14. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur

 BadenWürttemberg 2004

 

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 Aktualisierung: 9.8.2004

Sebastian Sailer

Auditores spectatissimi! Honorandi convivae ! Ut Video, 
vobia fluunt in ore salivae ! Tittilat curdositas, et estis 
anheli, quid velim mea Producern cheli

.

Sebastian Sailer

Vortrefflichste Zuhörer ! Ehrenwerte Gäste !
Wie ich sehe, fließt Ihnen bereits das Wasser im Munde zusammen, es kitzelt Sie die Neugierde und Sie sind 
außer Atem, was sich nun dem Gehege 
meiner Zähne enthüllen wird.

Mit diesem lateinischen Prolog begrüßte einst Sebastian Sailer in seinem ersten Mundartwerk mit dem Titel „Die Schöpfung der ersten Menschen -der Sündenfall und seine Strafe«` seine Zuhörer. Er gilt als der Begründer der schwäbischen Mundartdichtung und darf auch als einer ihrer besten Vertreter bezeichnet werden.

Sailer wurde am 12. Februar 1714 als drittes Kind der Familie Johannes Sailer und Anna Maria, geborene Kuenin in Weißenhorn in Bayrisch Schwaben geboren und auf den Namen Johann Valentin getauft.

Sein Vater, ein gräflicher Amtsschreiber, der selbst die höhere Schule besucht hatte, legte Wert auf eine entsprechende Ausbildung seines Sohnes. Er besuchte daher in Roggenburg die Lateinschule und lernte dort die Prämonstratenser kennen.

In ihren Orden trat er dann bereits in jungen Jahren ein. Nach dem Marchtaler Professbuch wurde Sailer am 11. November 1730 in der Abtei Marchtal eingekleidet und erhielt den Klosternamen Sebastian. Warum sich Sailer gerade für das reichsunmittelbare Chorherrenstift zu Marchtal entschieden hat, wissen wir nicht. Ausschlaggebend könnte der gute Ruf der Klosterschule gewesen sein. Ihr lagen nicht nur die Lektüre der lateinischen und griechischen Klassiker am Herzen, sie bemühte sich auch um die neueren Sprachen wie Französisch und Italienisch. Aus heutiger Sicht ist entscheidend, daß die sprachliche Begabung Sebastian Sailers dort offensichtlich voll zur Entfaltung kommen konnte.

Sixtus Bachmann, ein Mitbruder Sebastian Sailers in der Abtei zu Marchtal, schreibt in der Vorrede seiner Ausgabe der mundartlichen Werke Sailers im Jahre 1819: „Er (Sailer) las die griechischen Klassiker, die besten französischen und italienischen Werke im Originale; er war in den orientalischen Sprachen nicht unbewandert und im Spanischen hat er es ziemlich weit gebracht. Er sprach aus dem Stegreif die schönsten Verse her, besonders in lateinischer Sprache. Die Regeln der damaligen deutschen Sprache waren ihm ganz eigen; aber darneben konnte er sich im schwäbischen Dialekt so stark und genau ausdrücken, daß ihn selbst der derbste schwäbische Bauer nicht übertraf.

Sailers sprachliche Fähigkeiten sowohl in der Hochsprache als auch im Dialekt haben ihn letztendlich berühmt gemacht. Zu seinen Lebzeiten war er landauf und landab ein gesuchter Prediger.

Eines Tages erhält er sogar eine Einladung an den Hof nach Wien. Am 12. Juni 1767 predigt er auf der berühmten Kanzel Abraham a Santa Claras in der Augustinerkirche vor der schwäbischen Landesgenossenschaft, die ihr jährliches Gedächtnisfest in der kaiserlichen Hofkirche beging. Alles ist begeistert von seiner Predigt über den aus schwäbischem Geschlecht stammenden Bischof Ulrich aus Augsburg mit dem Thema „Purbild eines weisen Schwaben aus dem Bischoftum Udalrich“. Selbst die Kaiserin Maria Theresia soll ihm dafür ihre Anerkennung ausgesprochen haben. Zur Erinnerung überreicht ihm diese Gesellschaft eine kostbare Dose, auf der mit Perlmutter und Gold eingelegt zu lesen ist: Ciceroni suevico - dem schwäbischen Cicero. Im Zusammenhang mit dieser Reise wird von Sixtus Bachmann folgende Anekdote berichtet. 

Die 14jährige Marie Antoinette, gemalt für den König von Frankreich

„Auf seiner Rückreise von Wien ging seine, Sailers Reise durch Franken, wo er in einem Prämonstratenserkloster einkehrte. Der Herr Prälat und alle Kapitularen wünschten, ihn predigen zu hören. Er erfüllte diesen Wunsch mit allem Beifalle. Bei seiner Abreise begleitete ihn der Herr Prälat bis zum Reisewagen und nahm mit folgenden Ausdrücken von dem Reisenden Abschied: Nun sind wir alle überzeugt, die Schwaben nicht so dumm sind, wie man bei uns in Franken dafür hielt. Sailer entgegnete: und ich bin gänzlich überzeugt, daß die Franken nicht so grob sind, wie man bei uns in Schwaben dafür hielt. Er stieg eilends in den Wagen und fuhr davon.

Sailers herausgehobene Stellung zu seinen Lebzeiten wird auch über seine Veröffentlichungen sichtbar. Neben Predigttexten und Gebetsbüchern, die u. a. bei Mathäus Rieger in Augsburg verlegt werden, ist sein Buch „Das jubilierende Marchtall“ hervorzuheben. Es behandelt die Geschichte seiner Abtei. Sailer veröffentlichte es als Festschrift anläßlich der 600-Jahr-Feier der Abtei Marchtal im Jahre 1771.

Seine Texte in der Hochsprache sprechen uns heute allerdings nicht mehr an, obwohl sie dem barocken Geschmack seiner Zeit voll entsprochen haben. Ein kurzes Textbeispiel aus dem „Jubilierenden Marchtal“ soll dies verdeutlichen. In der Einleitung, die sich über etwa zehn Seiten erstreckt, schreibt Sailer: „Hochwürdiger Reichsprälat! Gnädiger Herr, Herr! Niemand in der Welt wird uns verargen, wenn wir diese wenige Blätter, wie es wirklich geschieht, in die Hände Eurer Hochwürden und Gnaden zum Zeugnisse unserer kindliebsten Ergebenheit, unserer ungefärbten Gesinnung und unserer wahrhaften Liebe überreichen. Wir fühlen hierin solche Triebe, welche uns gebiethen, und solche Reizungen, deren süßen Zwang wir dergestalten empfinden, daß wir uns einer derben Verletzung der kindlichen Pflichten schuldig zu sein glaubten, so wir jemand anders dieses Werken weihen sollten“. 

Titelseite des Jubilierenden Marchtall, verfasst von Sebastian Sailer zum 600jährigen Bestehen des Stifts Marchtal

Es sind also nicht seine Predigtschriften und anderen hochsprachlichen Arbeiten, die Sebastian Sailer bis in unsere Zeit hinein bekannt erhalten haben. Unter den schwäbischen Mundartdichtern nimmt der Marchtaler Chorherr einen besonderen Rang ein. Er kann als der Vater der schwäbischen Mundartdichtung bezeichnet werden.

Den Hintergrund für die Anerkennung seiner Mundartwerke bilden sein gutes Sprachgefühl, sein Humor, der in vielen Anekdoten zum Ausdruck kommt, und nicht zueltzt seine langjährige Tätigkeit als Pfarrer in verschiedenen bäuerlichen Gemeinden rund um Marchtal und den Bussen.

Nach einem reichen erfüllten Leben zwang ihn ein Schlaganfall zur Rückkehr ins Kloster. Er starb am 7. März 1777. Eine einfache Steinplatte in der Gruft von Obermarchtal gibt den Platz an, an dem er nun mit seinen Mitbrüdern um die Wette schläft“.

Ludwig Walte r


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