13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

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Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 5

Chatten – Handy - SMS  
Kommunikation unter Jugendlichen

 

David Wagner
Hariolf-Gymnasium
Ellwangen

 

 

Hi u!:-) ßlieb!how ru! meld dich ma!MB!hope 2cusoon!hdggdl!mb!

Keine Signale von außerirdischen Wesen, die sich in unseren Ätherwellen verirrt haben und auch kein Zauberspruch irgendeines Voodoo-Meisters von irgendeiner Südseeinsel, sondern vielmehr eine Form der Kommunikation, wie sie in Millionen von Wohnzimmern auf der ganzen Welt mittlerweile Gang und Gebe ist. Glauben Sie nicht? Dann setzen Sie sich einmal zu Ihrem Sprössling, wenn dieser im Internet am „chatten“ ist, oder schauen Sie ihm beim Verfassen einer SMS, also einer Kurznachricht per Handy über die Schulter und Sie werden sehen, dass dieser, meist mit fliegenden Fingern, über die Tastatur flitzt und eben diesen oder zumindest ähnlichen Kauderwelsch von sich gibt. Noch besser ist es allerdings, sich selbst einmal in einen solchen „Chatroom“ einzuloggen, um die Gespräche der Anwesenden zu verfolgen. Wenn Sie mehr als die Hälfte des Gesagten verstehen, sind Sie wohl bereits ein Eingeweihter und haben es nicht nötig, hier weiterzulesen. Falls nicht, darf ich Sie einladen auf eine Reise in die Vielfalt der Kommunikationsmöglichkeiten, die sich bis jetzt rasant entwickelt haben und in erster Linie von Jugendlichen genutzt werden. (...)

Manch einer spricht von einer Subkultur, ein anderer von einer Verblödungsmaschinerie. Gemeint ist in beiden Fällen das Internet und sein Überangebot an Möglichkeiten Wissen anzusammeln, Spaß zu haben oder zu kommunizieren. (...)  Beim Verfassen einer SMS hat man nur eine bestimmte Anzahl von Zeichen zur Verfügung, im Regelfall entweder 160 oder 459 Zeichen. Dies hat zur Folge, dass die einzelnen Wörter in ihrer Schreibweise erheblich gekürzt werden müssen um den eigentlichen Inhalt der Nachricht nicht zu verändern. Diese Verkürzung ist auch beim Chatten nötig, da man sich dabei in einem bestimmten Raum im Internet mit anderen Benutzern befindet und mit Hilfe der Tastatur beliebig mit ihnen „reden“ kann. Natürlich muss man versuchen, sich möglichst kurz zu fassen, um seine Meinung oder Ansicht kurz und bündig wiederzugeben. Auf Rechtschreibung kann dann natürlich keine Rücksicht genommen werden und auch der zunehmende Gebrauch von Anglizismen hat großen Einfluss auf „die neue Sprache der Jugend“.

Der Satz zu Beginn des Textes bedeutet beispielsweise:

Hallo du! Danach folgt ein freundlich lächelndes Gesicht mit Doppelpunkt, Bindestrich und Klammer als Augen, Nase und Mund, welches die freundliche Gesinnung des Gesprächspartners zeigt. „How r u“ ist eine vom Englischen abgeleitete Kurzform von „How are you“, also wie geht es dir. Meld dich „ma“, dürfte bis auf das Fehlen des letzen Buchstabes in „mal“ verständlich sein. „MB“ bedeutet „mail back“, also schreib zurück, und ist ebenso ein englischsprachiges Kürzel wie „hope 2 cu soon“, was ausformuliert „I hope to see you soon“, übersetzt, ich hoffe dich bald wiederzusehen heißen würde. „Hdggdl“ sind lediglich die Anfangsbuchstaben der Zuneigungsbekundung: „(Ich) hab dich ganz, ganz doll lieb“.

Die Sprache besteht also aus drei verschiedenen Teilen: Neben deutschen Abkürzungen werden verkürzte Anglizismen und eine Art Bildersprache verwendet. (...) 

Wer einen bestimmten Chatroom über längere Zeit besucht, hat die Möglichkeit, zu einer Art „Stammchatter“ zu werden und einen Freundeskreis aufzubauen, der in der Regel jedoch kaum mit einem im täglichen Leben vergleichbar ist. Menschen, die wir jeden Tag sehen, mit ihnen reden und Erlebnisse teilen, gute und schlechte Zeiten durchmachen, sie trösten oder uns trösten lassen, sie umarmen und spüren, dass wir ihnen vertrauen können, ihre Wärme und Zuneigung fühlen, bezeichnen wir als unsere Freunde. Doch was bleibt von all diesen Vorzügen bei einem Freund, den wir lediglich durch das Chatten kennen, noch übrig? Wir können mit ihm nur durch das Medium Computer oder Handy an seinem Leben teilhaben, können Wünsche, Träume oder Meinungen lediglich auf rein virtueller Basis austauschen. Sicher gibt es Menschen, die solche Beziehungen führen können, ohne emotional zu verarmen, doch wer Freunde nur „im Netz“ hat, verpasst ein grundlegendes, tiefes Erlebnis des Menschseins, nämlich das Aufbauen und Erhalten einer echten, zwischenmenschlichen Beziehung. Fragt man einen alteingesessenen Chatter, ob er wahre Freundschaften im Internet unterhält, so wird dieser nicht zögern mit einem enthusiastischem Ja zu antworten und anzufangen, Name, Alter, Geschlecht und Interessen einer großen Zahl von Bekanntschaften aufzuzählen, da es ohne weiteres ein Leichtes ist, viele Menschen, die uns sympathisch erscheinen, im Internet kennen zu lernen. (...)

Die angesprochene Anonymität kann, neben den positiven Aspekten, jedoch auch Nachteile für Kontaktsuchende bringen. Beispielsweise kann man schneller als einem lieb ist, auf Benutzer stoßen, deren einziges Ziel es ist, andere auszunutzen, zu beleidigen oder zu manipulieren. Diese Art der Benutzer findet man vor Allem in Flirt – Chats .... Oft kennt man von seinen Gesprächspartner eben nur die Einzelheiten, die dieser preisgeben will. (...)

Das Internet bietet ein enorme Vielzahl von verschiedenen Chats. Auf der Homepage von „www.chat4free.de“ findet man beispielsweise 844 verschiedene Räume zu den unterschiedlichsten Themen. Von Abenteuerland und Bücherecke über Esoterik und diversen Flirträumen bis hin zu Hiphop- und Heavy Metalchats reicht das Angebot, welches durch seine Vielfalt für beinahe jeden etwas bietet. Außerdem gibt es Räume, die nach Regionen unterteilt sind, wie Baden-Württemberg oder Hessen.(...)

Da das Chatten ein sehr weitgefächertes Gebiet ist, möchte ich versuchen, dieses Phänomen an einem Beispiel zu konkretisieren. Stellen wir uns einen Jugendlichen, vielleicht mit etwas ausgefalleneren Interessen vor, beispielsweise interessiere er sich sehr für Heavy Metal. Sagen wir, in seiner realen Umwelt teile kaum jemand diese Interessen; dennoch will er mehr über diese Musik erfahren, sich darüber mit anderen austauschen, diskutieren oder eben nur mit Menschen „zusammensein“, die ebenfalls seine Musik mögen. Mit Hilfe einer Suchmaschine, beispielsweise bei www.google.de, kann er nun mit etwas Glück und Sachverstand einen Chatroom ausfindig machen, in dem alle Benutzer dieselben Interessen haben. Er muss dazu lediglich einschlägige Suchbegriffe wie Heavy Metal- Chat oder chatten in das für diesen Zweck vorhandene Textfeld eingeben und kann, nach kurzer Wartezeit, auf die von der Suchmaschine gefundenen Internetlinks klicken. Die Interessengebiete, welche die verschiedenen Chatträume vertreten, erkennt man meist schon an deren Namen, wie beispielsweise Heavy Metal - Chat, HipHop - Chat oder Fußball - Chat. Spätestens an den Namen der Benutzer, den sogenannten Nicknames, also Spitznamen, realisiert man, auf welchem virtuellen Terrain man sich befindet; denn diese sagen schon viel über die Interessen und Meinungen der Chatter aus. Findet man im Fußball - Chat beispielsweise eine Menge Maradonnas und Völlers, so trifft man im Heavy Metal - Chat auf Nicknames, die sich auf Bands oder Bandmitglieder beziehen. Überhaupt ist der Nickname für einen Chatter etwas essentiell Wichtiges: Die anderen kennen ihn einzig mit diesem Namen, er ist so etwas wie der erste Eindruck, den man hinterlässt. Allein am Namen können Chatter ihren jeweiligen Gruppen und Interessengebieten zugeordnet werden. Schon aus diesen Gründen ist die richtige Wahl eines solchen Pseudonyms für einen wahren Chatter von ungeheurer Wichtigkeit, kann er doch bei den übrigen Benutzern Sympathie oder Abneigung, Vertrauen oder Misstrauen hervorrufen.

Am Beispiel meiner eigenen Erfahrung mit dem Heavy Metal - Chat kann ich Ihnen diese Problematik verdeutlichen: In der Zeit, in der ich den Chat regelmäßig besuchte, galt eine bestimmte Band in unseren Reihen 

als ziemlich verpönt. Erschien nun ein Benutzer, der den Namen dieser Band, Namen von deren Mitglieder oder sonstige auf die Band bezogene Nicknames als Erkennungszeichen hatte, war es für die übrigen Chatter ein Leichtes ihn als Fan der Band zu entlarven und schnellstmöglich aus dem Chat zu vertreiben. Das geschah durch Nichtbeachtung oder sogar Beleidigung; allein der Name hatte Interessen und Vorlieben zum Vorschein gebracht, die in dem bestimmten Chatroom nicht erwünscht waren. (...)

Mehr noch als das Chatten, hat sich das Handy unter Jugendlichen als Kommunikationsmittel etabliert, ist regelrecht zum Statussymbol erhoben worden. Wer heutzutage kein Handy besitzt, ist unmodern, macht sich nahezu verdächtig. Selbst die Kleinsten diskutieren fachmännisch die Vor- und Nachteile des neue „Nokia 3510“ oder die aktuellen Handytarife. Dass das Handy auf solche Weise zum Prestigeobjekt avanciert ist, lässt sich durch die Entwicklung der modernen Gesellschaft wenigstens ansatzweise erklären: Flexibilität und Mobilität sind in einer von Hektik und Termindruck bestimmten Konsumgesellschaft besonders wichtig, man muss immer und überall zu sprechen sein und umgekehrt auch selbst die Möglichkeit haben, andere schnellstmöglich zu erreichen. (...) Das Handy kann einem Jugendlichen das Gefühl von Individualität, Freiheit und Unabhängigkeit vermitteln. Auch wenn diese Begriffe nach der Amerikanischen Verfassung klingen, sie treffen genau den Nerv der Jugend. Eine Tatsache, welche die Werbung schon lange erkannt hat und mit einschlägigen Slogans nutzt. Die Firma „Nokia“ lockt ihre jungen Kunden beispielsweise mit dem Werbespruch: „Die Art und Weise, Deinem Handy etwas Persönliches zu geben...So unterscheidest Du Dich von der Masse...Bestimme selbst was Du cool findest...“1

Doch natürlich sind Handys längst nicht mehr gleich Handys. Oft reicht es nicht, irgendein solches Mobiltelefon zu besitzen, nein, vielmehr sollte es sich wenn möglich um das neueste Modell, mit den aktuellsten technischen Raffinessen, handeln. Mit dieser Entwicklung Schritt halten zu wollen, ist wohl beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, erscheinen doch alle paar Monate neue, kleinere, technisch besser entwickelte Handys.

Auch die Massenmedien sind an dem Aufstieg des Handys zum Kultobjekt nicht unbeteiligt; wer ständig vorgeführt bekommt, wie notwendig und „cool“ es ist, ein Handy zu haben - denn darum geht es vielen, um das Besitzen, nicht um das Benutzen - wird es irgendwann selbst auch glauben. Natürlich sind die von der Werbung ausgeschlachteten Begriffe nicht nur weit hergeholte Ideale, ein Jugendlicher kann durch das Besitzen eines solchen mobilen Telefons durchaus etwas von ihnen erfahren. Individualität ist insofern zu erfahren, dass man, selbstverständlich nur gegen ein nicht unerhebliches Entgelt, die Möglichkeit hat, sich eigene Hintergrundbilder, sogenannte Logos, für den Handybildschirm zu kreieren. Frei und unabhängig ist ein Handybesitzer in der Hinsicht, dass er, egal wo er sich aufhält, mit anderen kommunizieren kann, ohne vorher die Erlaubnis der Eltern einzuholen, die natürlich die hohen Telefonkosten in Betracht ziehen. Diese Unabhängigkeit macht das mobile Telefonieren gerade für Jugendliche so reizvoll. (...)

(...)

Unser gesamtes gesellschaftliches Leben, natürlich in erster Linie in den reichen Industriestaaten, wird immer mehr von Computern, Bildschirmen und virtueller Kommunikation bestimmt; dass die Jugendlichen diese Verständigungsformen besonders nutzen, zeigt, dass sie mit der Entwicklung einverstanden und daran interessiert sind, diese auch in Zukunft zu verwenden und fortzuentwickeln. Auch wenn vielerlei Gefahren daraus resultieren können, ist die virtuelle Kommunikation schon zu weit fortgeschritten, als dass man sie noch aufhalten könnte. Und ganz unter uns: Kommunikation, ohne zu reden, transportiert über Radiowellen und kilometerlange Kabelstränge, ist eigentlich auch viel zu faszinierend, als dass man sie aufhalten sollte. Oder nicht?

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1 Aus der Zeitschrift „Popcorn“ / Januar 2001, S. 8


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