13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

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Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 6

Nibelungentreue  
Ursprung, Bedeutung und Geschichte
eines Begriffs


 

Isabelle Steinke
Feudenheim-Gymnasium
Mannheim

 

 

 

IV

Bedeutung der triuwe im Nibelungenlied

Der Charakter der triuwe ist also äußerst vielfältig, da der Begriff zum einen eine rechtliche Komponente besitzt, sofern er den durch einen Eid besiegelten Treuvertrag bezeichnet. Zum anderen kann triuwe aber auch auf die Verpflichtungen, die sich aus Verwandtschaft, Liebe und Freundschaft ergeben, anspielen, wobei zu sagen ist, dass zwar letztere durchaus wichtig für den Fortlauf und die Motivation der Handlung im Nibelungenlied ist, gemeinhin unter Nibelungentreue aber die Vasallenschaft verstanden wird. Triuwe kann aber nicht nur die Pflicht gegenüber anderen sein, sondern auch die Verpflichtung dem eigenen Gewissen gegenüber. Dieses Ritterbild ist jedoch als ein Ideal zu betrachten, dessen Entfaltung zu oft an der Wirklichkeit mit all ihren Widrigkeiten sowie der Unvollkommenheit des Menschen scheiterte. Auch in der Antike wird die vollkommene Tugendhaftigkeit als das höchste zu erlangende Gut erachtet wird.

Die triuwe endet nicht mit dem Tod des einen Partners, sondern das Gefühl des fortwährenden Verpflichtetseins und der Loyalität erlischt - zumindest bei Freundschaften und Verwandtschaftsbanden - auch beim Tode des einen Partners nicht.

Im Nibelungenlied ist in den zahlreichen Bindungen der Urgrund aller Verwicklungen zu finden, die schließlich in die Katastrophe führen. Wir lernen also die triuwe-Bindung in ihrer ganzen Komplexität im Nibelungenlied kennen, müssen gleichzeitig aber auch der Problematik gewahr werden, die derartige Bindungen beinhalten.

 

V

Kriemhild und Siegfried

Als junges Mädchen träumt Kriemhild, dass ein wunderschöner Falke durch zwei Adler zerfleischt werde, was von ihrer Mutter Ute derart gedeutet wird, dass Kriemhilds Ehegatte einen tragischen Tod sterben werde. Schon am Anfang des Gedichtes wird also angedeutet, dass Kriemhilds Liebe Siegfried zum Verhängnis werden wird. Es scheint paradox, dass gerade die glühende Liebe den Tod des Geliebten durch eine unglückliche Kette von Kausalitäten bewirken kann. Derweil verliebt sich Siegfried in Kriemhild und hält um ihre Hand an, muss aber erst noch einige Abenteuer überstehen, bevor Kriemhilds Brüder Gunther, Giselher und Gernot in die Verlobung einwilligen. Das Liebesglück wird jedoch jäh zerstört, als Siegfried durch einen Lehensmann Gunthers ermordet wird.

Hier wird evident, in welchen Exzessen die radikal ausgelegte triuwe-Bindung gipfeln kann. Auch die Motivation zur Ermordung Siegfrieds lässt sich durch derlei Verpflichtungen oder dem Gefühl der Verpflichtung begründen. Siegfried hat indirekt seinen Tod selbst provoziert; als nämlich Gunther begehrt, um die furchteinflößende Brünhild zu werben, gibt sich Siegfried als Gunthers Lebensmann aus, um diesem heimlich helfen zu können Brünhild zu gewinnen. Um nämlich um Kriemhilds Hand anhalten zu dürfen, hatte Siegfried mit Gunther ein durch einen feierlichen Eid besiegeltes Bündnis geschlossen, was ihn dazu verpflichtete, Gunther bei seiner Werbung um Brünhild zu helfen. Als Brünhild von dem Betrug erfährt, der sie um ihr vorherbestimmtes Schicksal brachte, einen Helden zu ehelichen, ist ihr Hass entsetzlich und sie sinnt auf Rache an Siegfried. Also besiegelt Siegfried durch die triuwe-Bindung seinen Untergang. Siegfried handelt voller Idealismus und auch man kann ihm keinen Vorwurf anlasten; dennoch hilft ihm auch seine Tugendhaftigkeit nicht - er wird hinterrücks ermordet. Seine Treue war demnach sinnlos, da sie ihm keinerlei Nutzen brachte, nur den frühzeitigen Tod. Gleichzeitig muss man aber auch sehen, dass erst durch sein Treueversprechen an Gunther die Verbindung mit Kriemhild möglich wurde und er ohne dieses die Erfüllung seines Liebesglücks nie hätte erlangen können. Zwar wird Siegfried als der junge, strahlende Held sehr plastisch dargestellt, doch sind die meisten Episoden seines Lebens der Dichtung im Laufe der Überlieferungen hinzugefügt worden. Siegfried kann also keineswegs für eine exemplarische Betrachtung der triuwe-Bindungen innerhalb der Feudalgesellschaft herangezogen werden. Wir können nur eine gewisse Skepsis des Dichters herauslesen, da nicht einmal ein tugendhaftes Leben Glückseligkeit verheißen muss und außerdem eine triuwe-Bindung, die zwar im Hinblick auf die eine Partei durchaus Vorteile bieten mag, dennoch ins Verhängnis führen kann. Siegfrieds Eid stellt ein Beispiel einer Bindung mit juristischem Charakter dar, wobei diese Bindung durch die Heirat Siegfrieds mit Kriemhild noch eine verwandtschaftliche Komponente gewinnt.

Kriemhild sieht in der Rache die logische Konsequenz ihrer Verpflichtung dem toten Siegfried gegenüber. Das Bündnis zwischen ihr und Siegfried besteht über den Tod hinaus, da sie immer noch Liebe für ihn fühlt.

Do gedahte diu getriuwe: „sît ich vriunde han alsô vil gewunnen,
sô sol ich reden lân die liute, swaz si wellen, ich jâmerhaftez wîp. 
waz ob noch wirt errochen des mînen lieben mannes lîp?“ (1259)

Kriemhild fühlt in sich das Bedürfnis, ihre Treue zu Siegfried dadurch zu beweisen, dass sie in seinem Namen Rache nimmt für das Leid, das sein Tod verursachte. Dieser Wunsch ist noch rational zu begründen, doch das weitere Handeln Kriemhilds entbehrt jeder Logik, da nun der Hass übermächtig wird und Kriemhilds Rache durch unmaze entstellt wird. Sie lässt jetzt nicht nur die eigentlich Schuldigen für den Mord büßen, sondern nimmt auch Rache an all denjenigen, die durch triuwe-Bindungen mit dem Mörder verbunden sind, doch vorher muss Kriemhild ihre Machtposition dadurch stärken, dass sie Gefolgsleute durch Geldgeschenke an sich bindet, da sie sich sonst nicht in der Lage sieht, ihre Pläne zu verwirklichen. Diese Geldgeschenke „begründen kein formelles juristisches Verhältnis, wohl aber nach der Tradition des Volksglaubens ein Verhältnis, das die gegenseitige Unantastbarkeit verbürgt.“[i] Ihre Brüder müssen also sterben, auch wenn sie am Mord selbst nicht beteiligt waren, da Kriemhild Genugtuung fordert. Dies bedeutet, dass auch diejenigen, die ein Bündnis mit dem Mörder eingegangen sind, schuldlos zur Rechenschaft gezogen werden, obwohl triuwe an sich etwas durchaus Löbliches ist, das aber durch die Verwicklung der Geschehnisse ins Verderben führt. Kriemhild löst sich am Ende des Liedes sogar aus den verwandtschaftlichen Bindungen, die sie noch zur Milde bewegen könnten. Sie kündigt die triuwe-Bindung zu ihren Brüdern auf, anstatt ihnen doch noch Gnade widerfahren zu lassen, da sie die Familienbande wegen der Gutheißung der Ermordung Siegfrieds als endgültig zerrissen betrachtet. Damit stellt Kriemhild also die Liebe über die Verwandtschaftsverhältnisse. Es wäre anmaßend, in ethischer Hinsicht über ihre Entscheidung urteilen zu wollen, doch wird ihr Handeln als fragwürdig dargestellt, da ihr Morden ihren eigenen Tod zur Folge hat. Auch ihre triuwe führt in den Abgrund, anstatt dass ihre Treue belohnt würde, was damit begründet wird, dass sie sich bei der Fortführung der Treue selbst eines Verbrechens schuldig gemacht hat.

VI

Hagen und die Burgundenkönige

Der Siegfriedmörder ist ein treuer Vasall der Burgundenkönige und stellt wiederum ein Exempel dafür dar, wie sich bedingungslose triuwe ins Negative verkehren kann. Hagen tötet Siegfried, da dieser Brünhild in ihrer Ehre verletzt hat. Eine Widergutmachung dieser Kränkung kann nur durch Sühne erfolgen. Hagen nimmt sich dieser Aufgabe an, da er sich Brünhild, die mit seinem Lehnsherrn verheiratet ist, ebenfalls verpflichtet fühlt. Jedoch ist Hagen nicht nur durch triuwe mit den Burgundenkönigen verbunden, sondern er ist auch König Gunthers Halbbruder. Somit nimmt Hagen am Hof eine ganz besondere Stellung als vertrautester Berater des Königs ein. Aus seinem Einfluss erwächst ihm aber eine große Verantwortung für sein Handeln, an der er scheitert, da er ihr nicht gewachsen ist. Oftmals maßt sich Hagen an, wichtige Entscheidungen nach dem mutmaßlichen Willen seines Königs zu treffen, ohne jedoch diesen nach seinen Wünschen befragt zu haben.

„Ander iuwer gesinde lât iu volgen mite, want ir doch wol bekennet der Tronegaer site: wir müezen bî den künigen hie en hove bestân. wir suln in langer dienen, den wir alher gevolget hân.“ (699)

So ist zwar Hagens Treue idealistisch motiviert, wendet sich aber schließlich gegen Siegfried. Triuwe vereint sich mit Stolz und Eigensinn, wodurch Hagens Schicksal besiegelt wird. Hier wird deutlich, dass triuwe ohne Humanität und Nächstenliebe nicht bestehen kann, wodurch der christliche Einfluss im Nibelungenlied spürbar wird. Treue darf nicht bedenkenlos eingehalten werden, sondern muss stets überprüft werden, um Gerechtigkeit zu wahren. Durch den Mord an Siegfried zieht sich Hagen den unerbittlichen Zorn Kriemhilds zu, die den Tod ihres Geliebten nicht ungesühnt lassen kann.

Auch die Treue der Burgundenkönige zu Hagen kann seinen Tod nicht mehr verhindern. Die standhafte Weigerung Gunthers, Hagen an Kriemhild auszuliefern, als jede Hoffnung auf Rettung vergeblich erscheint, lässt Kriemhild jegliche Milde gegen ihre Brüder vergessen. Auch sie müssen gleich ihrem Vasallen sterben - der Lohn ihrer Treue ist somit der Tod.

„Wir müesen doch ersterben“, sprach dô Gîselher. „uns entscheidet niemen von ritterlîcher wer. swer gerne mit uns vehte, wir sîn et aber hie, wande ich deheinen mînen friunt an den triuwen nie verlie.“ (2106)

Gunther kann Hagen auch im Augenblick höchster Gefahr seinen Schutz nicht versagen, was als Konsequenz des wechselseitigen triuwe-Bündnis zu verstehen ist. Die beiden verbindet nicht nur eine rechtliche Bindung durch einen Treueschwur, sondern sie bewegen sich auch auf derselben Ebene, was die verwandtschaftliche und emotionale Zuneigung angeht. Gunther geht Seite an Seite mit Hagen in den Tod. „Die rechtsverpflichtende und die emotionale Bindung an den friunt werden hier gleichermaßen intoniert.“[ii]

Durch die Darstellung der Person Hagens wird die Ambivalenz der triuwe deutlich. Triuwe kann nie für sich betrachtet werden, sondern muss immer im Hinblick auf den durch die Handlung vorgegebenen Kontext betrachtet werden, da bei einer engeren Betrachtung nie deutlich werden kann, ob triuwe gut oder schlecht ist. Darüber hinaus sind die zwischenmenschlichen Beziehungen überaus komplex, so dass eine endgültige Wertung in jedem Fall schwer fällt.

Hagen weicht kurzzeitig von der unbedingten triuwe ab, als sein Freund Rüdeger, der durch einen Eid der gegnerischen Seite verpflichtet ist, Hagen bittet, nicht das Schwert gegen ihn zu erheben, worauf Hagen seinem Ersuchen nachkommt. Auch Hagens Treue ist also nicht völlig engstirnig; hat er auch bei Siegfried kein Mitleid gezeigt, so zeigt er doch im Hinblick auf Rüdeger Milde und lässt ihn leben. Hier stellt Hagen Freundschaft über Vasallenpflicht, was beweist, dass er sich des zwiespältigen Charakters der Treue durchaus bewusst ist. Insgesamt ist seine triuwe aber ohne maze, wird also innerhalb enger Grenzen exzessiv ausgelebt. In Hagen wird der Wandel aufgezeigt, den ein Mensch durchmachen kann: anfangs scheint Hagen gewissenlos, doch in der letzten Schlacht, in der er sein Leben verlieren wird, zeigt er einen Hauch von Menschlichkeit und emotionalen Regungen. Es ist fraglich, ob Hagen dadurch, dass er am Ende seinem Gewissen folgt, über die Grausamkeit seiner Mörderin triumphiert.


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