14. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur

 BadenWürttemberg 2004

 

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 Aktualisierung: 9.8.2004

Der Bibliothekssaal der ehemaligen Reichsabtei Schussenried und die Wallfahrtskirche von Steinhausen

In der reichen oberschwäbischen Barocklandschaft um Obermarchtal liegen zwei besonders feine und künstlerisch herausragende Räume, der Bibliothekssaal der ehemaligen Reichsabtei Schussenried und die Wallfahrtskirche von Steinhausen

Der Bibliothekssaal von Schussenried, gebaut und ausgestaltet zwischen 1754 und 1761, ist vor allem wegen seines Bildprogramms von großem Interesse. Seine Deckengemälde und die ihnen zugeordneten Reliefs und Skulpturen gehören zu den thematisch reichsten und raffiniertesten Darstellungen des barocken Weltbildes. Sie feiern, der Bedeutung des Raums entsprechend, den großen Zusammenhang von Vision und Weisheit, Wissen, Kunst und Technik.

Dazu lenken sie den Blick immer wieder neu vom Bild der göttlichen Weisheit auf alle möglichen geistlichen und weltlichen, antiken und neuzeitlichen Wissenschaften und Künste. Und überall sieht man das Buch: In einer grandiosen Gesamtschau des ,damaligen Kosmos erscheint es als Buch des Lebens, als Buch mit sieben Siegeln, als Buch mit den zwölftausend Auserwählten, als Buch, aus dem die Welt gerichtet wird. Salomon und die Kirchenväter, Apollo und Pallas Athene, Aristoteles und Cicero, Heilige und Häretiker, Muslime und Freimaurer, Livius und ein Klosterchronist, Rhetoriker, Künstler und Kaiser, Rechtsgelehrte und Mediziner, berühmte Naturwissenschaftler und ein Schussenrieder Mönch, der sich auf die Erforschung der Würmer hier und in Afrika verstand... sie alle leben aus Büchern, schreiben und lesen, und sie disputieren mit Büchern und gegen sie über Gott und die ganze Welt. Diese gestaltreiche und vielbezügliche Vision kann man nicht beschreiben, man muss sie sehen und ihre Vielfalt in der Einheit ihres Raums ausschreiten.

Den Wallfahrern von fernher als Ziel sichtbar, erhebt sich die zwischen 1728 und 1733 erbaute Kirche von Steinhausen in einer weiten, nur leicht gewellten Landschaft und wirkt doch, als läge sie wie viele andere Wallfahrtskapellen auf einer Anhöhe. Ihr Architekt, Dominikus Zimmermann, der Erbauer auch der berühmten Wieskirche im bayerischen Steingaden, erreicht diesen Eindruck durch die Betonung ihrer Vertikalen: ihres Turmes, ihrer vier aufragenden Giebelfronten und ihrer hohen Pilaster. Die blockhafte Strenge des Äußeren, das sich über einem kreuzförmigen Grundriss aufbaut, lässt die architektonische Virtuosität ihres Innenraumes zunächst kaum ahnen. In ihm nämlich verbindet sich der traditionell langgestreckte Kirchenbau mit der Zentralbauidee zu einer für das Rokoko bahnbrechenden ovalen Raumform, der sich der Chor als ein kleines Queroval anfügt. Innerhalb des großen Ovals heben sich zehn hohe Freipfeiler mit reich geschmück-ten Kapitellen zu einer flach gewölbten Kuppel empor und geben dem Raum einen zugleich schwerelosen und kraftvollen Rhythmus.

Seine beeindruckende Anmut lebt vor allem aus der gelungenen Harmonie von Raumgestalt, Stukkatur und Malerei. Dominikus Zimmermann hat den feinsinnigen und lebensfrohen Stuckzierat selbst geschaffen, die Ausmalung hat er seinem etwas älteren Bruder Johann Baptist anvertraut, der, geschult an der venezianischen Freskomalerei, hier wie selten zuvor in einem Kirchenraum Idyllisches und Lyrisches ins Bild bringt und die Stimmungswerte einer atmosphärisch fein nuancierten Farbgebung kultiviert.

Mit nahezu überbordender Phantasie entfalten die Brüder eine Choreographie zum Lob der Schöpfung. Dazu gehören die genau nachgezeichnete einheimische Flora mit Akelei, Glockenblumen und Marge-riten ..., die liebevoll beobachteten Tiere des Steinhauser Rieds, Schmetterlinge und Fliegen, Schnecke, Elster und Grashüpfer..., die vier damals bekannten Erdteile, die Erinnerung an den Garten Eden und andere anmutige Landschaften, Exotisches und Frommes, schließlich die lebendig erzählte Geschichte der Mutter Gottes und, im Zentrum, ihre Aufnahme in den Himmel, in den hinein sich das spiralig bewegte Deckengemälde mit seinen Patriarchen, Propheten, Aposteln und all den anderen heiligen Gestalten öffnet.

Klaus Mönig


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