13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

zurück

 

Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 7

Als sich Josephine im Zoo befand, ...


 

Julia Waibel
Markgräfler-Gymnasium
Müllheim

 

 

... und beschloss, diese Unverschämtheit von John nicht zu akzeptieren. An jenem Freitag vor den Herbstferien konnte sie keinen Menschen ertragen, niemand, auch ihren Vater nicht. Eigentlich mochte Josephine ihn. Doch wie er den ganzen Artikel der Times mit leicht spöttischem Unterton vorgelesen hatte: Das nervte. Dieser Pedant, sollte er seine Eier doch selber kochen. Es war Vater immer ein Dorn im Auge gewesen, dass Josephine und ihre Mutter regelmäßig den städtischen Zoo besucht hatten. (...)Josephine nahm ihren Mantel mit dem weichen Pelzkragen, rief Vater lediglich ein „Ich geh mal kurz spazieren“  zu und zog die Haustüre ins Schloss. Ihre eigene Stimme klang merkwürdig überdreht und fremd.

(...)

Plötzlich stand sie wieder vor dem  Eingangstor des Zoos – als wäre dieser Weg vorbestimmt. So ging es Josephine jeden Tag, sie wusste selbst nicht genau, was sie zu diesem Weg zwang.

Keine Wolke stand am Himmel. Josephine ging langsam durch das Eingangstor des Zoos und setzte sich auf die erste Bank bei den Kastanienbäumen. Der ganze Boden war mit Kastanien und deren aufgesprungenen Hüllen übersät. Diese stacheligen Früchte, irgendwie passten die besser zu ihrer Stimmung als das schöne Wetter. Josephine saß regungslos da, die Hände in ihren Manteltaschen zusammengeballt, sie war wütend und fasste einen Entschluss. Eigentlich sollte dieser Kerl dafür büßen, damit er genauso litt wie sie. Was er ihr angetan hatte, konnte sie heute noch nicht begreifen. Sie schlug die Mantelseiten noch fester um sich, sah auf die Kastanien am Boden und konnte sich doch nicht an diesem Anblick erfreuen. Ihre zornigen Gedanken trugen sie weiter....

Josephine erinnerte sich noch genau an den Tag, an dem sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Nach dem Tod ihrer Mutter hatte ihr Hausarzt, Dr. Stevens, Josephine eine Therapie empfohlen. Sie kam mit dem Tod ihrer Mutter überhaupt nicht zurecht. In den ersten Tagen war sie für niemand ansprechbar, sie ließ keinen Menschen an sich heran und nahm auch keine Mahlzeiten zu sich. Josephine konnte nicht verstehen, warum ausgerechnet ihre Mutter sterben musste. (...) Seit Mutter nicht mehr da war, bekam Josephine kaum ein Auge zu. Die Tage waren öde und lang. Immer wieder kamen ihr die Bilder vor Augen, wie sehr Mutter gelitten hatte; ihre Übelkeit, die Schmerzen und das ständige Erbrechen durch die Chemotherapie, das alles würde sie am liebsten aus ihrem Gedächtnis streichen. (...) An manchen Tagen ging es ihr so gut, dass ihre Mutter Josephine in den Zoo begleitete. Diese gemeinsamen Zoobesuche dauerten zwar etwas länger, weil Josephine einen sicheren Weg für Mutters Rollstuhl suchen musste, aber sie hatten beide ihre Freude daran. Was waren das für unbekümmerte Stunden im Zoo! Der krönende Abschluss war häufig der Besuch in der Delfin-Show. Das war fast schon wie eine Gewohnheit aus der Kinderzeit und dennoch immer wieder etwas Besonderes. Doch das gehörte jetzt der Vergangenheit an.

Mutter und Josephine mochten Delfine einfach sehr gerne. Diese Tiere schienen immer gut gelaunt. Schauten sie nicht fröhlich, wenn sie faszinierend und elegant durchs Wasser flitzten oder gar einen Salto schlugen und schnatternd ihre lustigen Kunststücke zeigten? Bei den Delfinen konnten beide Mutters Krankheit vergessen. Ob diese Tiere sich in der Gefangenschaft von begrenzten Wasserbecken überhaupt wohl fühlen konnten, diese Frage hatten beide sich eigentlich nie gestellt.

Morgens, etwa gegen sieben Uhr, klingelte das Telefon. Das Gespräch war recht kurz und Josephine legte auf. Vater öffnete die Tür des Badezimmers. „Mutter ist heute in aller Frühe gestorben“ sagte sie tonlos, „sie hat noch Schmerzmittel bekommen und sei dann friedlich eingeschlafen“. Josephine sprach kein Wort, sie war so leer und konnte nicht weinen. Auch Vater brachte kein Wort heraus.

Die Beerdigung war besonders schlimm. (...) Dann kam die Zeit, in der Josephine nicht mehr still war, sie wurde wütend, weinte, schrie, trommelte verzweifelt mit den Fäusten gegen die Wand und warf mit Gegenständen um sich. Wenn jemand sie höflich fragte, wie es ihr gehe,  brüllte sie unvermittelt zurück ; ein freundliches Lächeln beantwortete sie mit einem bösen Blick. Und ständig quälte sie die Frage: warum? Sie konnte sich nicht mehr konzentrieren. So konnte das nicht weitergehen!

Dr. Stevens hatte sie dann zu Dr. John Foster, einem Facharzt für Neurologie und Psychotherapie, geschickt. Der Termin bei Dr. Foster war bereits am nächsten Tag. Das Wartezimmer war hell und freundlich. Außer ihr war noch niemand da. Kaum hatte sie sich gesetzt und in den Illustrierten geblättert, da kam er auch schon: Dr. John Foster. Er musste  Ende dreißig sein und hatte schon erste Ansätze von grauen Schläfen. Dr. Foster stellte sich mit einem freundlichen Lächeln vor, höflich und korrekt. Das war er also. Josephine fand ihn nicht unsympathisch, er strahlte ein Gefühl von Zuversicht aus. (...) Er heiße John, begann er, Dr. Foster  fände er zu förmlich. Wenn sie einverstanden sei, könnten sie sich gerne mit Vornamen anreden. Josephine war etwas verdattert, sagte dann aber ja. Geschickt stellte John Foster Fragen und brachte sie so zum Reden. Natürlich kannte er ihre Vorgeschichte durch Dr. Stevens. gleich mit ihrer ganzen Lebensgeschichte herausrücken.

Auf dem Nachhauseweg spürte Josephine seit langem wieder einen Hauch von Hoffnung,  ja sie war fast beschwingt. Anfangs sollte sie dreimal wöchentlich in die Praxis kommen. Dr. Foster empfahl Josephine, als Ergänzung zu ihren Therapiegesprächen, etwas zu zeichnen oder zu malen. Es sei nicht so wichtig, ob das Ergebnis ihrer Zeichnungen oder Malerei nun abstrakt sei oder ein gegenständliches Motiv. Wichtig sei, sich beim Malen an schöne Situationen im Leben erinnern zu können. Die Auswahl von Kreide- und Aquarellfarben als Zeichen- und Maltechnik sei eine gute Möglichkeit, verschiedene Stimmungen und Situationen sichtbar zu machen. Wenn Josephine etwas zu Papier bringe, könne sie dies in der nächsten Therapiesitzung mitbringen. Sie würden es dann gemeinsam besprechen. Sollte sie ein kreative Idee verfolgen, die ihr angenehm sei, dann sollte sie sich von dieser Idee tragen lassen und dieses Bild abschließen und vollenden, statt ein neues zu beginnen. Das klang vernünftig. Josephine konnte wieder klare Gedanken fassen.

(...)

Nach den ersten zaghaften Malversuchen war ihr klar, dass sie Delfine malen wollte, viele Delfine. Josephine wollte eine ganze Serie von Delfin-Bildern malen. Schön und einmalig sollten diese Aquarelle werden.

Die Therapiegespräche bei John Foster und die Maltherapie wurde schnell ihr wichtigster persönlicher Bezugspunkt. Sie hatte in ihrem Therapeuten endlich wieder einen Menschen gefunden, dem sie alles anvertrauen konnte, wie damals ihrer Mutter. Das war umso erstaunlicher, weil sie zu Beginn mit John Foster eher zögerlich ins Gespräch gekommen war.

(...)

Sie  ging regelmäßig  zu den verabredeten Therapiesitzungen. Sie verpasste keinen einzigen Termin. Josephine wollte es sich nicht richtig eingestehen, aber sie fand John Foster sehr sympathisch. Die wöchentlichen Gespräche dauerten höchstens eine Stunde. Sie hatte auch häufig ihre fertiggestellten Delfinbilder mitgebracht, und freute sich, als John Foster sie bei manchen Bildern fragte, ob er die Aquarelle bis zum Ende der Therapiesitzungen behalten dürfe, um sie wissenschaftlich auswerten zu können.

(...)

Nach sechs Monaten fassten John Foster und Josephine ihre bisherigen Gespräche zusammen. Es war eine gute Bilanz, ein neuer Abschnitt in Josephines Leben. Sie  hatte wieder Boden unter den Füßen, auch ihre Serie von Delfin-Aquarellen war fertiggestellt. Josephine war mächtig stolz auf ihre Bilder. Sie hatte alle restlichen Aquarelle von zu Hause für dieses Gespräch mitgebracht. Sie war stolz auf ihre Delfin-Serie und darüber, ein Aquarell nach dem anderen ausführlich kommentieren zu können. Das Gespräch lief fast wie von selbst. Zu jedem Bild konnte sie ihre damalige Situation in der Gesprächstherapie  beschreiben, die Gespräche über ihre Kindheit, über ihre Situation als Einzelkind, das Verhältnis zu den Eltern und ihre spärlichen Kontakte zu den  Mitschülern. John nahm ihr erstes Aquarell beim Abschluss-gespräch in die Hand und sagte ihr, dass er es selten erlebt habe, dass Gespräche und Malen sich so in einer Therapie ergänzten und er sie nun für fähig halte,  ihr Leben wieder allein in den Griff zu bekommen. Sie sei in der Lage, ein Ziel, das sie sich selbst gesetzt habe, zu erreichen. Die Trauer um ihre Mutter sei jetzt eine kreative Trauer, die sie durchs Leben tragen könne. Josephine sei jetzt nicht mehr von Trauer überwältigt, die sie lähme und das eigene Leben blockiere.

Josephine hörte diese Worte, und sie taten ihr gut. John holte zwei große Malkartons und einen großen Bogen Papier und half ihr, die Delfin-Bilder wieder vorsichtig einzupacken. Sie gaben sich zum Abschied die Hand und schauten sich länger an. Eine eigenartige Stimmung entstand. Dann drehte Josephine sich auf dem Absatz um und verließ schnell die Praxis. Sie ging nicht direkt nach Hause, sondern machte einen Umweg durch die Innenstadt. Ohne ein bestimmtes Ziel schlenderte sie die Lipton Street entlang, vorbei am Riverboat, dem alten Pub, am Tabakladen von Mr. Jenkins. Sie hatte es nicht eilig und blätterte gedankenverloren in den ausgelegten Zeitschriften eines kleinen Wettbüros. Josephine nahm ein Exemplar des Magazins nature and cosmos[1] in die Hand und traute ihren Augen nicht. „Dickhäuter statt Delfine“ lautete die Überschrift eines Artikels über den städtischen Zoo. Greenpeace hatte in einer Aktion, die bereits vor geraumer Zeit gestartet worden war, vor dem Zoo gegen die Delfin-Shows demonstriert, ja es war von Abschaffung des Delfinariums die Rede. „Das ist dreist, so eine Unverschämtheit“ , empörte sich Josephine. Diese Greenpeace-Aktivisten sollten sich doch lieber um gestrandete Öltanker kümmern, statt sich für die Freiheit von Delfinen einzusetzen.

(...)

Josephine blätterte, las weiter und kam aus dem Staunen nicht heraus. Da war doch tatsächlich eines ihrer Delfinbilder abgedruckt! Jetzt verstand sie überhaupt nichts mehr. Woher hatte die Redaktion von nature and comos  ihr Bild, etwa von John Foster? Wie konnte sie nur so blind sein! Das musste es sein! Er hatte während der Therapie ihre Delfin-Aquarelle kommentiert und teilweise fotografiert. Die Redaktion konnte das Bild nur von John Foster haben! Sie war sich sicher. Völlig durcheinander ging sie auf dem kürzesten Weg nach Hause. (...)

Am nächsten Morgen ging sie in die Küche, um für sich und Vater das Frühstück zuzubereiten. Sie setzte Kaffee auf, öffnete die Haustüre und holte die Times und die Milch, die der Milchmann vor die Türe gestellt hatte. Sie legte die Zeitung an Vaters Platz am Küchentisch. Er kam nach wenigen Minuten, setzte sich nach einem kurzen „Good morning“ und schlug seine Times auf. „Hör mal zu!“, sagte er plötzlich und begann mit spitzem Ton laut vorzulesen: „Interview mit dem Greenpeace-Aktivisten Dr. John Foster“ - Dr. John Foster von Greenpeace setzt sich für die Abschaffung von Delfinarien und Delfin-Shows ein.“ –  und weiter: „Delfine lieben die grenzenlose Freiheit der Meere und können von Menschen nie artgerecht in diesen engen, begrenzten Wasserbecken gehalten werden. Durch falsch verstandene Tierliebe müssen Delfine in viel zu kleinen Wasserbecken oder andere Tiere in Terrarien oder Käfigen uns Menschen zur Verfügung stehen, um von uns bewundert, gestreichelt oder gefüttert zu werden.“.

„Das ist nicht alles, was dieser Dr. Foster zu sagen hat“, sagte Vater. Laut Dr. Foster können gut geführte Zoos heute für manche Tierarten  auch zu Überlebens-Stationen werden, weil wir Menschen dieselben Tiere in freier Wildbahn ausgerottet oder fast ausgerottet haben. Aber manche Menschen benutzten heutzutage Tiere in Zoos und bei sich zu Hause auch dazu, sich über den Verlust eines lieben Menschen hinwegzutrösten und weigerten sich geradezu, sich mit sich selbst auseinander zu setzen.

Josephine war wie vom Donner gerührt. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr. Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen. Sie kam sich vor wie in einem schlechten Film. Und diesem John Foster hatte sie vertraut! In den Sitzungen bei John hatte sie oft von den Delfinen erzählt und von den regelmäßigen Besuchen der Shows geschwärmt. John hatte sie in diesen Erzählungen bestärkt, und das waren für sie die schönsten Momente ihrer Therapie gewesen. Wie naiv war sie doch gewesen und hatte alles missverstanden! Jetzt wurde es ihr erst richtig bewusst: Er hatte ihre positiven Gefühle zu Delfinen aus therapeutischen Gründen unterstützt, ihr jedoch monatelang seine persönliche Meinung über Delfinarien und Delfin-Shows nie offenbart. Ihr Verstand sagte ihr, dass das aus therapeutischer Sicht korrekt gewesen sein mochte, aber sie fühlte sich ausgenutzt. Ihr Verstand sagte ihr auch, dass er als Therapeut ihre positiven Gefühle verstärken musste, um ihr selbst einen Weg aus der Verstrickung ihrer Gefühle zu ermöglichen. Sie hatte ihm sehr persönliche Dinge aus ihrem Leben erzählt, und er hatte es umformuliert, wiederholt oder nachgefragt. Das fand Josephine ja in Ordnung, aber ihr klangen noch seine verlogenen Worte im Ohr. Die Delfinbilder und die Gespräche, das habe sich so wunderbar ergänzt. Und er wollte die Bilder gar wissenschaftlich auswerten! Das konnte doch nicht echt gewesen sein - so ein Heuchler! Wie konnte er ihre Bilder für seine Zwecke missbrauchen! Es kam ihr vor, als habe er nicht nur ihre Bilder sondern auch die Erinnerungen an ihre Mutter gestohlen...

Sie fröstelte. Der Wind zauste an ihrem Haar, das sie sich aus dem Gesicht strich. Sie saß noch immer auf der Parkbank im Zoo, und  ballte ihre Fäuste in den Manteltaschen. Josephine starrte auf den Boden, der mit Kastanien übersät war. Dieser John war für sie gestorben. Jedes weitere Gespräch oder gar ein Brief, das könne sie sich schenken, dachte Josephine. Sie sagte sich, dass sie über diese Beleidigung, die ihr zugefügt worden war, nie hinwegkommen werde.


NACH OBEN