13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

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Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 6

Nibelungentreue  
Ursprung, Bedeutung und Geschichte
eines Begriffs


 

Theda Schlageter
Tulla-Gymnasium
Rastatt


 

 

(Nibelungen)-Treue: Ein Begriff im Wandel der Zeiten

 13. Jh.: Treueverhältnisse im Werk als sozial-geschichtliches Phänomen der feudalen Lehns- und Ständegesellschaft oder: Keine Treue ohne Eigennutz

 Der Begriff „Treue“, wohlgemerkt nicht „Nibelungentreue“, fällt mehr als einmal im Nibelungenlied. Manche Handlungen der Protagonisten, so Siegfrieds Werbung um Brunhild für Gunther, Hagens Fahrt mit seinem König zu Etzel, die er gegen sein besseres Wissen antritt, und auch der Kampf Rüdigers für Etzel gegen seinen Schwiegersohn Giselher, sind nicht oder nur schwer verständlich, wenn wir sie nicht als Beispiele für ein Phänomen ihrer Zeit betrachten: als Treue eines Untergebenen, oft eines Vasallen, gegen seinen Herrn im Kontext des Lehnswesens.

Das Lehnswesen, das sich seit dem frühen Mittelalter beständig weiterentwickelt hatte, war ein komplexes Geflecht aus wechselseitigen Treue- und Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Lehnsherrn und Lehnsträger, in dem der Lehnsherr seinem Vasallen Schutz und Unterhalt – im Hochmittelalter meist ein Stück Land mit Nutzungsrechten – gewährte, der Vasall sich im Gegenzug zu auxilium et consilium verpflichtete, wobei auxilium oftmals servitium, Heerdienst, bedeutete. Besiegelt wurde dieses Verhältnis durch die Huldigung, bei der der Vasall seine gefalteten Hände in die seines Herren legte, was man als immixtio manuum bezeichnete. Darauf hatte dann der Lehnseid mit der Verpflichtung zu Treue und Hulde zu folgen, wie es der Sachsenspiegel 1225 vorgibt.

Wenn im Nibelungenlied nun von Treue die Rede ist, so ist diese Treue entweder als Treue im Rahmen des Lehnswesens und den von ihm geprägten Denk- und Handlungsmustern oder als Treue im Rahmen familiärer Bindungen zu sehen.

Somit wäre vielleicht zu verstehen, warum „Nibelungentreue“ im 20. Jahrhundert als Schlagwort für bedingungslose, selbstlose Gefolgschaftstreue gegenüber einem politischen Verbündeten oder Führer geprägt wurde. Doch ich habe meine Probleme damit, die Treuehandlungen im Nibelungenlied als Handlungen der „Nibelungentreue“ in unserem Sinn zu betrachten. Denn wenn Sie die betreffenden Passagen des Textes kritisch lesen, so kommen Sie vielleicht zu demselben Schluss wie ich: Hinter beinahe jeder Treuehandlung steht ein egoistisches Motiv und letztlich ebnen sie alle den Weg in die Katastrophe.

Schon die erste Handlung Siegfrieds als „Vasall“ König Gunthers zeigt dies deutlich:

„»Jane lóbe ichz niht sô verre durch die liebe dîn / sô durch dîne swester, daz schoene magedîn./ diu ist mir sam mîn sêle und sô mîn selbes lîp / ich will daz gerne dienen, daz si wérdé mîn wîp.«“ (Vers 388).

So fährt Siegfried also mit Gunther los, um diesem Brunhilde zu gewinnen und erweist dem König einen Dienst, der für einen Vasallen gegenüber seinem Lehnsherrn bestimmt ist:

„Er habte im dâ bî zoume daz zierlîche marc, / (...)/ unz daz der künec Gunther in den satel gesaz.“  (Vers 397, 1,3)

„er hete solhen dienest vil selten ê getân,/ daz er bî stegereife gestüende helde mêr.“ (Vers 398, 2,3) 

Keine Spur also von freundschaftlicher, selbstloser Treue; Siegfried erniedrigt sich vor den Augen der Frauen Brunhilds nur, weil er dadurch Kriemhilde zu gewinnen denkt. Allerdings wird diese, ich nenne es „Vasallenhandlung“ und deren Bekräftigung im Gespräch mit Brunhild der scheinbare Auslöser für den Streit der Königinnen sein, als Gunthers  Frau Siegfried „eigen“(Vers 821) nennt, und die weitreichenden Folgen der Auseinandersetzungen sind Siegfrieds Tod und Kriemhilds Rache.

Hagen dient Gunther weniger ersichtlich aus egoistischen Motiven als Siegfried, aber er lebt am Hofe des Königs, dessen Gunst er sich dazu erhalten muss. Zwar lässt der Beiname „von Tronje“ darauf schließen, dass er in Tronje (Frankreich) Besitzungen hat, doch er zieht ein Leben bei Hofe vor, der Preis dafür ist Gefolgschaftstreue. Sie und sein Stolz verbieten ihm auch, den König auf seiner Reise zu Etzel alleine zu lassen, als Giselher ihm rät, in Worms zurückzubleiben.

„ Dô sprach der fürste Gîselher zuo dem degene:/ »sit ir iuch schuldec wizzet, fríunt Hágene,/ sô sult ir hie belîben unt iuch wol bewarn,/ und lâzet, die getürren, zuo mîner swester mit uns varn«“.

„Dô begunde zürnen von Tronege der degen:/ »ine wíl daz ir iemen füeret ûf den wegen,/ der getürre rîten mit iu ze hove baz./ sît ir niht welt erwinden, ich sol iu wol erzeigen daz.«“ (Verse 1463/1464)

 Hier wird Hagen, wie ich es aus dem Kontext interpretiere, ziemlich eindeutig unterstellt, dass er zu feige sei, seinen König zu begleiten, und das kann er selbstverständlich nicht auf sich sitzen lassen. 

So reitet er mit offenen Augen ins Verderben, wozu er auch gleich noch eine stattliche Anzahl an Rittern mitnimmt:

„»die besten die ir vindet oder índer müget hân. / sô wel ich ûz in allen tûsent oder mêr.«“  (Vers 1472,2,3)

Hätte Hagen nicht geglaubt, er müsse seinen Herrn begleiten, dann wären die arglosen Könige wahrscheinlich nur mit kleinerem Gefolge losgeritten und „tûsent oder mêr“ Ritter, die ihrem Lehnsherrn in Treue folgten, wären am Leben geblieben.

Insofern wäre die Entstehung des Begriffes „Nibelungentreue“ in späteren Zeiten sogar verständlich, wenn ihn seine Erfinder und Benutzer als Synonym für dumme Sturheit aus falsch verstandenem Ehrgefühl im Angesicht der Katastrophe geprägt hätten, denn auf die soeben von mir zitierte Passage und alles, was sich aus ihr ergeben wird, bezieht sich der Begriff der „Nibelungentreue“ nun einmal.

Darüber hinaus ist das Nibelungenlied auch von den zwei Höhepunkten seiner Handlung her nicht gerade dazu prädestiniert, als „Hohelied der Treue“ (von der Hagen) gelten zu können, zumal sowohl beim Mord an Siegfried als auch bei Brunhildes Racheakt am Hofe Etzels nur von Verrat und Missachtung jeglicher, zumindest im familiären Rahmen bestehender, Verpflichtungen zur Treue die Rede sein kann.

Diese Tatsache wird man in folgenden Jahrhunderten allerdings großzügig übersehen.

 

19. Jh.: Nibelungentugenden im verklärenden Blick der Romantik als Ausdruck der  Hoffnung auf eine geeinte Nation  

Seit die letzte erwähnenswerte Abschrift des Nibelungenliedes, die Handschrift D,  in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts im Auftrag von Kaiser Maximilian entstanden war, legte sich ein dreihundertjähriger Dornröschenschlaf über das Werk. Noch 1784 schreibt Friedrich der Große, dass Heldenepen dieser Art „nicht einen Schuss Pulver werth“ seien, und fährt fort, er werde „in meiner Büchersammlung wenigstens, dergleichen elendes Zeug nicht dulten; sondern herausschmeißen.“ So harsch dieses Urteil auch sein mag, so verständlich ist es auch: Friedrich der Große war stolz darauf, ein König der Aufklärung zu sein, das Mittelalter muss ihm als dunkle Zeit erschienen sein, die seine Epoche glorreich überwunden hatte. Und es gab meiner Meinung nach noch einen Grund: Preußen war stark und genügte sich selbst, ein Nationalepos wurde nicht benötigt.

Das sollte sich 1807 schlagartig ändern: Preußen wurde in den Schlachten bei Jena und Auerstädt geschlagen, der König floh, Napoleon triumphierte, hielt Einzug in Berlin und setzte seine Eroberung Deutschlands – besser gesagt der deutschen Kleinstaaten – ohne große Schwierigkeiten fort.

Diese Demütigung führte, wie es 1918 nochmals zu sehen sein wird, zu einer „Aufstauung gewaltiger patriotischer Affekte“ (Helmut Brackert, Das Nibelungenlied I, 253) und diese fanden ihren Ausdruck in einem immensen Interesse an altdeutschen Studien, in deren Zentrum das Nibelungenlied als das Werk mit den – wie ich vorhin versucht habe aufzuzeigen – tiefsten Wurzeln in der germanischen Vergangenheit und Sagenwelt stand. Man glaubte, in ihm das Bild eines einigen und mächtigen Deutschlands sehen zu können und projizierte seine Sehnsucht nach nationaler Erneuerung und Einigung in das mittelalterliche Epos, alle historischen Tatsachen ignorierend. 

Das Werk, dem noch kurz zuvor in dem griechenlandbegeisterten Deutschland keine allzu große Aufmerksamkeit zuteil wurde, wird nun als das „erhabenste und vollkommenste Denkmal einer so lange verdunkelten Nationalpoesie“ (von der Hagen) bezeichnet und der Schweizer Historiker Johannes von Müller behauptet gar, es könne zu einer „teutschen Ilias“  werden. Dies sind zwar nur zwei Reaktionen, aber sie sind beispielhaft für jene Zeit, in der man hoffte, Fortschritte durch Rückbesinnung auf die alten „deutschen“ Tugenden, wie da wären Treue, Ehre und Verlässlichkeit, machen zu können.

Als nach dem Sieg im deutsch-französischen Krieg über den „Erbfeind Frankreich“ und der Neugründung des Kaiserreiches 1871 Deutschland in einen patriotischen Taumel fiel, wurde das Nibelungenlied wieder bemüht: Man stellte es in den Dienst einer nationalistisch angehauchten Erziehung, um „die Bürger im Namen eines irrationalen mythischen Begriffs von Volkstum auf nationalen Gehorsam (und zu bedingungsloser Treue) zu verpflichten und in ihnen Liebe zu König (Kaiser) und Vaterland zu wecken“ (Helmut Brackert, Das Nibelungenlied I, 254).

In diese Rezeption des Nibelungenliedes fügt sich auch nahtlos der Gedanke ein, Siegfried zu einer nationalen Identifikationsfigur zu machen, die in ihrer Stärke und Unbesiegbarkeit den neuen Staat symbolisieren soll.

Und zugleich wird mit diesem „Nationalhelden“ auch eine Legitimation für die militaristischen und imperialistischen Tendenzen des wilhelminischen Zeitalters geschaffen, denn Siegfried zeigt sich – dies ist sogar einmal eine aus dem Text heraus belegbare Deutung (!) – bei seiner

Ankunft in Worms aggressiv und expansionistischen Bestrebungen keinesfalls abgeneigt:

„»Nu ir sît sô küene, als mir ist geseit, / sone rúoche ich, ist daz iemen líep óder leit; / ich will an iu ertwingen swaz ir muget hân: / lánt únde bürge, daz sol mir werden undertân.«“ (Vers 110)

Und aus den Umständen, zu denen diese militaristisch-expansionistisch-imperialistischen Tendenzen führen, die seit der Reichsgründung immer konkretere Formen annehmen, wird auch der das Thema unseres Symposions bestimmende Begriff „Nibelungentreue“ geboren werden.


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