16. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur

 Baden-Württemberg 2006

 

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Cella Ohsenhusen - Reichsstift Ochsenhausen

 Über Geist und Form einer Klosteranlage

 

 

 

 "Wir wollen also eine Schule für den Dienst des Herrn gründen... Sobald man aber im klösterlichen Leben und im Glauben Fortschritte macht, weitet sich das Herz, und man geht den Weg der Gebote Gottes in unsagbarer Freude der Liebe. Wir wollen uns also nie der Leitung dieses Meisters entziehen, sondern im Kloster bis zum Tod an seiner Lehre festhalten und in Geduld am Leiden Christi teilnehmen, damit wir auch verdienen, Anteil zu haben an der Herrlichkeit seines Reiches.  Amen". 1

Diese Worte Benedikts, geschrieben etwa 550 Jahre nach Christi Geburt, umschreiben bis heute gültig den Sinn klösterlichen Lebens. Was aber macht ein Kloster aus? Benedikt unterscheidet und wertet: "Bekanntlich gibt es vier Arten von Mönchen. Die erste Art ist die der Coenobiten.  Diese leben im Kloster und dienen unter Regel und Abt ".2 Dieser "tüchtigsten Art" gibt seine Regel "eine feste Ordnung". Im Mittelpunkt dieser Lebensordnung steht das Gebet: "Es ist die Sorge des Abtes, die Zeit zum Gottesdienst bei Tag und Nacht anzuzeigen".3 Und das gemeinsame Leben: "wenn es möglich ist, schlafen alle in einem Raum... die Mönche seien stets bereit. Wenn das Zeichen gegeben wird, sollen sie unverzüglich aufstehen und sich beeilen, einander zum Gottesdienst zuvorzukommen..."4 sowie die gemeinschaftlich zu bewäl­tigende geistige und körperliche Arbeit: "... sollen sich die Brüder zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu bestimmten Stunden dagegen mit heiliger Lesung beschäftigen... denn erst dann sind sie wirkliche Mönche, wenn sie von der Arbeit ihrer Hände leben..."5.

Dies alles geschieht zwar im Kontakt, dennoch in deutlicher Distanz zur Welt außerhalb des Klosters: "ein Bruder, der zu irgendwelcher Besorgung hinausgeschickt und noch am gleichen Tag im Kloster zurück erwartet wird, darf sich nicht erlauben, draußen zu essen, auch wenn er dringend von jemand gebeten wird, es sei denn, sein Abt gebe ihm die Erlaubnis."6. Gemeinschaftlich ist auch der Besitz und das Wirtschaften des Klosters; die einzelnen Mönche sind besitzlos: "alles Notwendige aber dürfen sie vom Vater des Klosters erwarten, alles sei allen gemeinsam." 7. Damit aber auch diese persönliche Armut nicht dem materiellen Nutzen des Klosters, dem Reichwerden der Gemeinschaft, diene, sagt die Regelbestimmung über den Cellerar, den vom Abt eingesetzten Verwalter all der klösterlichen Besitztümer,: "er soll Sorge tragen für alles: er soll für die ganze Klostergemeinde wie ein Vater sein... in der festen Überzeugung, dass er am Tag des Gerichtes für diese alle Rechenschaft ablegen muss.  Alles Gerät und die ganze Habe des Klosters soll er als heiliges Altargerät betrachten."8. Damit schließt sich der gedankliche Kreis: Eine Schule für den Gottesdienst ist - bis in ihre Einzelheiten hinein - selbst Gottesdienst.

Entsprechen die wirklichen Bauten diesem geistigen Gebäude? Im sogenannten "St. Galler Klosterplan" entwarf Abt Heito (806 - 823) auf der Insel Reichenau ein Idealkonzept, wie der geistige Bauentwurf Stein werden könnte. -

Im Jahr 1093 weihte der Bischof von Konstanz die Kirche und Cella, das ist das St. Georgs-Kloster in Ochsenhausen, als Priorat von St. Blasien.  Gestiftet von Ritter Hattu von Wolfertschwende und seinen drei Söhnen und vier Töchtern zur Erlangung ihres Seelenheils. Die ganze Vorstellung der mittelalterlichen ecclesia militans ist in diesem Satz enthalten. St. Blasien gehörte zu den Klöstern der cluniazensischen Reform: klösterliches Leben galt ihnen als der beste Weg zum Heil. Der Prior unterstand in allen wichtigen Entscheidungen den Weisungen und Entscheidungen seines Abtes. Nur sehr klein kann die mönchische  


Gemeinschaft gewesen sein - meistens waren es 12 Männer, die zu einer solchen Filiation ausgeschickt wurden. Und die Ritterfamilie erkaufte sich so ein Stück des heiligmäßigen Lebens, ein Stück Himmel.

Ein halbes Jahrtausend nach seiner Gründung, genau 530 Jahre später, zeigt das früheste Gesamtbild von Ochsenhausen die ­inzwischen große, gotische, dreischiffige Basilika, die an allen vier Seiten von den Konventsgebäuden umgeben wird, deren gewaltiges Vorbild der kaiserlich-königliche Escorial Karls V und Philipps II war. Kreuzgang, Abtgebäude, Garten finden sich im inneren Bereich von Kirche und Konvent.  Diverse Ökonomiegebäude umgeben diese zentrale Klausur wie einen zweiten Mauerring, selbst gegen die Welt abgeschlossen durch die Klostermauern. Im Eck (unten rechts) der Friedhof und seine St. Veit-Kapelle.

Ora et labora - vita communis, oboedientia und coenubium in Refektorium und bei der Eucharistie: bis in Einzelheiten prägt die Regel den Baukörper, bestätigt die Gebäudeanlage die Regel. Und dies in einer Momentaufnahme der Außenansicht nach immerhin rund 1000 Jahren, die diese Regel schon hinter sich hatte.

Deutlicher noch wird der monastisch-benediktinische Geist, wenn man - ­und sei es auch nur an wenigen Details - die natürlich komplexe und vielfältige Baugeschichte des Klosters betrachtet mit ihren Umbauten, Erweiterungen, Abrissen und Neugestaltungen.

Die Klosterkirche wurde 1489-1495, vor etwa 500 Jahren also, neu errichtet: als dreischiffige Pfeilerbasilika ohne Querschiff, also ganz traditionsgemäß dem spätgotischen Hallenbau, nicht aber der moderneren Renaissance verpflichtet. Indes: der Grundriss verrät die theologische Überlegung dahinter. Chorraum und Schiff bilden eine Einheit, der Chorraum ist ebenfalls ganz dreischiffig: die - insgesamt 15 - Altäre der Kirche vereinigen sich so zum liturgischen Konzert, gemäß den überkommenen Vorstellungen von Cluny und St. Blasien, wonach der Raum dem Kult und der Liturgie in ihm zu folgen habe.  Und die ungebrochene Höhe der aufstrebenden Schiffe: "Ende des 15.Jahrhun­derts war ein solcher steil basilikaler querschiffsloser Raum ein Bekenntnis zu einer bedingungslosen Abhängigkeit des Menschen vom Jenseitigen."9

1495, im Jahr der Kirchweih des Neubaus, wurde die Klosterkirche Pfarrkirche, die Abtei Reichsabtei, ihr Abt mit bischöflichen Insignien ausgestattet. Seelsorge der zukünftigen Jahrhunderte wurde bei der Größe des Baus mitbedacht, denn die Pfarrei selbst hatte nur 133 Untertanen.

Unser Bild zeigt die Konventsgebäude noch im großartigen Umbau, der von 1615-32 einen "Riesenbau" für nur 31 Mönche erstellte, "damit durch neue Gebäude neue Sitten und genaue Regelbeobachtung eingeführt würden".l0 Dass dieser gegenreformatorische Bau dem Escorial von seinem jesuitischen (!) Baumeister Bruder Stefan Huber, angeglichen wurde, bestätigt nur die Grunderkenntnis noch einmal: "Es gibt keine einzige künstlerische Leistung, welche nicht dem Zweck diente, das geistliche Leben zu entwickeln"11, hier im Sinne der Gegenreformation im Geist des Trienter Konzils.

Im Geist des Barock wurde die gesamte Klosteranlage in den Jahren ab 1725 umgebaut. Die gegensätzlichen Gefühle des jenseits gerichteten IN DEO PAX und des diesseitig - hedonistischen CARPE DIEM springen bis heute - und gerade nach der großen Restauration von 1984 - uns ins Auge.  Es ist reizvoll, auch hier im Großen (Westfassade der Kirche) wie in den Details (Mariensäule, Mittelrisalit der Südfassade, Gestaltung der Innenräume von "Prälatur", Konvent und Kirche) die liturgisch theologische Übereinstimmung zu suchen: zum barocken Theater, zum kultischen Schauspiel (Musikzimmer und Kirchenorgel), zur Repräsentanz des Abtes als - auch - Herr eines Territoriums (Treppenhäuser, Festsaal), zur wissenschaftlichen Betätigung des Ordens in Forschung und Lehre (Bibliothek). Abt Rupert Ness von Ottobeuren fasste 1722 diese Gedanken der barocken ecclesia triumphans in einer Kapitelansprache so zusammen: "Dies ist das Haus Gottes und die Wohnung seiner Diener; es verlangt Schmuck und Reinheit, Klarheit. “Structura monasterii est regularis, ornata, commoda et per lucida."12 Ein aufmerksamer Gang durchs Haus, ein verständiges Betrachten der Kunstwerke zeigt diese Überzeugung auch in Ochsenhausen rasch auf.

Über all dem aber steht der alte Gedanke Benedikts: das Kloster ist eine Schule für den Dienst des Herrn. So gesehen haben die Klostergebäude allen ihren speziellen Verwendungszwecken einen großen Zweck übergeordnet. Der Klosterbau ist zu jeder Zeit ein architektonisches Werk zu Ehren Gottes.

Das Ende der langen Klostergeschichte ist schnell erzählt: Der „Reichsdeputations-Haupt(be)schluss“ gab 1803 den Klosterstaat Ochsenhausen an den Fürsten Metternich, den Vater des später berühmten kaiserlichen Ministers . Die Mönche müssen das Kloster verlassen; die Bibliothek, eine der „schönsten und zahlreichsten in Schwaben“ wird fortgeführt und in alle Welt zerstreut. Schon nach 20 Jahren (1825) verkauft der Sohn  den ungeliebten Besitz, einen 225 Quadratkilometer großen Staat mit rund 8 660 Einwohnern und einer jährlichen Ertragskraft von 120 Tausend Gulden an den König von Württemberg. 1,2 Mio. Gulden bringt ihm die „fette Beute“ von 1803.

Königliche Ackerbauschule, Waisenhaus, Krieglazarett, Lehrerinnenoberschule, Aufbaugymnasium: das waren die folgenden Verwendungszwecke. Heute ist das alte Kloster wieder eine Bildungsstätte, die weit in das Land hineinwirkt. Die Klosteranlage beherbergt die Stiftung „Landesakademie für die studierende Jugend“, die Grund- und Hauptschule der Stadt Ochsenhausen sowie Räume für Konzerte und Ausstellungen. 

Die Umgebung des Klosters weckt Erinnerungen an die Zeit der Mönche: Ein Lehrpfad durch den Fürstenwald zeigt, wie die Wasserversorgung in früheren Zeiten funktionierte. Auch der Ziegelweiher stammt von den Klosterherren: Er war, wie der Name andeutet, eine Lehmgrube. Heute lockt er als idyllisch gelegenes Freibad im Sommer Jung und Alt.

Am anderen Ende der Öchsle-Strecke, in Warthausen, wartet eine ungewöhnliche Ausstellung auf die Besucher: Dort hat sich das einzigartige Knopf-Museum etabliert. Es verspricht: „Sie werden Knöpfe mit anderen Augen sehen.“ Hunderte von Prachtstücken machen deutlich, dass Knöpfe seit jeher Statussymbole waren, die nicht nur Hemd und Mantel zusammenhielten, sondern auch Macht und Reichtum ausdrückten. Zu den wertvollsten Exemplaren in dem Museum im alten Bahnhof gehören ein südindischer Hochzeitsknopf, handgeschnitzte Elfenbeinknöpfe und ein schwarzer Jet-Knopf aus viktorianischer Zeit.

Siegfried Körsgen

 

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1.Regel des heiligen Benedikt (RB), Vorwort 45; 49 - 50.  Zitiert nach: die Benediktusregel, lateinisch-deutsch.  Hrsg. v. P. Basilius Steidle OSB, 3. Auflage 1978 Beuron, S.59f.

2. RB, Kp.1, 1-2,a.a.0.S.61.

3. RB, Kp. 47, 1,a.a.0.S.143.

4. RB, Kp. 22,3;6. a.a.0.S.109f.

5. RB, Kp. 48, 1; 8. a.a.0.S.145.

6. RB, Kp. 51, 1-2. a.a.0.S.151.

7. RB, Kp. 33,5 a.a.0.S.123.

8. RB, Kp. 31,3; 9, 10. a.a.0. S. 119

9. Adolf Schaal, Das künstlerische Leben in der Reichsabtei Ochsenhausen.  Gestaltung und Gesinnung.  In: Reichsabtei Ochsenhausen Geschichte und Kunst.  Festschrift herausgegeben von der Stadt Ochsenhausen 1984 Seite 9.

10. Abt Johannes Lang (15.Abt;1613-1618) zitiert bei Schaal a.a.0.S.16f.

11. Schaal a.a.0. S.18

12. zitiert nach Schaal a.a.0.S.24.


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