13. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2003

 

zurück

 

Die Blütenlese aus den Preisträgerarbeiten

Thema 3

In Hamburg lebten zwei Ameisen
Tiere und Tierisches im Gedicht

 

Lino Wirag
Kepler-Gymnasium
Pforzheim

 

 

Guten Abend, meine Damen und Herren, herzlich willkommen zu einer Lyriklesung der etwas anderen Art, die sich ausnahmsweise nicht des bevorzugten Themas aller Poeten, des Menschen selbst, annehmen wird, sondern einen Ausblick auf eine Nische der Dichtkunst wagt, die gemeinhin eher zur Unsinnspoesie als zur gehobenen “Ernst-Kultur“ gerechnet wird: Die des Tiergedichtes.

Bereits in den Anfängen der Dichtkunst nahm man sich unserer tierischen Freunde an, nicht umsonst trägt der erste “Superstar der Volksdichtung“, Walther von der Vogelweide, ein gefiedertes Tier im Namen. Hier werden sie bereits bemerkt haben, dass ich mir für heute Abend nicht vorgenommen habe, trockene Seminarluft zu verbreiten, sondern vor allem Sie, mein geschätztes Publikum, gut zu unterhalten, eine dankbare Aufgabe, wird sie doch vom Tiergedicht vortrefflich getragen und unterstützt. Selbst Johann Wolfgang von Goethe ließ es sich, man höre und staune, nicht nehmen, den “besten Freund des Menschen“ in einem nicht ganz jugendfreien Vierzeiler zu würdigen:

Annonce

Ein Hündchen wird gesucht,

Das weder bellt noch beißt,

Zerbrochne Gläser frißt,

und Diamanten ...

Aus Kaisers Zeiten grüßt uns der großartige, aber eigenbrötlerische Wilhelm Busch mit seinen Bildgedichten, ich erinnere beispielsweise an die beiden Hunde “Plisch und Plum“, und sogar heute hat ein zeitgenössischer Lyriker wie Robert Gernhardt mit seinen komischen Gedichten tierischen Inhalts Hochkonjunktur. Sie sehen also, die Geschichte der Dichtung ist auch eine Geschichte der animalischen Dichtung.

Um ein wenig Ordnung in den Ablauf der Lesung zu bringen, wird der Vortrag in alphabetischer Reihenfolge stattfinden. Dies bringt die Vorteile mit sich, dass zum einen ungeduldige Zuhörer das Ende der Veranstaltung werden abschätzen können, und dass Sie sich zum anderen jetzt schon Gedanken darüber machen können, welche Tiere ich wohl bei X und Y aus dem Hut zaubern werde.

A.

Den illustren Reigen darf das einzige Palindrom-Tier eröffnen, das es gibt. Für diejenigen unter Ihnen, die nicht das Glück hatten, Germanistik zu studieren: Ein Palindrom ist ein Wort, das vorwärts wie rückwärts gelesen gleich lautet. Von welchem Tier ich spreche? Von dem Ara. Jürgen von der Lippe widmete ihm die folgenden zwei Zeilen:

Stopft man seinen Ara aus,

Kehrt endlich Ruhe ein ins Haus.

Fortfahren möchte ich mit einem Kleintier, das der wunderbare Joachim Ringelnatz mit den Versen bedachte:

Die Ameisen

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen,

Bei Altona auf der Chaussee,

Da taten ihnen die Füße weh.

Da verzichteten sie weise

Dann auf den letzten Teil der Reise.

 

 

Ausnahmsweise verzichten will ich auf den so beliebten Affen, von dem sie an jeder Ecke die Gedichte nur so nachgeworfen bekommen, und lieber zu einem Tier übergehen, das den meisten wahrscheinlich als solches gar nicht bekannt ist; nämlich zur Auster und ihrem unglücklichen Liebesverhältnis mit einem Hering:

 

Joseph Victor Scheffel

 

Eine traurige Geschichte

 

Ein Hering liebt eine Auster
Im kühlen Meeresgrund;
Es war sein Dichten und Trachten
Ein Kuß von ihrem Mund.

Die Auster, die war spröde,
Sie blieb in ihrem Haus;
Ob der Hering sang und seufzte,
Sie schaute nicht heraus.

Nur eines Tages erschloß sie
Ihr duftig Schalenpaar;
Sie wollt’ im Meeresspiegel
Beschaun ihr Antlitz klar.

Schnell kam der Hering geschwommen,
Streckt seinen Kopf herein
Und dacht’ an einem Kusse
In Ehren sich zu freun!

O Harung, armer Harung,
Wie schwer bist du blamiert!
- Sie schloß in Wut die Schalen,
Da war er guillotiniert.

Jetzt schwamm sein toter Leichnam
Wehmütig im grünen Meer
Und dacht’: „In meinem Leben
Lieb’ ich keine Auster mehr!“


B wie Bär. Genauer, der Kragenbär wird uns jetzt von seiner literarischen Seite zu überzeugen versuchen, und zwar in den Versen des Meisters aller Tiere, Robert Gernhardt:

 

Aus: Tierwelt-Wunderwelt

 

Der Kragenbär in seinem Kragen
Weiß nichts vom Singen oder Sagen.
Nie traf er auch nur einen Ton.
Von Sängern dacht’ er voller Hohn,
Und angesichts des Sternenlichts,

Da blieb er stumm und sagte nichts.


Er sang nicht auf der Maienflur,

Bei Diskussionen schwieg er nur.
Wie anders Goethe, Kant und Benn,

Die weniger Verschwiegenen!
Sie ehret heute Flott’ und Heer,
Vom Kragenbär spricht niemand mehr.

Auch wenn der Bär schweigt, so melden sich doch andere zu Wort, zum Beispiel Joachim Ringelnatz mit seiner tief-traurigen Ballade von der Blindschleiche:

An einem Teiche

An einem Teiche
Schlich eine Schleiche,
Eine Blindschleiche sogar.
Da trieb ein Etwas ans Ufer im Wind.
Die Schleiche sah nicht was es war,
Denn sie war blind.

----------------------------------------------------
Das dunkle Etwas aber war die Kindsleiche
Einer Blindschleiche.

 

J.

Weil das einzige bekannte Tier mit J der Jaguar ist und ich über diesen partout kein Gedicht auftreiben konnte, griff ich kurzerhand selbst zur Feder und erschuf eines. Allerdings nicht über den Jaguar. Sie hören:

 

Das Ja-Tier

 

Das Ja-Tier sagte immer „Ja !“

Fand einfach alles „Wunderbar !“

Frug man’s, ob’s auch verneinen kann,

Dann fing das Tier zu weinen an.

 

Es fand ein Nein-Tier zwecks Vermehrung.

Und so kam’s schließlich zur Bekehrung:

Die Kinder hießen: „Jein“, „Mal sehen“,

„Vielleicht“, „Mal schaun“ und „Könnte geh’n“.

(...)

O.

Unnötig zu erwähnen, dass das Nasobēm natürlich längst in besagte Lexika Einzug gehalten hat, in manchen sogar mit Illustration; Schauen Sie also mal nach, wenn Sie wieder zu Hause sind. Morgenstern wird meist in einem Atemzug genannt mit Joachim Ringelnatz, der uns nun seinen Beitrag zum Buchstaben O vorstellt, allerdings ist er nicht ganz sauber ausgewählt, denn es kommt noch ein anderes Tier darin vor, dass eigentlich erst viel später hätte genannt werden sollen: Hören Sie nun dennoch die Geschichte von:

 

Ohrwurm und Taube

Der Ohrwurm mochte die Taube nicht leiden.

Sie haßte den Ohrwurm ebenso.

Das trafen sich eines Tages die beiden

In einer Straßenbahn irgendwo.

 

Sie schüttelten sich erfreut die Hände

Und lächelten liebenswürdig dabei

Und sagten einander ganze Bände

Von übertriebener Schmeichelei.

 

Doch beide wünschten sich im stillen,

Der andre möge zum Teufel gehen,

Und da es geschah nach ihrem Willen,

So gab es beim Teufel ein Wiedersehn.

(...)

R.

Der nächste Buchstabe soll sich vollständig dem lyrischen Werk des aus der “Lindenstrasse“ und durch seine unvergleichlichen Übersetzungen englischer Underground-Literatur bekannten Harry Rowohlt widmen. Es lautet:

Gebet des Nashorns

 

Lieber Gott, du bist der Boß,

Amen ! Dein Rhinozeros.

 

Dieser Zweizeiler ist nun zugleich der Titel einer von Christian Maintz herausgegebenen Anthologie des deutschsprachigen Humors im 20. Jahrhundert, und nicht vorenthalten möchte ich Ihnen, wie der Herausgeber sich im Nachwort zu diesen zwei Zeilen äußert: „Was macht nun das obige Kurzgedicht so komisch, so wahr & schön? Ist es die überraschende Vorstellung, dass ein Unpaarhufer ein Gebet spricht? Ist es die klaglose Unterordnung des wehrhaften Tieres unter seinen Schöpfer? Ist es die ungewohnt lässige Anrede Jehovas? Ist es die Prägnanz der beiden Verse, der fulminante Reim? Ist es die Erkenntnis, dass wir letzten Endes wie ein Rhinozeros vor unserem Herrgott stehen? Die zentrale Lehre des Rowohltschen Zweizeilers ist wohl die eines jeden großen Kunstwerks: angesichts der Vollkommenheit bleiben alle Erklärungen unzulänglich.“

S.

Dass auch Tiere einen Prozess der Selbsterkenntnis durchlaufen können, zeigt uns exemplarisch Robert Gernhardt, der dem Schnabeltier beim Entdecken des “Pluralis majestatis“ behilflich war:

Aus: Tierwelt-Wunderwelt

 Das Schnabeltier, das Schnabeltier

Vollzieht den Schritt vom Ich zum Wir.

Es spricht nicht mehr nur noch von sich,

Es sagt nicht mehr: „Dies Bier will ich!“

Es sagt: „Dies Bier,

Das wollen wir!

Wir wollen es, das Schnabeltier!“

 

 

 


NACH OBEN