14. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur

 BadenWürttemberg 2004

 

zurück

 Aktualisierung: 9.8.2004

Schwabe nach Schiller

Eduard Mörike: Ausstellung im Schiller-Nationalmuseum im Jahr des 200. Dichtergeburtstags

In der berühmten Schreiner‘schen Zeichnung Mörikes wollte sich der Porträ-tierte selber nicht recht wiedererkennen. Jugendlich und dynamisch wirkte er auf dem Bild aus dem Jahr 1824. So dürfte sich der früh auf vielfältigste Weise Leidende kaum je gefühlt haben. Mit der Zeichnung sollte ein zu Schwermut und Krankheit neigender Mann zum jungen Dichter stilisiert werden:

In dieser Manier wollten die Zeitgenossen ihn sich vorstellen, gelockt, ein wenig pausbackig, schwärmerisch, aber es gab wohl niemanden, der sich weniger als Mörike zum Jungstar geeignet hätte.

Mit der Zeichnung von Johann Georg Schreiner beginnt der Rundgang durch die Jahresausstellung im Schiller-Nationalmuseum in Marbach am Neckar. Neben Schiller ist Mörike der zweite große, wenngleich etwas vernachlässigte Sohn Schwabens, und überhaupt: vermutlich der bedeutendste Lyriker des 19. Jahrhunderts. Wo immer er auch seiner Pfarrersfron nachkommen musste oder sein im Alter von 39 Jahren begonnenes Pensionärsdasein fristete, wird seiner jetzt im Jahr seines 200. Geburtstages gedacht. Ein blaues Band der Empathie zieht sich von Bad Mergentheim im Taubertal bis nach Ochsenwang auf der Schwäbischen Alb. Mörike hat Hochkonjunktur, und das putzig Bieder-meierliche seines Lebenslaufs dürfte bei vielen Gedenkveranstaltungen zumin-dest die Folie für die Beschäftigung mit dem Poeten abgeben.

In Marbach kommt man dem Biografischen allerdings nur über die aussagekräftigen Porträts eines Schrei-ner, Weiß oder Brandseph nahe: Allesamt zeigen diese wohl kaum den wahren Mörike. Die Projektionen der Künstler und frühen Fotografen spielen allzu stark in die Abbilder hinein. Allein vielleicht die Totenmaske, die ebenfalls in einer der Vitrinen zu sehen ist, gibt einen realistischeren Eindruck von Mörikes Physiognomie. 

Um diese geht es hier weniger, viel mehr um seine künstlerische Physiognomie. Die Missverständnisse, die sich dem „tiefen, schönen Gemüth“ (Wilhelm Waiblinger) angehaftet haben, waren immer schon der biografischen Herangehensweise geschuldet - meint Hans-Ulrich Simon, Leiter der Mörike-Forschungsstelle im Marbacher Literaturarchiv und Kurator der Ausstellung. Weshalb man sich auch fürs Jubeljahr etwas ausgedacht hat, das nicht Mörike als Person ins Zentrum stellt, aber doch ins Zentrum von dessen Schreiben führen soll: Die Schau trägt den Titel „Mörike und die Künste“, und das ist ein weites Themenfeld, denn alles hängt, gerade im aufblühenden bürgerlichen Kulturleben des 19. Jahrhunderts, mit allem zusammen - auch in der schwäbischen Provinz. Die Wechselbeziehungen von Mörikes Literatur zu anderen künstlerischen Ausdrucksweisen sind reichlich und werden von Simon in dreizehn Kapitel aufgefächert: Zum einen geht es darin um die Transformation von musikalischen oder malerischen Formen und Stoffen in Mörikes Literatur - und darum, welche ästhetischen Positionen durch diese Aneignung zum Vorschein treten; zum anderen um den Einfluss, den Mörikes Schreiben wiederum auf zeitgenössische Künstler hatte. Die Auswahl ist dabei auf die Lebenszeit des am 8. September 1804 im ein paar Kilometer von Marbach entfernten Ludwigsburg geborenen Dichters begrenzt. Schaut man sich die überbordenden Vitrinen an, ahnt man den Grund dieser Beschränkung.

All das deutet schon an: Die Ausstellung ist philologisch präzise, setzt sich nicht im Geringsten dem Verdacht aus, ein Event sein zu wollen. Man sollte Zeit mitbringen, um sich ausgiebig über die Vitrinen mit Autographen, Briefen, Erstausgaben oder Notenblättern zu beugen: Ohne eine gewisse Anstrengung und ein wenig Vorwissen über das mittlere 19. Jahrhundert ist die Reise durch den hier eröffneten künstlerischen Kosmos Mörikes kaum zu unternehmen. Erst der sorgfältig erarbeitete Katalog liefert die zum Verständnis notwendigen Hintergründe samt biografischer Einordnungen.

Das künstlerische Netzwerk, in das Mörike trotz äußerster Ereignislosigkeit seines Lebens eingebunden war, ist ausdifferenziert. Die meisten seiner Zeitgenossen sagen einem allerdings heute nicht mehr allzu viel. Eine der Ausnahmen ist der Maler Ludwig Richter, von dessen eher unbekannter „Kinder-Symphonie“ sich Mörike zu einem Hochzeitsgedicht inspirieren ließ. Anregen ließ sich Mörike auch von bereits existierenden Melodien, denen er neue Verse zudachte. Obwohl Mörike Illustrationen in seinen eigenen Büchern eher abgeneigt war, fand er in Moritz von Schwind einen kongenialen Künstlerfreund, der viele Gedichte malerisch interpretierte und die „Historie von der Schönen Lau“ in acht Zeichnungen umsetzte. Mörike sah sich „in vollkommen reiner Übereinstimmung“ mit Schwind und schätzte dessen Werke als ebenso „schön“ wie „scharfsinnig“.

Weitere Vitrinen widmen sich dem Künstlerroman „Maler Nolten“, der in mehrfacher Hinsicht bedeutsamen Begegnung mit dem Werk Mozarts, Mörikes recht unsystematischer Bildersammlung, seiner Begeisterung für die Fotografie oder seinem Faible für Oper und Theater, dem er früh schon verfallen war. Was Hans-Ulrich Simon zusammengetragen hat, legt etliche Spuren, die auf das sowohl naive als auch höchst komplizierte Selbstverständnis Mörikes als Künstler zuführen - über ästhetische Fragen nämlich hat er sich kaum je geäußert, man muss die Poetologie aus dem Werk des gebrochenen Idyllikers und heiteren Melancholikers herausdestillieren. Mörike suchte verwandte Kunst, in der sich das eigene Tun spiegeln und widerspiegeln konnte. Und die Verwandtschaftsverhältnisse werden in Marbach auf detaillierte Weise ausgestellt.

Ulrich Rüdenauer,

Badische Zeitung vom 5. Juni 2004

Eduard Mörikes Nachlass kehrt heim
Land und private Mäzene finanzieren den Erwerb vom
Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar

STUTTGART (bö). Für zwei Millionen Euro, jeweils zur Hälfte vom Land und von privaten Mäzenen finanziert, sichert sich das Marbacher Landesarchiv den Nachlass des schwäbischen Dichters Eduard Mörike. Manuskripte, Briefe, Druckfahnen, aber auch Devotionalien wie Kleidungsstücke, ein Brillengestell, Orden, Haarlocken und auch Gemälde Eduard Mörikes lagern derzeit noch im Goethe- und Schillerarchiv in Weimar. Jetzt hat das Land den Kulturschatz übernommen.

Über den erfolgreich heruntergehandelten Kaufpreis entscheidet heute das Kabinett; ursprünglich wollte das Land Thüringen eine halbe Million mehr. Dort wird das Geld benötigt als Ausgleichszahlung für die Enteignung des Fürstenhauses Sachsen-Weimar und Eisenach. Das Geld stammt zur Hälfte vom Land aus Privatisierungsmitteln. Jeweils eine halbe Million kommt von der Stiftung Kulturgut und der Zukunftsoffensive III, Etatmittel werden nicht ausgegeben. Die andere Hälfte der Kaufsumme haben Private zugesteuert. Der Löwenanteil kommt dabei aus der Schatulle eines südwestdeutschen Industriellen, Banken, Versicherungen und Unternehmen über-nehmen einen weiteren Teil.

Die Sammlung war 1892 von Mörikes Witwe nach Weimar verkauft und dort vervollständigt worden. Jetzt kehrt Mörike heim, ausgerechnet im Mörike-Jahr, das an den 200. Geburtstag des Dichters erinnert. Wann und in welcher Form die Neuerwerbungen präsentiert werden, steht jedoch noch nicht fest.

Badische Zeitung vom 4. Mai 2004


NACH OBEN