16. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur

 Baden-Württemberg 2006

 

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Dichterlesung mit John von Düffel

 


 

Frauke Mühle-Bohlen und Ulrich Meyer begleiten John von Düffel zum Tagungsraum.

 

Ulrich Meyer und der Autor John von Düffel

 


Während der Lesung


VIDEO

Ausschnitte aus der Dichterlesung mit
John von Düffel:
Über das Schreiben
Vom Wasser

DSL-Qualität- 357 Kbit/s, 6:17 Min.)
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John von Düffel

Schrieb noch im Jahre 2000 ein Journalist über John v. Düffel, er sei "in kürzester Zeit mit seinen amüsanten Stücken zu einem Geheimtipp auf deutschen Bühnen avanciert", so wird heute niemand mehr von einem Geheimtipp sprechen. Schon im Jahre 1999 waren die Stücke "Die Unbekannte mit dem Fön" und "Rinderwahnsinn" die meistinszenierten Stücke auf den deutschen Bühnen und auch mit dem Adjektiv 'amüsant' sind seine Stücke nur sehr unzureichend und vordergründig charakterisiert. Gleichberechtigt neben dem Dramatiker v. Düffel gibt es auch noch den Romancier, den Hörspielautor, den Filmjournalisten, den Tanz- und Theaterkritiker und den Übersetzer John v. Düffel.

Geboren wurde John v. Düffel 1966 in Göttingen, wuchs "mal hier, mal da auf" (J. v.D), so dass er über sich selbst sagt: "Was Heimatgefühl angeht, bin ich von daher nicht so festgelegt". Dieses "mal hier, mal da" steht für das nordirische Londonderry genau so wie für Vermillon, South Dakota (USA) und für verschiedene kleinere deutsche Städte, unter anderem auch für Oldenburg, wo er 1985 sein Abitur ablegte. Studiert bzw. sein Studium der Philosophie, der Germanistik und der Volkswirtschaft abgeschlossen hat v. Düffel 1989 in Freiburg mit der Promotion über ein erkenntnistheoretisches Thema. Anschließend begann sein bis heute andauerndes und sehr viel Disziplin forderndes Doppelleben als Dramaturg und als Schriftsteller ("..., dass ich regelmäßig morgens schreibe, also von sieben bis zehn Uhr morgens... mitunter ist es auch nur ein Wort oder ein Satz, der mir in den ersten drei Morgenstunden einfällt,..." J.v.D.).

Seine Stationen als Dramaturg waren u.a. Stendal (1991), Oldenburg (1993 – 1996), Basel (1996 - 1998), Bonn (1998), Göttingen (1999) und Hamburg (seit 2000), wo er am Thalia-Theater die bisher einzige Bühnenfassung von Thomas Manns "Buddenbrooks" erarbeitete. Aktuell hat John v. Düffel seinen Schreibtisch in Karlsruhe stehen, einer "idealen Stadt zum Romanschreiben", denn "als Stimulation brauche ich weder Chaostage in Hannover noch Berliner Luft oder Cafés, in denen Superhirne über Literatur diskutieren, sondern meine Ruhe" (J.v.D.). Schreiben und die Arbeit als Dramaturg hat v. Düffel "nie als einander ausschließend empfunden, sondern eher als etwas sehr Zusammengehöriges" (J.v.D.). Dies zeigt sich auch darin, dass er sowohl eine Dramatikerwerkstatt für junge deutsche Dramatiker am Deutschen Theater in Göttingen als Mentor begleitete (1999) und als Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo Schreiben gelehrt wird, tätig war (2000).

Als Theaterautor setzt sich John v. Düffel seit seinen ersten Stücken mit aktuellen politischen Themen auseinander, so z. B. in "Oi" (1995)oder "Solingen" (1995) mit der rechten Szene und dem Neofaschismus, in "Born in the RAF - Lebensbeichte eines Terroristenkindes" (1999) mit der Terrorismushysterie in der BRD. In den Stücken "Rinderwahnsinn" (1999)und "Die Unbekannte mit dem Fön" (1999) geht es um den Konflikt zwischen den bzw. innerhalb der Generationen. Diese Orientierung an der Gegenwart und ihrer gesellschaftlich-politischen Verfassung zieht sich wie ein roter Faden durch v. Düffels dramatisches Schaffen bis hin zum Stück "Kur-Guerilla" von 2004 .In einem Artikel der Zeitung 'Die Welt' vom 25. 5. 2000 bekennt sich v. Düffel auch theoretisch klar zu dieser Theaterkonzeption: "Mehr denn je muss sich das Theater an seinem Wirklichkeitsgehalt messen lassen, wenn es nicht zum Museum seiner selbst erstarren will."

Ist John v. Düffel auch in Bezug auf sein Heimatgefühl nicht festgelegt, so hatten doch all die wechselnden Landschaften seiner Kindheit eines gemeinsam: "Sie lagen am Wasser" (J.v.D;). Und so gibt es bei ihm ein durchgängiges Lebensthema: die Anziehungskraft des Wassers, die Faszination durch das Wasser, wie auch der Titel seines ersten Romans zeigt: "Vom Wasser" (1998): Über 5 Generationen wird hier die Familiengeschichte einer Papierfabrikantendynastie vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte seit dem Kaiserreich erzählt. Dabei ist der Ich-Erzähler, der deutlich autobiographische Züge trägt, stark vom Wasser, von seinem Fliessen, seinen Geräuschen und Gerüchen fasziniert.

 

John von Düffel am 21.01.2002 im Literaturhaus Köln

Das Wasser hat in diesem Roman und auch im Leben v. Düffels sowohl metaphorische (das Dahinfliesen der Gedanken, die vergehende Zeit) als auch ganz reale Bedeutung ( die Flüsse Diemel und Orpe, an denen die Papierfabrik liegt, gibt es ). John v. Düffels eigene "ausführliche Beschäftigung mit dem Wasser war erst mal gar nicht literarisch, sondern rein körperlich, optisch, physisch,..." (J.v.D.). Wie der Ich-Erzähler – namenlos wie alle Figuren des Romans - zum Langstreckenschwimmer wird, ist auch v. Düffel ein Ausdauerschwimmer, der an der Perfektion seiner Kunst arbeitet, an der Perfektion des Schwimmens und des Schreibens: "Was also braucht man zum Schreiben? Dasselbe wie zum Schwimmen: vor allem Kondition und Disziplin" (J.v.D.).

Ulrich Meyer


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