr. Beeton, kennen Sie ihn?“

Ob sie ihn kannte, ob sie John kannte? Josephine blickte noch immer in das Gehege. Ihre Augen verloren sich in dem satten Grün der Büsche. Ob sie John kannte.....

„Flüchtig!“ antwortete sie schnell, schluckte ihre Tränen herunter und drehte sich zu dem jungen Mann. ...

„Josephine McLee, und mit wem habe ich die Ehre?“ Mit diesen Worten streckte sie ihm die Hand hin. ...„Kay Reinolds vom Natural Guardian“ Erst jetzt bemerkte Josephine, dass der junge Mann eine Fototasche bei sich trug. „Sie sind Reporter?“ fragte sie erstaunt, angesichts der Tatsache, das Kay die 20 vielleicht gerade eben knapp überschritten hatte. „Nein, nein, nur Fotoassistent. Aber heute bin ich privat hier. Es ist einfach faszinierend, nicht wahr? Es sieht aus wie der Special Effekt eines Kinofilms, oder wie eine antike Sagengestalt, aber es ist so real, so wirklich, so natürlich, so ursprünglich, so.......“ Kay schien über die Maßen begeistert von dem ihm hier Gebotenen zu sein. Hätte Josephine nicht genau gewusst, was hinter dem ganzen steckte, dann hätte sie seine Begeisterung mit Sicherheit geteilt.

John.....! Wie hatte John das nur tun können? Noch vor wenigen Wochen hätte sie gesagt, dass sie John doch gut genug kenne und dass er zu so etwas niemals fähig wäre. Es war ein Bruch, ein gewaltiger Bruch mit all den Vorstellungen und Träumen, die Josephine hatte. Und bis vor kurzem waren es auch Johns Träume gewesen. Der Traum, die Welt zu verändern, der Traum, einen winzigen Teil von dem wieder zu bringen, was die Menschen in ihrer kurzen Existenz auf dem Planeten vernichtet hatten. Ein Traum vom Paradies, ein Lebenswerk, eine Utopie. Doch der Traum hatte sich in einen Alptraum verwandelt. Was musste John überkommen haben, dass er sich zu so etwas hatte hinreisen lassen? Was hatten sie ihm geboten? Geld? Ruhm? Egal was es war, es musste verführerisch gewesen sein.........

 „..... ein evolutionistisches Wunder. Hätten Sie das für möglich gehalten, Josephine? Vielleicht ist es der Beginn einer neuen Art, eine Weiterentwicklung, eine weitere Stufe auf der endlos langen Leiter der Evolution. Ein Glück, dass Mr. Beeton es rechtzeitig entdeckt und hier her gebracht hat. In Afrika hätte es doch keinerlei Überlebenschancen gehabt. Vielleicht gab es ja schon mehrere von seiner Art, aber sie sind alle umgekommen. Stellen Sie sich das vor, Josephine, eine neue Art von Tier, nein, eine neue Art von Wesen.“...

Josephine rief in ihrem Institut an, wo sich während ihres Urlaubs alles verändert zu haben schien. Die Sekretärin informierte Sie:„..., das ist ein Hochsicherheitstrakt. Überall wimmelt es von Männern in schwarzen Anzügen mit kleinen Knöpfen im Ohr. Ich komme mir vor wie in einem Agentenfilm. Bitte, Miss McLee!“ Alison, ich habe es schon einmal gesagt, ich kann nicht zurück kommen. Sie verstehen das nicht, es tut mir Leid.“

„Wenn Sie jetzt nicht zurückkommen, dann kommen Sie nie wieder hier her, verstehen Sie mich?“

„Wie meinen Sie das, Alison?“

„Wenn Sie jetzt nicht sofort wieder einsteigen, wird man Ihnen nahe legen, das Institut zu verlassen. Es ist bald zu spät!“

„Man hätte mir so oder so gekündigt, Alison, wieso sonst hat man gewartet, bis ich meinen Urlaub genommen habe, um das Ganze zu Ende zu bringen?.“

„Zu Ende zu bringen? Was? Ich.......“

„Alison, ich werde nicht wiederkommen. Morgen werden Sie meine Kündigung in der Post finden. Und egal was passiert, ich werde nicht in das Team zurückkommen!“

„Aber Mr. Beeton fragt jeden Tag nach Ihnen, was soll ich ihm denn sagen?“

„Sie sagen ihm gar nichts, Alison, damit will ich Sie nicht belasten. Alles Gute, Alison.“

Noch bevor Alison etwas sagen konnte, hängte Josephine den Hörer auf. Es tat ihr Leid, die junge Sekretärin so im Stich zu lassen, aber sie sah keine andere Möglichkeit. ...Das Ganze würde ihr über den Kopf wachsen, das fühlte sie jetzt schon. Sie musste mit irgendjemandem reden. Aber mit wem? Sie war allein. ...

Und sie weinte ... um das arme kleine Ding, das sicher jeden Tag, an dem es auf der Erde war, Höllenqualen durchleben musste.

„Es hat keine Schmerzen. Solange wir ihm genügend Wasser zur Verfügung stellen und seine Werte regelmäßig überprüfen, wird es keine Schwierigkeiten geben. Es ist einfach nur ein ganz normales Tier, dem Gott ein besonderes Aussehen gegeben hat. Eine Schöpfung, die die perfekte Symbiose von Wasser und Land zeigt. Entstanden in einem Land, das kaum Wasser hat. Ein Beweis für die durchdringende Speicherkraft unserer Gene.“

„Es hat keine Schmerzen......“

Johns Worte aus dem Interview hallten noch immer in ihrem Kopf.

„Es hat keine Schmerzen......“

Und doch wusste sie es besser. Es hatte Schmerzen. Sie war Biologin genug, um zu wissen, das ein so kleines und zartes Geschöpf, dessen Körper rein anatomisch nicht auf diese Umstände angelegt war, niemals die Chance haben würde zu erleben, was es heißt ohne Schmerzen zu sein.

„Das Institut hat ihr den Namen Nona gegeben. Nach der römischen Schicksalsgöttin, denn ihr Schicksal ist es, uns allen zu zeigen, wie viele Geheimnisse die Natur noch verborgen hält.“

Schicksal! Es war weder Schicksal, noch Zufall, noch göttliche Fügung, dass John auf dieses Geschöpf gestoßen war. Denn ein Geschöpf war sie. Erschaffen, konstruiert, berechnet.   

„Ein ganz normales Tier, dem Gott ein besonderes Aussehen gegeben hat...“ - John wusste genau, was er da sagte. Er war noch nie ein besonders religiöser Mensch gewesen. Er würde nie von Gott reden, wenn er nicht genau wüsste, dass er damit eigentlich jemand ganz anderen meint.

Sich selbst.

John hatte Nona erschaffen. Er war der Gott, von dem er sprach. Er war der Teufel, der dieses arme Geschöpf quälte. Er hatte Geheimnisse gehabt, schon eine ganze Weile. ...Sie war geblendet gewesen. Geblendet von ihren einfältigen, naiven Träumen und von ihrer Liebe zu John. Doch der Mann, den sie einmal kennen und lieben gelernt hatte, war verschwunden. Den John, den sie einmal heiraten wollte, gab es nicht mehr. Warum nur, warum hatte er das getan? Warum hatte er Nona erschaffen? - Nona, das kleine niedliche Leopardenbaby, das mit seinem weichen Fell so normal ausgesehen hätte, wenn es nicht dazwischen an manchen Stellen die schuppige Fischhaut und die Kiemen gehabt hätte...

Josephine suchte ihren alten Professor auf, den Institutsleiter Sternberg, der während ihres Urlaubs pensioniert wurde: „... Sternberg, Samuel Sternberg Professor, Sie sind...... Sie sind Jude?“ „Ja!“ (...)

„Haben Sie jemals etwas von der Arischen Rasse gehört, Josephine? Eine Idealvorstellung des Menschen. Rein arisches Blut in den Adern. Genetisch rein, wenn sie es so ausdrücken wollen. Ein Mensch so perfekt vom Äußeren, dass sein Inneres sich einfach nur dem anpassen kann. Keinerlei fremdes, schlechtes Erbgut in sich. Ein Ideal, nur zu erhalten durch die Ausmerzung aller anderen, falschen Anteile. Egal mit welchen Mitteln!“

... Während er sprach, wurde seine Stimme immer lauter und durchdringender.  ... „Wozu Leben erhalten, wenn man eine perfekte Rasse kreieren kann?“ - Nach Luft ringend sank Professor Sternberg zu Boden.

„Großvater!“ Rebecca kam angerannt und half ihm in den Sessel.

„Großvater, du sollst dich doch nicht aufregen. Bitte gehen Sie jetzt!“

Ihre letzten Worte richteten sich an Josephine. Diese nickte nur, nahm ihre Tasche und machte sich auf den Weg nach draußen.

„Josephine“, der Professor drehte sich nach ihr um, „ ich wollte nicht, was geschehen ist. Ich habe versucht es zu verhindern, als ich es erfahren habe, aber John war schon zu weit gegangen.“

„Ich verstehe, Professor.“

„Nein, Sie verstehen eben nicht. Er hat Freunde. Mächtige Freunde. Er bekommt Geld, mehr Geld als ich je in meinem ganzen Leben für meine Forschung bekommen habe. Ich weiß, dass es Ihr gemeinsamer Traum war, ausgestorbene Arten wieder anzusiedeln, aber ich bitte Sie, denken Sie nach, was nach der kleinen Nona kommt.“

Josephine schwieg. ...

Bei dem Gespräch mit Melakay Sternberg, dem Enkel des Professors, der unter dem Pseudonym Kay Reinolds als Bildreporter arbeitet, entstand der Plan, etwas gegen diese genetische Un-Kreatur zu tun.

„Ich will damit nur sagen, dass es Dinge im Leben gibt, die man nicht ändern kann, und dass es Dinge gibt, die man ändern muss.“

„Sie verstehen mich nicht, Melakay. Was ich heute aufhalte, führt nächste Woche irgendwo auf der Welt jemand anderes zu Ende.“

„Es würde sich sogar lohnen die Welt für lumpige fünf Minuten zu retten.“

„Und das sagen ausgerechnet Sie?“

„Nein, das hat mein Großvater gesagt. Und ich habe es lange nicht verstehen wollen.“ ...

„Ich stimme zwar nicht mit dem überein, was Sie sagen, ... aber schon allein um den Geist des Sternberg Instituts zu wahren und um endlich das mit John zu beenden.....“

Josephine tastete ihre Tasche ab, zog ein klimperndes Schlüsselbund heraus, hielt es hoch in die Luft und lächelte.

„....... muss heute Nacht einfach etwas getan werden.“

Melakay war fassungslos.

„Ist.... , ist es das, was ich denke?“

Josephine nickte.

„Auf welchem Gleis fährt der Zug zum Zoo?“ ...

...Josephine fühlte wie ihr übel wurde.

Sie drückte die eiserne Klinke herunter. Sie war eiskalt. Oder war es ihre Hand, die kalt war? Sie betrat den weißgefliesten Innenraum des Geheges. Eine Höhle im Felsen, die als Schlupfwinkel aber auch als Versorgungsort umgebaut war. Viele Gehege hatten so etwas. Aber diese Höhle war anders als die anderen. Vollgestopft mit technischen Apparaten, Messgeräten und Schränken voller kleiner Flaschen. Irgendwo piepste ein Herztonmesser und das pumpende Geräusch einer Lungenmaschine war zu hören. John saß zwischen all den Geräten und hielt etwas in seinen Armen. Liebevoll streichelte er es und summte leise vor sich hin.

Es war Nona.

Josephines Übelkeit verstärkte sich noch, als sie sah, was mit der armen Kleinen geschehen war. Sie war an die Lungenmaschine angeschlossen und Infusionen wurden über lange Schläuche in ihren kleinen schwachen Körper geleitet. Sie stieß schwache gurgelnde Laute aus. Schon allein an deren Klang konnte man hören, wie groß Nonas Schmerzen sein mussten.

John sah zu Josephine auf. Seine Augen waren matt und schwarz umrandet. Er musste seit vielen Tagen nicht geschlafen haben. ...

„Wo warst du so lange?“ ...

„Ich konnte nicht kommen.“

„Sie ist tapfer. Sie kämpft hart um ihr Leben.“

„Sie hätte nie leben sollen.“

Tränen liefen über Johns Gesicht und über seinen Hals. Josephine fragte sich, wann sie ihn jemals hatte weinen sehn.

„Lass sie gehen“, sagte sie leise und fügte mit einem bitteren Ton hinzu, „ ...du kannst sie immer wieder erschaffen, kannst immer wieder Gott spielen. So oft du willst. Immer wieder kannst du......“

„Hör auf.“ Johns Stimme war kaum zu hören.

„Immer wieder kannst du Kreaturen auf die Welt bringen, für die das Leben eine einzige Qual ist......“

„Hör auf!“ Johns Stimme war etwas energischer geworden. Vorsichtig legte er Nona in ein gepolstertes Körbchen.

„Warum John? Warum? Warum musstest du Gott spielen? Ich....“

„HÖR AUF!“ John schrie. „Hör auf von Gott zu reden. Es gibt keinen Gott. Es hat nie einen gegeben. Nicht für mich, nicht für dich! Und wenn es doch einen gibt, dann sind wir ihm scheißegal!“

...

Johns Hand streichelte ihre Wange. Ihr Kopf nährte sich seinem und seine Lippen ihren. Sie wollte es, doch sie fühlte etwas. Etwas tief in ihr, außer dem Wunsch nach Harmonie und der Hoffnung auf ein Leben nach dieser Nacht, etwas, das langsam anfing, alles Gute in ihr zu fressen: Das Gefühl verraten worden zu sein. Wieder. Johns Lippen berührten sanft die ihren und im selben Moment berührte ihre Hand wesentlich unsanfter seine Wange. Ihre eigene Kraft überraschte sie. John taumelte nach hinten. Er hatte vollkommen das Gleichgewicht verloren und versuchte sich an der Beatmungsmaschine fest zu halten. Ein großer Fehler. Sie fiel mit ihm zu Boden. Die Flaschen brachen heraus und hochkonzentrierter Sauerstoff strömte aus den Flaschen. Nona schrie vor Schmerzen auf, ihr Korb war umgefallen und sie lag in Schläuchen verfangen auf dem Boden.

„Nein!“ schrie John, rannte zu ihr und versuchte sie zu befreien.

Das regelmäßige Piepen des Herzapparates verlangsamte sich. Immer länger wurde der Abstand zwischen den einzelnen Tönen, während John immer noch fieberhaft versuchte Nona aus den Schläuchen zu ziehen. Dann war er da. Der lange markdurchdringende Ton, der anzeigte, dass Nonas Herz aufgehört hatte zu schlagen.

Weinend krümmte sich John auf dem Boden.

„Du hast sie getötet!“ weinte er leise vor sich hin. Dann steigerte er seine Lautstärke, bis er es schließlich in die Nacht heraus schrie.

„DU HAST SIE GETÖTET!“

(...)


NACH OBEN